zwischen uns nieder . Natalie war rechts und ich links . Natalie hatte nicht Zeit gefunden , ihr Kleid zu wechseln , sie hatte dasselbe lichtgraue Seidenkleid an , das sie am Nachmittage getragen hatte , und das mir so lieb geworden war . Ich getraute mir fast nicht , sie anzusehen , und auch sie hatte die großen , schönen , unbeschreiblich edlen Augen größtenteils auf die Mutter gerichtet . So vergingen einige Augenblicke . Es wurde das Gebet gesprochen , das Mathilde immer in ihrem Armstuhle sitzend stille mit gefalteten Händen verrichtete , und das daher die anderen ebenfalls sitzend und stille vollbrachten . Als dieses geschehen war , wurden , wie es der Gebrauch in diesem Hause eingeführt hatte , die Flügeltüren geöffnet , ein Diener trat mit einem Topfe herein , setzte ihn auf den Tisch , der Hausverwalter nahm den Deckel desselben ab und sagte , wie er immer tat : » Ich wünsche sehr wohl zu speisen . « Mathilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus , nahm den großen silbernen Löffel und schöpfte , wie sie es sich nie nehmen ließ zu tun , Suppe für uns auf die Teller , welche der Diener darreichte . Der Hausverwalter hatte , da er alles in Ordnung sah , das Zimmer nach seiner Gepflogenheit verlassen . Das Abendessen war nun wie alle Tage . Mathilde sprach freundlich und heiter von verschiedenen Gegenständen , die sich eben darboten , und vergaß nicht , der abwesenden Freunde zu erwähnen und des Vergnügens zu gedenken , das ihre Rückkunft veranlassen werde . Sie sprach von der Ernte , von dem Segen , der heuer überall so reichlich verbreitet sei , und wie sich alles , was sich auf der Erde befinde , doch zuletzt immer wieder in das Rechte wende . Als die Zeit des Abendessens vorüber war , erhob sie sich , und es wurden die Anstalten gemacht , daß sich jedes in seine Wohnung begebe . Mit derselben sanften Güte , mit der sie mich vor dem Abendessen begrüßt hatte , verabschiedete sie sich nun , wir wünschten uns wechselseitig eine glückliche Ruhe und trennten uns . Als ich in meinem Zimmer angekommen war , trat ich in der Nacht dieses Tages , der für mich in meinem bisherigen Leben am merkwürdigsten geworden war , an das Fenster und blickte gegen den Himmel . Es stand kein Mond an demselben und keine Wolke , aber in der milden Nacht brannten so viele Sterne , als wäre der Himmel mit ihnen angefüllt , und als berührten sie sich gleichsam mit ihren Spitzen . Die Feierlichkeit traf mich erhebender , und die Pracht des Himmels war mir eindringender als sonst , wenn ich sie auch mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte . Ich mußte mich in der neuen Welt erst zurecht finden . Ich sah lange mit einem sehr tiefen Gefühle zu dem sternbedeckten Gewölbe hinauf . Mein Gemüt war so ernst , wie es nie in meinem ganzen Leben gewesen war . Es lag ein fernes , unbekanntes Land vor mir . Ich ging zu dem Lichte , das auf meinem Tische brannte , und stellte meinen undurchsichtigen Schirm vor dasselbe , daß seine Helle nur in die hinteren Teile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels nicht beirre . Dann ging ich wieder zu dem Fenster , und blieb vor demselben . Die Zeit verfloß , und die Nachtfeier ging indessen fort . Wie es sonderbar ist , dachte ich , daß in der Zeit , in der die kleinen , wenn auch vieltausendfältigen Schönheiten der Erde verschwinden und sich erst die unermeßliche Schönheit des Weltraums in der fernen stillen Lichtpracht auftut , der Mensch und die größte Zahl der andern Geschöpfe zum Schlummer bestimmt ist ! Rührt es daher , daß wir nur auf kurze Augenblicke und nur in der rätselhaften Zeit der Traumwelt zu jenen Größen hinan sehen dürfen , von denen wir eine Ahnung haben , und die wir vielleicht einmal immer näher und näher werden schauen dürfen ? Sollen wir hienieden nie mehr als eine Ahnung haben ? Oder ist es der großen Zahl der Menschen nur darum bloß in kurzen schlummerlosen Augenblicken gestattet , zu dem Sternenhimmel zu schauen , damit die Herrlichkeit desselben uns nicht gewöhnlich werde und die Größe sich nicht dadurch verliere ? Aber ich bin ja wiederholt in ganzen Nächten allein gefahren , die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte bewegt , ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten , sie sind dunkelschwarzen gestaltlosen Wäldern oder Erdrändern zugesunken , andere sind im Osten aufgestiegen , so hat es fortgedauert , die Stellungen haben sich sanft geändert , und das Leuchten hat fortgelächelt , bis der Himmel von der nahenden Sonne lichter wurde , das Morgenrot im Osten erschien und die Sterne wie ein ausgebranntes Feuerwerksgerüste erloschen waren . Haben da meine vom Nachtwachen brennenden Augen die verschwundene stille Größe nicht für höher erkannt als den klaren Tag , der alles deutlich macht ? Wer kann wissen , wie dies ist . Wie wird es jenen Geschöpfen sein , denen nur die Nacht zugewiesen ist , die den Tag nicht kennen ? Jenen großen wunderbaren Blumen ferner Länder , die ihr Auge öffnen , wenn die Sonne untergegangen ist , und die ihr meistens weißes Kleid schlaff und verblüht herabhängen lassen , wenn die Sonne wieder aufgeht ? Oder den Tieren , denen die Nacht ihr Tag ist ? Es war eine Weihe und eine Verehrung des Unendlichen in mir . Träumend , ehe ich entschlief , begab ich mich auf mein Lager , nachdem ich vorher das Licht ausgelöscht und die Vorhänge der Fenster absichtlich nicht zugezogen hatte , damit ich die Sterne hereinscheinen sähe . Des anderen Morgens sammelte ich mich , um mir bewußt zu werden , was geschehen ist , und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war . Ich kleidete mich an , um in das Freie zu gehen