nun beide unglückliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen , indem sie neben einander mit den Köpfen auf dieser Erhöhung ruhten . Das kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriß sein Herz . Mit entsetzlicher Angst erwartete er die Rückkehr des Oheims , denn er fürchtete , jeder Augenblick könne der letzte der Leidenden sein . Endlich erschien der Graf , selbst sehr erhitzt , und ihm folgte mit von der Eile glühendem Antlitz der Knabe . Die matten Blicke der Sterbenden richteten sich dem Retter entgegen . Der Graf nahm den Krug aus den Händen des Knaben , der mit weit geöffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte . Er neigte sich zu Wertheim , dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des Kruges näherten , den die abgemagerten Hände mit krampfhafter Gewalt umspannten und nicht wieder lassen wollten . Der Graf , der das Gefährliche des Uebermaßes nach langer Entbehrung kannte , brach mit Gewalt die Finger des gierig Schlürfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefährten desselben , der in kaum vernehmbaren Tönen über die Selbstsucht des Freundes klagte . Als auch dieser erquickt war , sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen , das auch nicht lange ausblieb . Die beiden Unglücklichen wurden auf den mit Stroh gefüllten kleinen Leiterwagen gehoben , mit den Mänteln der Grafen bedeckt und Graf Robert begleitete dieß Fuhrwerk , das sich auf den Waldwegen nur langsam fortbewegen konnte , indeß sein Oheim auf Fußpfaden voran eilte , um den Arzt von dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schlosse vorzubereiten . VI Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige stärkende Mittel , die er gleich anzuwenden gedachte , und wollte den Kranken entgegen eilen , doch plötzlich blieb er stehen , betrachtete mit blinzelnden Augen den Grafen und sagte : Vor Allem muß ich für Sie sorgen , das ist das Dringendste . Ich bin gesund , sagte der Graf , ich bedarf keiner Hülfe . Sie sind furchtbar erhitzt , erwiederte der Arzt , und Sie sind in dem Alter , wo Schlagflüsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen . Ueberlassen Sie mich nur meinem Schicksale , sagte der Graf lächelnd , mein Blut wird sich von selbst wieder abkühlen . Nein , rief der Arzt mit Heftigkeit , und Thränen funkelten in den kleinen Augen , nie würde ich es mir verzeihen , hätte ich meine Pflicht gegen Sie versäumt , und wie könnte je mein Gewissen sich wieder beruhigen , wenn durch meine Nachläßigkeit das Leben eines erhabenen Menschenfreundes , des Schöpfers meines Glücks , auch nur um eine Stunde verkürzt würde ? Der Graf fühlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes , wenn sie sich auch auf eine etwas wunderliche Weise kund that . Er ließ sich also dessen Verordnungen gefallen , und bald fühlte er , daß seine Pulse wieder regelmäßig schlugen , und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drängte . Der Arzt hatte , ehe er den Kranken entgegen eilte , seiner Base einen Wink gegeben , die sich sogleich mit Mägden und Bedienten in laute Thätigkeit versetzte , um das für die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen Bequemlichkeiten zu versehen . Die Dämmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe Schatten gehüllt , als das elende Fuhrwerk , auf dem die Kranken lagen , von dem Grafen Robert und dem Arzt begleitet , das Schloß erreichte . Mühsam wurden die beinah Leblosen vom Wagen gehoben , und sie empfanden eine schmerzliche Wollust , als sich die entkräfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal wieder auf ein bequemes Lager streckten . Der Arzt war von heftiger Rührung ergriffen , als er die beinah vernichteten , in widrige Lumpen schmachvoll gehüllten Gestalten betrachtete . Wie groß kann das menschliche Elend sein ! rief er klagend . Hier ist die größte Vorsicht nöthig , und Gott ! wie werde ich den alten Dübois vermissen ! Er ist zwar ein eigensinniger , hochmüthiger Mann , der sich auf seine Aussprache des Französischen viel zu viel einbildet , aber einen trefflicheren Krankenwärter habe ich niemals kennen gelernt . Und Wer wird nun diese hier bewachen , daß sie meine Vorschriften genau befolgen , woran doch ihr Leben hängt . Nun , nun , rief die Frau Professorin , ich will den Herrn Dübois nicht lästern , aber ich werde doch wohl auch im Stande sein , Kranke zu pflegen , und ich will den sehen , der mir was Böses nachredet , wenn ich diese Christenliebe an jungen Männern ausübe . Der Arzt war hoch erfreut , daß seine Base sich zu diesem Dienste erbot , und er dankte ihr mit einer Innigkeit , als habe sie ihm die größte Wohlthat erwiesen . Na , was sind das nun für Weitläuftigkeiten , sagte die gutherzige Frau barsch , um ihre Rührung zu verbergen . Was geschehen muß , das darf man mir nur sagen , und ich bin gewiß , daß sich Keiner unterfangen wird , um ein Haar breit davon abzuweichen . Der Arzt war nun beruhigt . Seine Mittel stärkten die Kranken sichtlich , und er konnte schon am folgenden Tage ein stärkendes warmes Bad wagen , wodurch zugleich die Spuren des Elends von den Unglücklichen abgewaschen wurden , die nun wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehörigen Menschen gewannen . Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen Fähigkeiten zurückzukehren , denn sie gaben zusammenhängende Antworten auf die an sie gerichteten Fragen , und der Arzt verkündete mit lauter Freude , daß er Beide mit Hülfe seiner Base wieder herzustellen hoffe , die für die Befolgung seiner Vorschriften eben so eifrig , wenn auch nicht eben so sanft , wie Dübois , sorge . Der Graf Robert hatte während dieser Zeit viel mit seinem Oheim über die Sicherheit seiner Freunde gesprochen , die ihm gefährdet schien , da sie