Marianne bedienen zu lassen dachte , und Seba hatte kaum davon gehört , als sie sich erbot , die Pflege und Wartung der Baronin ausschließlich über sich zu nehmen , bis Marianne , die man sogleich benachrichtigen wollte , aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde . Indeß dem Freiherrn wollte das nicht gefallen . Er war gerecht genug , die Dienste zu schätzen , welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte , aber er konnte den Zusammenstoß nicht vergessen , den er um Paul ' s willen mit Seba gehabt . Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmäßiges Betragen ihm später keinen Grund zum Mißfallen gegeben , und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der Bequemlichkeit betrachtete , so konnte er es gar nicht besser wünschen . Beide Frauen , die Herzogin und Angelika , wurden zufrieden gestellt , beide wußte er bedient , wie sie es bedurften , die Abreise brauchte durch die Wahl einer Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden , und man hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden , während man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte . Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen , sie überhaupt in dem Hause des Juweliers zu lassen , weil Herbert in demselben wohnte . Er hatte augenblicklich daran gedacht , als die Baronin erkrankte , aber er hatte Herbert abwesend gewußt und sich damit beruhigt , daß Angelika das Haus verlassen haben werde , ehe jener in dasselbe wiederkehre . Nun , da er seine Gattin allein zurücklassen sollte , mußte er sich fragen , ob sie von jenem Umstande Kenntniß habe , ob und in wie weit Seba von den obwaltenden Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung verlassen könne . Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen , hielt er nicht für rathsam , gegen die Flies ' sche Familie irgend eine Abmahnung zu äußern , hätte ihm eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt , und nachdem er in seinem Geiste das Für und Wider schnell erwogen , gab ein Blick auf die Gestalt Angelika ' s für seine Entscheidung den Ausschlag . Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau gesprochen , weil es ihm thöricht dünkte , sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu vergegenwärtigen , aber jetzt , da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte , verbarg er sich es nicht , was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen : Angelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten , er hatte von der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen , nichts mehr zu befahren . Er konnte und mußte ihr zu seiner eigenen Genugthuung gewähren , was sie wünschte , was sie freute . Er gönnte ihr also auch die Gesellschaft Seba ' s , er gönnte ihr den Aufenthalt im Flies ' schen Hause , in dem man zu größerer Beruhigung der Scheidenden auch dem Caplan ein Unterkommen anbot , und zufrieden , sich allen Theilen gefällig zeigen zu können , durfte der Freiherr sich das Zeugniß geben , daß er unter diesen Umständen das Richtige thue , wenn er Angelika der Pflege Seba ' s überlasse , und sich getrösten , daß er auch in Richten das Nothwendige und Rechte zu thun nicht versäumen werde . Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell gemacht , und da die Baronin zuversichtlich hoffte , daß sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen können , trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem Sohne weniger schwer , als man es für sie gefürchtet hatte . Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig genug , welche ihre Abreise aus der Stadt veranlaßten , und doch athmeten beide freier auf , als sie sich auf dem Wege fanden . Keiner von ihnen vermißte die arme Kranke , jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert . Der Freiherr hatte doch gar manche Stunden , in denen er es sich nicht wegleugnen konnte , daß er , von aufgestachelter Eifersucht verblendet , eine schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe , welche sie mit einer Ergebung trug , die ihm dieses Unrecht beständig ins Gedächtniß rief . Es kamen Augenblicke , in welchen er die Trennung , die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt hatte , als einen unheilvollen Schritt beklagte , und in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten ; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat , wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist , da flüchtet die kleinste Mißhelligkeit sich in den Riß , nistet sich ein , schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Mißhelligkeit zusammen , bis sie stark genug werden , den Riß zu erweitern , und der Bruch wird vollends unheilbar , wenn , wie in dem freiherrlichen Hause , ein scharfes Auge und eine geschickte Hand bereit sind , dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig nachzuhelfen . Der Freiherr wußte , daß seine Gattin unglücklich war , er fühlte sich auch nicht glücklich , aber die Herzogin verstand es , jede der Baronin günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken , und was im Beginne nur ein müßiges Spiel für sie gewesen , war ihr allmählich zum Lebenszweck geworden . Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine besondere Vorliebe gefühlt , aber die Leichtigkeit , mit welcher dieser sich für ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten ließ , und das heimliche Widerstreben gegen ihren Einfluß , das zu allen Zeiten immer wieder in der Baronin rege geworden war , bis es sich zu einem entschiedenen Mißtrauen und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert , hatten auch die Empfindungen der letzteren bestimmt