. Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zurück . Es war einer der Totenschädel , die sie in der Bibliothek aufbewahrte und längst vergessen hatte . Zum Überfluß erlosch jetzt auch die Lampe und durch die Dunkelheit grinste sie immer noch der klaffende Mund mit seinem scheußlichen Lachen an . — Halb wahnsinnig vor Entsetzen rief sie wieder nach Licht . — Ihre überreizten Nerven fanden in dem unbedeutenden Zufall eine grauenvolle Übereinstimmung mit den Gedanken , die sie soeben peinigten , eine finstere Mahnung der Natur . Als es wieder hell um sie war , zwang sie sich mit bebendem Mute dem Schrecknis in das widerliche Antlitz zu schauen . Sie griff mit zwei Fingern in die leeren Augenhöhlen und hob den Kopf aus . „ So wirst auch Du bald aussehen ; dann bist Du auch nicht schöner als dieser da . “ Und sie trat mit dem Kopf vor den Spiegel und verglich sich mit ihm in einer Art von Großtuerei vor sich selbst . „ Du mußt Dich allmählich an diese Familienähnlichkeit gewöhnen lernen , “ sagte sie und begann in ihrer selbstquälerischen Phantasie , ihr edles , schönes Gesicht anatomisch zu zerlegen und es die Wandlungen vollziehen zu lassen , deren es bedurfte , um so auszusehen , wie ihr entfleischter , stummer Genosse.107 Da übermannte sie wieder Ekel und Grauen und sie fürchtete ihr eigenes Bild im Spiegel , wie das des Schädels . Weit fort schleuderte sie ihn und erschrak dann noch über das Gepolter , womit er hinfiel . Das Blut schoß ihr siedend in die Ohren , daß sie vor dem Rauschen und Brausen nichts mehr hörte und doch alle Augenblicke etwas zu hören glaubte , das sie sich nicht zu enträtseln vermochte und das ihr geheimes Zagen erhöhte . Der Totenkopf schien sich auch in der Ecke nicht ruhig zu verhalten , es kam ihr vor , als rolle er umher . Sie hielt es nicht mehr in dem Gemache aus , es war etwas Feindliches in der Luft . Sie nahm das gesuchte Buch und das Licht und floh in ihr Schlafzimmer , ohne umzusehen , wie ein gehetztes Wild durch die öden Gemächer eilend , jeden Augenblick gewärtig , daß das unbestimmte Schrecknis , wovor ihr bangte , in sichtbarer Gestalt aus irgend einem Winkel hervorquellen müsse . Aber das Feindliche folgte ihr auf den Fersen und umgab sie unausweichlich , tausendarmig auch in der Luft des traulichen Schlafzimmers , schnürte ihr Brust und Kehle zusammen , daß ihr Herz kaum mehr Raum zum Schlagen hatte . Und wie klopfte es — wie unregelmäßig — bald matt , bald stark , so , wie nur ein krankes Herz pocht . Und sie schlug das Buch auf und las ihr Todesurteil — die Abteilung von den Herzkrankheiten — las , als müsse sie ihre letzte Lebenskraft daran setzen , hastig , fiebrisch , kaum begreifend , denn ihr Denken war nur noch Entsetzen . Und sie las natürlich in das Buch hinein , was sie nicht herauslesen konnte , zitternd davor , das zu finden , was sie wissen wollte , und es doch mit Begierde suchend . Es war Alles so , wie sie es gefürchtet . Es stand kein Symptom verzeichnet , das sie nicht an sich bemerkte . Sie war jetzt außer allem Zweifel , sie war verloren , denn dafür gab ’ s keine Heilung , nur eine Verzögerung , einen Aufschub , den sie bei ihrer jetzigen Schwäche nicht einmal hoffen durfte . Sie warf das Buch von sich und trat zum Fenster , um Luft zu schöpfen , regenfeuchte , dumpfe , aber doch Luft — immer noch mehr und bessere , als sie in einem Sarge haben würde . — Dann brauchte sie freilich keine mehr , aber — das Atmen war ja so köstlich und der Gedanke , unter solch niederem Sargdeckel zu liegen , so beengend — erstickend ! Also bald sollte sie sterben ! — Johannes hatte sich nicht getäuscht . Es war so ! Und wie lange , wenn sie ihre Kräfte sinken fühlte , hatte sie sich darauf schon vorbereitet — was erschreckte sie denn ? Was fürchtete sie ? Die Leiden , die sie noch erdulden sollte ? Tausende hatten sie ja erduldet und die Stunde der Erlösung war vielleicht näher , als sie dachte . Nun , so wollte sie stark sein wie bisher , da die Hoffnung noch ihre unsichtbare Stütze war . Sie wollte nicht zur Lüge machen , was sie vor kaum einer Stunde zu Johannes gesagt — auch vor sich selbst nicht ! — Was war es denn ? Aufhören — aufhören zu sein , das war nicht heiter , aber auch nicht traurig , es war eben nichts ! Aber sie fürchtete auch nicht das Aufhören , sondern den Gedanken an eine Fortdauer , die schlimmer wäre als der Tod , — die Ungewißheit , ob die Seele mit dem Leibe stirbt ! „ Freilich , “ sagte sie sich , „ wenn unser Auge erblindet , kann kein Licht hinein , wenn wir unser Ohr verschließen , hören wir nicht , wenn der Mechanismus still steht , der zwischen uns und der Welt vermittelt , so sind wir außer Zusammenhang mit ihr — also tot , — aber wenn nun unser Denken ohne diesen Mechanismus fortbestünde ? Furchtbar , furchtbar , warum gibt es dagegen keinen Beweis ? Wenn wir das Gedächtnis behielten und hätten keine Augen mehr zum Sehen , also kein Licht ? — Keine Ohren zum Hören , also keinen Schall ? — Keinen Körper zum Tasten , also kein Gefühl , weder Raum noch Zeit — nichts als ewige Nacht , ewiges Schweigen und doch die Erinnerung an das Gesehene , Gehörte und die Sehnsucht nach Licht , Schall und Mitteilung ? “ Das war das Ärgste , das war gräßlicher als persönliche Vernichtung — das war es , was sie fürchtete ! — Ewige