auch dies nicht recht anständig vorkommen . Er beschloß daher , geduldig in einem Hofe der Nachbarschaft zu warten , bis das verwünschte einsame Kastell zugänglich werden würde . Vorläufig aber setzte er sich auf einem Stein , der im Hofe lag , zur kurzen Rast nieder , denn der Weg seit früh morgens - und jetzt ging es schon auf Mittag - hatte ihn ermüdet . Von diesem Steine überblickte er den Schauplatz . Er sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln , Disteln und Wegerich , die zerstörte Pforte , das elende , klüftige , verfallene Haus mit dem durchlöcherten Dache . Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus , als gewöhnlich . Und dennoch ergriff unseren jungen Jäger bei dem Anblicke dieses bettelhaften Elendes eine fromme Rührung , welche die zwiespältigen Empfindungen in seiner Brust verwischte , die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens hervorgerufen worden waren . Denn er erinnerte sich an die anmutigen Beschreibungen , die ihm Lisbeth von dieser Zerstörung gemacht hatte , die er nun vor Augen sah . - » So gibt es denn Gemüter , für welche das Häßliche nicht da ist , weil sie in allem nur das Schöne erblicken ! « rief er freudig aus . » So blüht eine Unschuld des Geistes , welche rosengleich auch den ödesten Schutt überwächst und zudeckt . - Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke , der alte , ehrwürdige Pius sei ein Charakter gewesen , der in allem nur das Tröstliche gesehen habe . Ich las das damals , wie man manches liest , ohne mir dabei eben viel zu denken . Nun aber habe ich etwas Ähnliches erlebt und nicht an einem alten Manne , sondern an einem jungen Mädchen , und was das Süßeste bei der Sache ist , an meinem Mädchen . « Drittes Kapitel Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung ein Kaum hatte der Jäger einige Minuten den Hof verlassen , als derselbe von neuen Wanderern betreten ward . Die drei Jünglinge in grünem Sammet kamen nämlich aus den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine Öffnung der Hofmauer , weil sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene Pforte nicht sahen . Das Haus erblickten sie indessen notdürftig , sie näherten sich demselben , versuchten zu öffnen , aber auch ihnen wollte das nicht gelingen . Sie seufzten und klagten , daß vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem ersehnten Meister trennten , und eine verrammelte Türe ihrem Drange ein Ziel setzte . Traurig gingen sie vor dem Schlosse auf und nieder . Die Geschichte dieser drei unbefriedigten Jünglinge in grünem Sammet war einfach aber lehrreich . Sie waren Brüder , Söhne eines reichen Bankiers in Hamburg und hießen Karl Emanuel , Karl Nathanael und Karl Gabriel . Ihr Vater hatte ihnen die sorgfältigste Erziehung geben lassen , weil er wünschte , drei ausgezeichnete Männer erzeugt zu haben . Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft heran , denn in dem Hause des alten Bankiers versammelte sich alles , was auf den Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte . Die Fähigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch früh in der entschiedensten Weise . Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komödie , hatte in seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tänzerin Rosamira , stand in den Zwischenakten am Büffet , aß Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von sich . - Karl Nathanael ging dagegen auf das Kaffeehaus , las Zeitungen und spekulierte , als er den Cornelius Nepos exponierte , in den Fonds , Karl Emanuel war ein stiller Junge , der am liebsten zu Hause saß , gern Bratäpfel aß und bei allen Dingen nach dem : Warum ? fragte . - Der alte Bankier beobachtete diese Erscheinung , ließ eines Tages , als er seine Tasse Morgenschokolade trank , die Söhne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel : » In dir steckt ein Philosoph « ; zu Karl Nathanael : » Aus dir wird ein Staatsmann « ; zu Karl Gabriel : » Du bist zum Dichter geboren « . Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwünscht . Er hätte lieber einen großen Maler in der Familie gehabt , weil die Maler jetzt besser bezahlt werden als die Dichter . Indessen ließ er sich , da es nun einmal nicht anders sein sollte , auch den Dichter gefallen . Die drei Brüder aber hielten sich nach jenem Tage für das , wozu sie der Vater bestimmt hatte , und wurden in ihrer Meinung von einigen Schauspielern , Doktoren der Philosophie und von einem dimittierten Legationssekretär unterstützt , welche Personen bei ihrem Vater offenes Couvert hatten . Karl Gabriel studierte in Berlin , um durch keinen Natureindruck von der Poesie abgezogen zu werden , Karl Nathanael in München , der tiefen politischen Weisheit wegen , welche er da immer vor Augen haben konnte , Karl Emanuel in Göttingen , weil er glaubte , daß Mettwurst die Spekulation stärke . - Als sie in die Jahre gekommen waren , worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfängt , schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts , er erwarte jetzt von ihnen Großes . Karl Emanuel setzte sich darauf hin , um ein neues System zu erfinden , Karl Nathanael griff zur Feder , um eine nie erhörte politische Wahrheit zu offenbaren , Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren , um ein Trauerspiel zu ersinnen , welches die Reformation der Bühne bewirken sollte . Sie gaben sich die größte Mühe jeder in seinem Fache , aber sie war umsonst . Nicht einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen Spaziergänge im Tiergarten , er begriff nicht , wie einen geborenen Dichter die Musen so im Stich lassen konnten . Karl Nathanael brachte nach langem Sinnen den Satz heraus : » Die Staaten teilen sich in Monarchien , Aristokratien und