und sich so zu gewissen Stunden auf die Straße wagte und sich unter die Buben mischte . Als sie ihre Kunst auf die Spitze trieb , wurde sie entdeckt . Auf dem Käsemarkt , wo die Käsehändler ihren Verkehr hielten , hatte sie beobachtet , wie diese Männer mit hohlen Kässtechern aus den großen Schweizerkäsen zum Behufe des Kostens ihrer Qualität runde Stäbchen oder Zäpfchen herausstachen , davon ein Endchen säuberlich vorn abbrachen , kosteten und das Zäpfchen im übrigen wieder in das Loch steckten , daß der Käse wieder ganz war . Also versah sie sich mit einem gewöhnlichen Nagel , strich um die Käse herum und erspähte die Stellen , wo eine zarte Kreislinie ein solches Stäbchen anzeigte . Dann steckte sie im geeigneten Momente den Nagel hinein und zog es heraus , und oftmals trug sie wohl ein halbes Pfund trefflichen Käses nach Haus . Endlich aber , da die Käsehändler überall auf ihren Vorteil erpichter und unduldsamer sind als andere Kaufherren , wurde sie erwischt und der Polizei übergeben und bei dieser Gelegenheit ihr wahrer Stand entdeckt . Man nannte sie aber den Jochel Klein , solang sie lebte . « Agnes ergötzte sich an der einfachen und harmlosen List der armen Frau und bedauerte nur den schlechten Ausgang . Der andere Glasmaler hingegen meldete sich auch mit einer Verkleidungsgeschichte eines Weibes , die aber grauslicher sei als die von dem weiblichen Gassenjungen . » Es ist aber eine alte Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert « , sagte er ; » im Jahr 1560 oder 62 laut der Chronik geschah es in der Stadt Nimwegen , im Geldernschen gelegen , daß der Scharfrichter nach dem Städtlein Grave an der Maas , auf der brabantischen Grenze , berufen wurde , um drei Missetäter zu richten . Der Nachrichter von Nimwegen lag aber krank und schwach im Bett , weil ihm sein eigener Knecht mit einem vergifteten Süppchen vergeben hatte , um seine Stelle zu bekommen . Denn , sagt der Chronist , es ist kein Amt so elend , daß nicht einer da wäre , der es auf Kosten seiner Seele erhaschen möchte . Der Meister berichtete also an den Rat zu Grave , er könne nicht kommen , werde aber seine Frau stracks an den Scharfrichter von Arnheim senden , mit dem er einen Vertrag zu gegenseitiger Aushilfe geschlossen habe , und es werde derselbe rechtzeitig sich stellen und zu Gebote sein . Der Frau befahl er , sich unverweilt nach Arnheim zu begeben und den dortigen Geschäftsfreund in Kenntnis zu setzen . Doch die Frau , ein wohlgewachsenes , schönes und freches Weib , war geizig und wollte den Lohn eines so einträglichen Geschäftes nicht fahrenlassen . Statt nach Arnheim zu gehen , zog sie heimlich die Kleider ihres Mannes an , nachdem sie Hemd und Wams der Brust wegen erweitert hatte , setzte seinen Federhut auf den schnell geschorenen Kopf , gürtete das breite Richtschwert um und machte sich bei Nacht und Nebel auf den Weg nach Grave , wo sie zur rechten Stunde eintraf und sich bei dem Burgermeister meldete . Ihm fiel zwar ihr glattes Gesicht und die junge helle Stimme auf , und er fragte , ob sie oder vielmehr er , der angebliche Scharfrichter , auch die hinreichende Kraft und Übung zu dem vorhabenden Werke besitze ? Aber sie versicherte mit frechen Worten , daß sie das Spiel genugsam kenne und es schon manchmal getrieben habe . Sie griff auch gleich nach dem Stricke , an welchem der erste der armen Sünder hinausgeführt wurde , und setzte sich so in den Besitz desselben . Als es aber so weit gekommen , daß der Mann auf dem Stuhle saß und sie ihm die Augen verband , ward er etwas unruhig ; sie bückte sich tiefer über ihn her , um zu sehen , ob die Binde überall gut schließe , und so spürte er ihre weiche Brust an seinem Kopfe . Sogleich schrie er , es sei ein Weib da ! er wolle aber nicht von einem solchen , sondern von einem ordentlichen Nachrichter getötet werden , das sei sein Recht ! Der arme Mensch hoffte durch den Umstand einen Aufschub zu gewinnen . In der entstehenden Verwirrung schrie er immer lauter , man solle ihr die Kleider herunterreißen , so werde man sehen , daß es ein Weibsbild sei . Da die Sache endlich die Umstehenden nicht unwahrscheinlich dünkte , wurde einem Henkersknecht geboten , sich zu überzeugen , und mit der Schere , mit welcher er soeben dem Übeltäter das Haar abgenommen , schnitt er dem Weibe auf Brust und Rücken Wams und Hemd auf und streifte es ihr von den Schultern , so daß sie vor allem Volke mit entblößtem Oberkörper dastand und mit Schmach von der Richtstätte gejagt wurde . Die Verbrecher mußten wieder ins Gefängnis geführt werden ; das aufgebrachte Volk aber wollte das Weib ins Wasser werfen und ließ sich nur mit Mühe daran verhindern . Dennoch stürzten die Frauen und Mägde aus den Häusern , verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit Kunkeln und Besenstielen bis vor die Stadt und zerbleuten ihr den glänzendweißen Rücken . So nahm diese Verkleidung ein schlechtes Ende für die verwegene Amazone . Als ihr Mann bald darauf starb , wurde wirklich der falsche Knecht , der ihn vergiftete , an seiner Stelle Nachrichter zu Nimwegen , heiratete die Witwe , und hatte demnach der Henker eine Frau , die seiner wert war . « Mit dieser derben Geschichte hatte unser Geplauder die Grenze fast überschritten , die wir dem anwesenden Mädchen schuldig waren . Sie schüttelte schauernd den Kopf und säumte nicht , ihr Glas auszutrinken , als wir zusammen anstießen . Während der ganzen Unterhaltung hatte jeder seinen langen Kelch fest in der Hand gehalten , damit er nicht umfalle und zu gelegentlichem Zuspruch dem Munde möglichst nah sei , und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit und im glücklichen Vergessen aller Not uns getreulich nachgeahmt . Als unwissenden Junggesellen