Sieh ! darum bat ich dich heute zu mir - denn du sollst sanft , ohne Reue , ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herübersehen in deinem künftigen langen Leben . - Heute wirst du nicht böse über die kleine Linda , daß sie vom Sterben spricht - Siehst du wohl , daß ich damals recht hatte ? - Hole mir das Blatt dort ! « Er gehorchte ; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriß von ihr , der Lindas edeln Kopf vorstellte . Albano sah das Blatt nicht an . » Nimm es zu dir « , sagte sie ; er tat es . » Wie bist du so willig und gut ! « ( sagte sie ) » Du verdienst Sie - ich nenne sie dir nicht - als den Lohn deiner Treue gegen mich . Sie ist deiner würdiger als ich , sie blüht wie du , siecht nicht wie ich ; aber tu ihr nie unrecht - Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrüben , festes Gemüt , durch ein heftiges Nein ? « - » Himmels-Seele ! « - ( rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das Totenopfer des erstickten Neins ) » ich antworte dir nicht - Ach vergib , vergib der frühern Zeit ! « - Denn nun sah er erst , wie demütig , leise und doch innig die zarte , stille Seele ihn geliebt , die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie an Lilars schönen Tagen sprach und liebte , so wie die schmelzende Glocke im brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tönt . » So lebe nun wohl , Geliebter ! « ( sagte sie ruhig und ohne Träne , und ihre matte Hand wollte seine drücken ) » Reise glücklich in das schöne Land ! - Habe ewigen Dank für deine Lieb ' und Treue , für die tausend frohen Stunden , die ich dort erst verdienen will163 , für Lilars schöne Blumen ... Die Kinder meiner Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu ' un songe - - Was wollt ' ich dir sagen , Albano ? Mein Lebewohl ! Verlasse meinen Bruder nicht ! - O , wie du weinst ! Ich will noch für dich beten ! « - Die Sterbenden haben trockne Augen . Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft . Sie wissen es nicht , wie ihre lallende Zunge einschneide in die weit aufgerissenen Herzen . Die sanfteste Seele wußt ' es nicht , wie sie ein Schwert nach dem andern durch ihren Albano stieß , der es nun fühlte , daß er der Heiligen , der schon die Frühlingswinde , die Frühlingsdüfte des ewigen Ufers entgegenzogen , nichts mehr sein , nichts mehr geben konnte , nicht einmal die Demut nehmen . Als sie es gesagt , richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert auf , sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst : » Erhöre mein Gebet , o Gott ! und lasse Ihn glücklich sein , bis er eingeht in deine Herrlichkeit . Und wenn er irret und wankt , so schon ihn , o Gott ! und lasse mich ihm erscheinen und ihm zureden . - Dir aber allein , du Allgütiger , sei Preis und Dank gesagt für mein frohes , stilles Leben auf der Erde , du wirst mir nach der Ruhe droben schenken den schönen Morgen , wo ich arbeiten kann .... Wecke mich früh aus dem Todesschlafe .... Wecket mich , wecket ! ... Mutter , das Morgenrot165 liegt schon auf den Bäumen . « - Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen . Der todesschlaftrunkne Blick und das Irrereden sagten an , daß nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme . » Erscheine mir , du bist ja bei Gott ! « rief Albano sinnlos . Umsonst wollt ' ihn Augusti wegführen ; ohne Antwort , ohne Regung stand er eingewurzelt fest . Liane wurde immer blasser , der Tod schmückte sie mit dem weißen Brautkleid des Himmels an ; da hörte sein weinendes Auge auf , die Qual gefror , und das weite , schwere Eis der Pein füllte die Brust . Unverrückt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen Abendhimmels , wie forschend und erwartend , daß der Himmel aufgehe und die Sonne gebe . Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein : » Geh nicht zu Gott , ich seh ' dich sonst nie mehr - sieh mich an , segne , heilige mich , gib mir deinen Frieden , Schwester ! « - Sie war still in die lichter aufbrechende Sonnenwolke vertieft . » Sie hält dich für mich « ( sagte Albano zu Karl wegen ihrer ähnlichen Stimmen ) » und gibt dir keinen Frieden ! « - » Stiehl meine Stimme nicht « , sagte Karl zornig . - » O , lasset Sie in Ruhe « , sagte die Mutter , aus deren gebückten Augen nur kleine , sparsame Tränen auf den Kranz der Tochter zitterten , deren mattes , nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Händen hielt . Auf einmal , als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell herunterblickte , erschütterte sich die stille Gestalt ; Sterbende sehen doppelt , sie sah zwei Sonnenkugeln und rief , an die Mutter geschmiegt : » Ach Mutter , wie groß und feurig sind seine Augen ! « - Sie sah den Tod am Himmel stehen . » Bedecket mich mit dem Leichenschleier « ( flehte sie ängstlich ) » meinen Schleier ! « Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu ; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich . » Denk an den allmächtigen Gott ! « rief ihr der fromme Vater zu . » Ich denke