verfolgen ihn jetzt . 7. Valerius an Hippolyt . Ich bin nach Grünschloß gegangen ; der Graf ist schwach und alt geworden , und er wußte nicht recht , ob er sich freuen oder verlegen sein sollte , da ich eintrat . Ach , wie verwüstet erscheint mir alles : der Park ist verwildert , das Gebäude wird schadhaft . Alberta hat einen gleichgültigen Edelmann geheiratet , bringt Kinder zur Welt und scheint für die gewöhnlichsten Dinge ihren früher so anmutigen Enthusiasmus zu versplittern . Ihre Schönheit soll sehr zusammengefallen sein , und daß ich Dir ' s nur gerad ' heraussage , der alte Herr wird mitunter sogar etwas kindisch ; seinen barocken Liebhabereien , denen wir früher gern einen elastischen , schwunghaften Geist unterlegten , muß doch in jeder Weise ein tüchtiger Mittelpunkt abgegangen sein . Dadurch wird jetzt auch zur Faselei , was früher charakterspröde , interessante Kaprice war , und die Leute verlachen ihn - das ist doch falsch ; jene Zeit mit ihrer Laune war doch in ihrer Art interessant , und der Bezug auf den Ausgang mit dem alten Herrn ist unrichtig . Ach die Welt , die Welt , was wirst sie alles durcheinander ! Und das Leben in seiner schonungslos mähenden Weise , was ist es ernsthaft ! Wie traurig erleb ' ich ' s an mir selbst , auch im Verhältnis zu diesem Engel Kamilla , den ich vernichtet habe , ich mag sie noch so sehr für einen Engel halten . Sie ist nicht hier , sie ist aus der Welt verschwunden , kein Mensch weiß das geringste von ihr . Da sieh den Menschen ganz und gar , indem Du in mein Herz blickest : in der ersten traurigen Gefängniszeit hielt ich mich glücklich ganz und gar , wenn ich ein ganz kleines , stilles Leben mit Kamilla führen , ihr mit eitel Sorgfalt und Liebe danken könnte , was ihr Herz an mir getan - im Gefängnisse selbst verschwand dieses Bild schon völlig , ganz einsam in der Freiheit wünsch ' ich doch jetzt nicht einmal , an ihrem Herzen getröstet zu sein , wenn auch nur für einen Augenblick . Ich möchte ihr Gutes und Liebes erweisen , aber nicht in der Weise , wie es der Liebhaber will - das nennt die Welt nichtswürdig , ach , die Welt ! Wer klassifiziert die Gefühle , ohne zu lügen ! Für die Rohen , für die Nichtdenkenden bewahrt eure Tabellen , das starke kräftige Individuum verschont damit , wenn ihr ' s nicht lähmen wollt . Die Dankbarkeit ist eine Tugend der Gesinnung , ein Herz , das ihre Regung nicht empfindet , ist frevelhaft , wer sie im allgemeinen nicht verlangt , stellt die Menschen einander mit fletschenden Zähnen gegenüber . Die Dankbarkeit aber , wenn sie überall verlangt wird als fraglose Tat , ist eine Last , welche die Menschen und den Fortschritt zu Boden drückt . Die Größe kann fast niemals dankbar sein , und wenn die Liebe im Boden der Dankbarkeit groß gezogen werden soll , so wächst die Lüge oder die Mittelmäßigkeit auf . Auch Deine Briefe habe ich gefunden - Herr des Himmels , schicke mir endlich wieder einmal ein Menschenbild , an dem ich mich laben kann ! Mensch , wenn Du nicht eine Welt erobern kannst , so wirst Du ein gemeiner Frevler , weil Du ganz undankbar , ganz rücksichtslos nur Deinen Gelüsten lebst . Du mußt ein Napoleon werden , oder man muß Dich totschlagen ; nur das Außerordentlichste darf so frech , einseitig und egoistisch sein . Der alte Herr hat mir heute einen Steckbrief gewiesen ; mit Konstantins Tode geht es mir , wie ich Dir sagte . Er war sehr betreten , ob er mich verbergen dürfe - ich werde morgen in einen Wald gehen und mit einem Köhler Meiler brennen . Und ist die Welt nicht schwer ? 8. Hippolyt an Valerius . Gestern hat mir der kleine liebenswürdige Pelagianer folgendes aus seinem Brüsseler Leben erzählt , was er zum Teil noch neben mir angesponnen hat . Du weißt so gut wie ich , daß auf die Wahrhaftigkeit Leopolds kein Sou zu verwetten ist , das folgende ist aber ziemlich allgemein bekannt worden , und man bestätigt mir das einzelne von vielen Seiten . Eine reiche Handelsfrau , Madame Joao , fährt bei rauher Witterung durch eine enge Straße in Brüssel ; es kommt ein Wagen entgegen , daraus entsteht Verzug . Hinter einen Prellstein geschmiegt , spärlich von Lumpen bedeckt , sitzt ein kleines Mädchen . Das kleine Wesen , in einem Körbchen Früchte zum Verkauf haltend , friert sehr und blickt mit ihren wunderbar schönen Augen rührend zu Madame Joao auf . Diese fühlt sich im Innersten betroffen von dem rührenden Blicke , läßt das Kind in den Wagen heben , wärmt es , findet ein fein gebautes , reizendes Geschöpf , fragt nach Vater und Mutter desselben , fährt dahin , läßt sich das Kind abtreten und verspricht den Eltern dafür eine jährliche Unterstützung . Das Mädchen heißt Maria und nimmt sich in den neuen Kleidern wie ein Engel aus ; die wunderbaren Augen , unschuldig , lieb , bittend , wie man sie bei Gemsen findet , üben den gewinnendsten Zauber auf alle Welt . Haut , Farbe , Formen sind von zartester Feinheit , die Sprache ist weich , das Verständnis zeigt sich sehr empfänglich , das Gefühl überaus fein , und tief , die kleinste Erregung desselben gießt eine schöne Röte über das sonst ein wenig blasse Gesichtchen . Madame Joao ist sehr glücklich in dem neuen Besitze , es vergehen ein paar Jahre , sie läßt Marien sorgfältig unterrichten , diese lernt alles mit Leichtigkeit und gedeiht aufs beste . Madame Joao , eine reiche , unabhängige Witwe in den besten Jahren , hat einen jungen Schauspieler zum Hausfreunde , namens Jaspis , dem sie sich sehr zugetan zeigt , und der täglich ins Haus kommt