Nacht , ewiges Schweigen und ewige Einsamkeit ! Wem wird sich bei diesem Gedanken das Haar nicht sträuben , als vielleicht dem , der satt ist und überdrüßig der Welt , der sich müde gelebt , oder dem , der auf eine vollbrachte Aufgabe , einen erfüllten Zweck zurückblicken kann mit jener Genugtuung , die hinreicht , eine Ewigkeit der Erinnerung auszufüllen — aber sie ? Sie war nicht überdrüßig der Welt , sie wollte dieselbe ja erst genießen , sie war nicht alt , sie fing ja erst an zu leben ! Sie hatte noch nichts getan , ihren Zweck zu erfüllen , nichts , worauf sie befriedigt zurückblicken konnte . — Es war zu früh , wenn sie jetzt dahin mußte , sie hatte nichts vor sich als eine Ewigkeit der Reue ! Und diese Angst , wie lange sollte sie diese noch ertragen , bevor sie kam , die gefürchtete Gewißheit ? „ O , der grausame Tod ! “ klagte sie . „ So erfaßt er mich tückisch in der elendesten Form des Siechtums — des langsamen Siechtums . Dränge er als Mörder auf mich ein , daß ich mit ihm kämpfte , stürzte er in Gestalt eines Felsblocks auf mich nieder , daß ich ihm zu entspringen suchte , flutete er als reißender Strom über mich weg , daß ich schwimmend mit den Wogen ränge , es wäre besser , als mich so zu beschleichen — so unsichtbar — ungreifbar — unausweichbar ! Flüchte , armes Opfer , flüchte hin über Meere in den fernsten Weltteil , Du entfliehst ihm nicht , Du trägst ihn ja in Dir ! Wirf Dich auf den schnellsten Renner und jage durch Wald und Heide , Du entrinnst ihm nicht . Du trägst ihn ja in Dir ! Klimme empor zu den leuchtenden Firnen der Alpen , — umsonst , umsonst ! Du trägst ihn ja in Dir ! “ Sie stürzte auf die Kniee nieder . „ O allgewaltige Natur , harte Mutter , die mich nicht mehr an ihrem Busen nähren will , erbarme , erbarme dich und rette dein Kind , gib nicht den jungen , schaffenden Geist der Vernichtung preis und sein Gefäß der Verwesung ! — Millionen atmen und gedeihen , die nicht wert sind , deine Segnungen zu genießen , und mich , deine Priesterin , stößest Du aus ? “ Sie lag lange so mit flehend gerungenen Händen , als erwarte sie eine Antwort . Alles blieb still um sie her , kein Zeichen des Erbarmens lichtete sie auf . Sie besann sich . „ O , die Natur ist unerbittlich — was bet ’ ich zu ihr — sie hört mich nicht , sie denkt nicht , fühlt nicht , unbekümmert rafft sie mich hinweg , die blinde Willkür des ewig treibenden Räderwerks ! Ist denn keine Hand da , die in seine Speichen griffe ? Keine bewußte Kraft , die nach dem Werte eines Daseins richtet und spräche : Du bist würdig zu leben , darum lebe ? — Sie ist , sie ist ! In den Qualen dieser Stunde fühl ’ ich ’ s , es muß eine höhere Gerechtigkeit , es muß eine andere Gottheit geben als die Natur — der Geist , der jetzt in Todesbangen mit ihr kämpft , der Geist muß eine andere Zuflucht haben und ein ’ höhere Bestimmung als zu leben ! “ Sie preßte die Hände auf die Brust . „ O der Glaube , der Glaube ! — Aber wenn dem selbst so wäre , wenn es einen Gott gäbe , welches Recht hätte ich , auf sein Erbarmen zu hoffen ? Unselige , könnte dein eitler Stolz vor solchem Richter bestehen ? Was hast Du getan ; das dich der Gnade eines Gottes würdig machte ? Hast Du der Welt etwas genützt , ein Wesen beglückt , ein Band geknüpft , das seine Milde zu schonen brauchte ? Hast Du ihn nicht verleugnet ein ganzes Leben hindurch , zu dem Du jetzt in deiner feigen Todesnot , die letzte Zuflucht nimmst ? Und Du erwartest Hilfe und wagst es , die Augen aufzuschlagen und vom Himmel zu verlangen , was Dir die Erde versagt ? Nein , täusche Dich nicht , es ist nirgend Erbarmen , nicht bei der Natur , nicht bei den Menschen , nicht bei Gott ! “ — — Der Glaube kam über sie mit all seinen Schrecken , denn er ist nur dem ein liebender Freund , der es ihm ist , aber dem , der sich ihm verschlossen , naht er rächend , vernichtend mit Sturmes Gewalt . Er riß sie los , die kranke Seele , wie ein welkes Blatt vom Baume der Erkenntnis und wirbelte sie hinunter in die Nacht der Verzweiflung . Ein Schrei , ein letzter : „ Johannes , komm , hilf ! “ entrang sich Ernestinens Lippen und der Tür zustrebend stürzte sie besinnungslos zusammen . Erstes Kapitel Gerichtet . Leuthold hatte die Unterredung zwischen Johannes und Ernestine bis zu dem Punkte belauscht , wo er einsah , daß Johannes Sieger bleiben werde . Mehrmals überlegte er , ob er nicht eintreten solle , um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben , aber bei der Entschlossenheit Möllners wußte er , daß dies ganz fruchtlos wäre und daß Jener ihn nur zum unfreiwilligen Zeugen seiner Anklagen machen würde . So stieg ein anderer Plan in ihm auf — der , Johannes Anwesenheit bei Ernestinen zu benutzen und zu entfliehen . Als er die Überzeugung gefaßt hatte , daß sein Spiel verloren sei , raffte er den letzten Inhalt der Kasse zusammen und schrieb einige Zeilen an Ernestine , die sie auf seinem Tische finden sollte , wenn sie ihn suchte . Sie lauteten : Ich habe Dein Gespräch belauscht und war Zeuge der für mich unglücklichen Wendung , die es nahm . Ich kann nun nichts mehr hoffen und es bleibt mir nur übrig , den Tölpel zu