Blick zu tun . Meist schien sie kindlicher zu sein , als es ihrem Mädchenalter eigentlich zukam ; gelernt hatte sie auch nicht viel und las nicht gern , ausgenommen komische Erzählungen , wenn sie deren habhaft werden konnte ; aber sie mußten gut , ja klassisch sein , und alsdann studierte sie dieselben sehr ernsthaft und verzog nicht den Mund . Manchmal schien sie entschieden beschränkten Verstandes und unbehilflich ; sobald aber Ferdinand da war , überfloß sie von klarem kristallenem Witze , der noch in der Sonne der Kindheit funkelte , indessen ihre Augen eine reife Sinnenwärme ausstrahlten , wenn sie neckend und zärtlich an seinem Halse hing . Er durfte aber alsdann nicht wagen , sie kosend ebenfalls zu umfassen , wie er überhaupt sich leidend verhalten mußte , wenn er sie nicht erzürnen und von sich scheuchen wollte . Wie Ferdinand in das Haus gekommen , wußte er selber kaum mehr zu sagen ; er hatte das seltene Gebilde im Rahmen des alten Fensters gesehen , und es war ihm nachtwandlerhaft gelungen , sich also gleich einzuführen und der tägliche Besucher zu werden . Aber bald mußte er in einen Zwiespalt mit sich selbst geraten , da das eigentümliche und rätselhafte Wesen nicht die gewohnte Art zuließ , das Glück bei Frauen zu erhaschen . Diese Erscheinung war zu köstlich , zu selten und zugleich zu kindlich und zu unbefangen , als daß sie durfte zum Gegenstande einer vorübergehenden Neigung gemacht werden , und auch wieder zu eigen und absonderlich unbestimmt , um gleich den Gedanken einer Verbindung für das Leben zu erlauben . Ferdinand sah , daß das Kind ihn liebte , und er fühlte auch , daß er ihr von Herzen gut war , noch über das leidenschaftliche Wohlgefallen hinaus , welches ihr Äußeres erregte ; aber er glaubte überhaupt nicht an seine Liebe , er bildete sich ein , nicht dauernd lieben zu können oder zu dürfen , und wußte nicht , daß Liebe im Grunde leichter zu erhalten als auszulöschen ist ; und gerade dieser verzweifelte Zweifel an sich selbst ließ keine tiefere Neigung in ihm reif werden . » Sie ist ein Phänomen ! « sagte er sich und glaubte zu erschrecken bei dem Gedanken , sich für immer ein solches zu verbinden oder , einfach gesagt , ein Phänomen zur Frau zu haben . Und doch war es ihm unmöglich , nur einen Tag vorübergehen zu lassen , ohne das reizende Wunder zu sehen . Nun beschuldigte er sich wieder , daß solches Bedürfnis nur die geheime Begierde sei , die Blume zu brechen , um sie dann zu vergessen , und da er fest gewillt war , sich treu und ehrlich zu verhalten , schon aus einer Art von künstlerischem Gewissen die Verpflichtung fühlend , dies außergewöhnliche Dasein nicht zu verwirren und zu stören , so hielt er sich standhaft in seiner passiven Stellung und suchte derselben einen brüderlich freundschaftlichen Anstrich zu geben . Er behandelte sie mehr als Kind und nahm scheinbar ihre Liebkosungen als diejenigen einer kleinen Freundin hin , suchte sie zu unterrichten und nahm hin und wieder ein kaltes und ernsthaftes Ansehen an . Ängstlich vermied er , das Wort Liebe auszusprechen oder es zu veranlassen , und vermied , mit dem Mädchen allein zu sein . So glaubte er als ein Mann zu handeln und seiner Pflicht und Ehre zu genügen und ahnte nicht , daß er echt weiblich zu Werke ging . Denn er war nun wirklich auf dem Punkte angelangt , wo liebenswürdige und geistreiche Männer gerade so auf eigennützige Weise mit weiblichen Wesen spielen , wie es tugendhafte Koketten mit jungen Männern zu tun pflegen . Auch wußte das ärmste Kind ihm keinen Dank dafür . Sie achtete nicht auf seinen Unterricht und wurde traurig oder unmutig , wenn er die väterliche Art annahm . Hundertmal suchte sie das Wort auf Liebe und verliebte Dinge schüchtern zu lenken ; allein er stellte sich , als kennte er dergleichen nicht , und der erwachende Trotz verschloß ihr den Mund . Hundertmal liebkoste sie ihn jetzt und hielt sich dann ein Weilchen geduckt und still , damit er das Kosen erwidern solle , und sie war nicht mehr bereit , zornig davonzufliehen ; allein er rührte sich nicht und ertrug das ungeduldige Spiel des schmalen schlangenähnlichen Körpers mit der größten Standhaftigkeit . Dennoch sah die Arme recht gut , daß er mit ganz anderen Gefühlen zu ihr kam als mit denen eines Bruders oder schulmeisterlichen Freun des , und sah wohl das verhaltene Feuer in seinen Augen , wenn sie ihm nahe trat , und das unablässig betrachtende Wohlgefallen , wenn sie umherging ; und sie war nur bekümmert , den Grund seines Betragens nicht zu kennen , und fürchtete , da sie die Welt nicht kannte , ihr verborgene , unheilvolle Dinge , die gar in ihr selbst lägen , dürften ihrem Glücke im Wege stehen . In dem Maße aber , in welchem sie täglich verliebter und trauriger wurde , gewann ihr Wesen an Entschiedenheit und Klugheit , und im gleichen Maße wuchs die Verlegenheit Ferdinands ; denn er sah nun ein , daß er nicht länger sich also verhalten durfte . Ihr verliebtes und sich hingebendes Wesen schreckte ihn durchaus nicht ab , weil er dessen Grund und Natur durchschaute und sie darum nur um so reizender fand ; dagegen mußte er nun gestehen , daß wohl eine artige und köstliche Frau aus ihr zu machen wäre , und schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken , sie je in eines andern Händen zu sehen , während der Unselige doch immer noch sich nicht entschließen konnte , seine Selbstherrlichkeit mit einem andern Wesen für immer zu teilen und noch für eine zweite Hälfte zu leben . Beide Waagschalen standen sich vollkommen gleich , und das Zünglein seiner Unentschlossenheit schwebte still in der Mitte , als das Künstlerfest herannahte . Agnes sollte daran teilnehmen ; Ferdinand war beflissen , ihre Gestalt vollends