, und sie fand ein Wohlgefallen daran , es sich auszusprechen , daß sie ihrem guten Vetter , dem Freiherrn , eben so ergeben sei , als sie dessen kränkelnde , empfindsame und für ihn in keiner Weise passende Gemahlin hasse ! Ja , dieser Haß war ihr zum eigentlichen Genusse geworden , weil er eine starke , mächtige , sie immer belebende und antreibende Empfindung war . Sie liebte , sie pflegte diesen Haß in sich . Es versetzte sie in die beste Laune , nun einmal aller Rücksichtnahme für Angelika enthoben zu sein , und auch der Freiherr fand es leichter und angenehmer , die geistreiche , witzige , mit allen Dingen leicht und schnell fertige Herzogin zu unterhalten , als eine Kranke neben sich zu haben , deren kummervolles Herz , deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen ließen , mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren . Das Wetter war schön , die Gegend , durch die man fuhr , zeigte sich im günstigsten Lichte , die Unbequemlichkeiten , welche das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte , wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar , und die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Entbehrungen ertragen lernen , daß diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der That Vergnügen bereitete . Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit , seine Galanterie und die heitere Gefallsucht , die geistvollen Frauen nie verloren geht und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten Gesellschafterinnen macht , steigerten sich an einander , und ihre Gleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen , daß die Tage der Jugend so fern hinter ihnen lugen . Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern , daß er der Herzogin nicht vor zwanzig , vor fünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden habe als jetzt ; auch sie selber dachte daran , daß es sich mit einem Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen , wenn er ihr , wie ihr Gatte , einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte ; und wie die Kindheit es liebt , sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken , so gefielen die Reisenden sich darin , von ihren Erinnerungen die hellen Farben der Jugend zu entlehnen , um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken . Sie spielten mit einander Jugend , wie die Kinder Alter spielen , und auf das beste unterhalten durch den Selbstbetrug , einander noch mehr angenähert als je zuvor , schwanden die Reisetage ihnen so anmuthig dahin , daß der Freiherr fast des Anlasses vergaß , der ihn in die Heimath zurückgerufen hatte . Indeß mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken , die er gern geflohen , doch nicht mehr entschlagen , und die Herzogin bemerkte , wie er still und stiller wurde . Es war spät am Nachmittage , als sie den Wald erreichten , der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog . Die Hitze war während der letzten Wochen sehr groß gewesen ; die Sonne stand noch hoch . Wie mit rothem Golde übergossen , glühten die braunen Stämme der Kiefern , und über ihren breiten , grünen Dächern , auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heiße Licht . Kein Lufthauch störte die Stille in dem weiten Walde , dessen mächtige , schlanke , von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels weithin vor den Reisenden ausdehnten . Man meinte es zu sehen , wie die brütende Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den einzelnen moorigen Wiesen , die sich zwischen dem Walde hinzogen , die letzte Feuchtigkeit entwich . Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig , nur die Käfer summten , und langsam , wie beladen mit zu schwerer Bürde , flogen einzelne Bienen über den Wagen hin , während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge paarweise folgten . Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen zurückgeschlagen , und in dem Walde umherschauend , sagte der Freiherr , indem er sich mit leichter Hand die Stirn trocknete : Ah , endlich auf eigenem Grund und Boden , endlich in freier , heimischer Natur ! Die Herzogin sah ihn an , als wolle sie sich überzeugen , ob er ernsthaft spreche , und sagte dann lächelnd : Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben , und daß Sie , mein Cousin , sich wirklich an der rohen Natur erfreuen können , daß es Ihnen Vergnügen macht , das Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten , davon werden Sie mich nicht überreden . Ueberlassen wir das den Leuten , die , wie der Apostel der Uncultur , wie der grillenhafte , unerzogene Rousseau , in der Gesellschaft ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen . Wir , die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden , dünkt mich , sind nicht dazu gemacht , die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten Geborenen zu theilen . Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu bürgerliches Vergnügen , ist revolutionärer , als es scheint , und ich für meinen Theil - ich fühle sie nicht ! Der Freiherr , bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen Wiederhall fanden , nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf . Das verdroß sie ; sie lehnte sich in die Wagenecke zurück , in der Gewißheit , daß ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde . Aber ihre Voraussetzungen täuschten sie , und von der Wärme ermüdet , von der sanften Bewegung des Wagens gewiegt , ließ sie die Augenlider sinken , und bald hatte der Schlummer sie überwältigt . Dem Freiherrn kam das sehr gelegen . Seine Freude an dem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange . Schon als er