solltest , ermordet worden ! Nun stand sie freilich starr ... Daß das ein ängstlicher Dienst gewesen wäre , wußte Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius , der unbedingt auf Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase ' schen Engagements getroffen hatte .... Schnuphase hatte auf dem Lande ein anderes Opfer suchen müssen , ein Opfer , bei dem immer sozusagen zwei Fliegen , ja oft drei mit Einer Klappe getroffen wurden : Eine Magd für die gottselige Testatorin , die Frau Hauptmännin von Buschbeck ; eine Nähterin entweder für die Schwesterschaft zu den Nothhelfern oder für seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder für einen mysteriösen Weißwäsch-Handel seiner Töchter ; und zuletzt drittens , da alle diese Institute ohnehin schon über die Sprachgitter der Klöster hinausführten , manchmal auch noch eine der von Rom so dringend verlangten Bräute des Himmels für diese Klöster selbst ... Aber die Freude , die Genugthuung , die Lucinde über dies traurige Ende zu empfinden schien , konnte sie ihr denn doch nicht nachfühlen . Ich komme die Straße daher , erzählte Lucinde und raffte sich aus ihren wie jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb drängenden Kindheitserinnerungen , den Zwetschenkernen , den Tauben , den Mäusen auf ; ich komme die Straße daher und will zur Kathedrale ! Da hör ' ich ja das lebhafte Reden der Menschen , das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin , und an einem Platz , wo ich , seitdem ich hier bin , täglich zu den Fenstern habe aufschauen müssen , weil ich wußte , da wohnt der schlimme Drache , erfahr ' ich , was ihm begegnet ist ! Es hat sie einer umgebracht ! Hinauf durft ' ich nicht , aber ich höre , sie liegt - kalt in der Küche am Feuerherd ... Lucinde erzählte das mit sichtlichem Behagen . Aber jetzt bekam sie doch einen Schauer , als überliefe sie Eisesluft ... Da , wo sie einst meinen Tauben den Hals umdrehte ! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Dämonen in ihrer Brust und die schüttelten sie . Wer es gewesen ist , fuhr sie fort , weiß man noch nicht ! Schildwache und Polizei stehen am Hause ! Treudchen ! Treudchen ! Wenn du bei ihr gedient hättest ! All ihr Heiligen ! So würd ' es vielleicht nicht geschehen sein ! sagte die Kleine und klagte sich nun gar selber an ... Was ? Es hätte dich mittreffen können ! berichtigte Lucinde und streichelte die Fülle des goldenen Haares , die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht vergessend mit einer kühnen Schwenkung um den weißen Nacken warf . Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gönnerin . Und was wirst du nun heute beginnen ? Wie war die Nacht ? Ist dein Nachbar fort , der junge Herr ? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliothek ihres Lebens stellend . Ich will sehen , daß ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann - ! erwiderte Treudchen , die über die Erwähnung der Nacht und des Nachbars über und über erröthete ... Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und es drängte sie ja auch mit Macht , jetzt zu sagen : Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen ! Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort : Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienräthin ... die Domherren sprachen davon ... Wirst du hingehen , ihn zu begrüßen ? ... Ich dächte doch ! ... Thu ' es ja ! Ich hoffe , Madame Delring läßt mich ein Stündchen ausgehen ! Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ... Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ... Aber Treudchen sagte : Nein , das gilt dem Bedienten ! Einmal geklingelt das bin ich ! Dreimal ist unten die Kathrine , die Köchin ! Die Herrschaft will jedoch von jetzt an allein zu Mittag speisen ! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich ! Lucinde schüttelte den Kopf , als wollte sie sagen : Nein , das ist nicht der Grund ! ... Sie hielt aber an sich und ließ dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem Erlebniß mit der ermordeten alten Frau zurückzukommen . Ihrem größten Triumphe konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben ; denn wem gönnte sie mehr diese Demüthigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall , Petronella von Gülpen ? Hätte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewußt ! Der Name » Fräulein von Gülpen « für die Hauptmännin von Buschbeck schien hier niemanden geläufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt , wo sie bei ihr gedient hatte . Selbst Schnuphase , durch den doch die gewiß erst von der äußersten Noth und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten gingen und den die Schwesterschaft zu den Nothhelfern in Bewegung setzte , um mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben , selbst Herr Maria hatte nichts gewußt von dieser ursprünglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei . Doch selbst wenn Lucinde über die Verwandtschaft ganz sicher gewesen wäre , hätte sie vielleicht ihren innern Jubel , der jede Leidenschaft natürlich , Liebe wie Liebe und Rache wie Rache nahm , gemäßigt . War doch ihr fester Vorsatz , in diesem Hause , das ohnehin so wirr und geräuschvoll auf sie einstürmte , und überhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein bischen Verstand willst du an die Kette legen ! Das hatte sie sich schon gesagt , als ihr Schnuphase zur Seite saß und in seinem von ihm selbst gefahrenen Wägelchen genugsam ihre Satire herausforderte . Du willst nicht lachen über die Devotion des Mannes , nicht über seine Sprechweise , nicht über den Durst seines Gaules , der immer auch den seinigen involvirte , wenn er auf ihrer fast einen Tag dauernden Reise abstieg ! Sie