der Alten glitten sanft auf ihren Schooß . Oswald blickte empor . Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenster ; das Antlitz der Alten war wie verklärt in dem rosigen Licht . Aber das rosige Licht verschwand ; und der graue Abend schaute herein auf das bleiche Antlitz einer Todten . Oswald drückte ihr die Augen zu . - Von drüben her schallte durch die offene Thür das monotone Tik-tak der Wanduhr ; von der Straße tönte das Lachen und Jauchzen der spielenden Kinder . Was weiß das Leben vom Tode ? was der Tod vom Leben ? was die Ewigkeit von Beiden ? murmelte Oswald , als er sich nach einigen Minuten von der Seite der Todten aufrichtete , und die Thränen abwischte , die ihm heiß von den Wangen rollten . Fünfzigstes Capitel Am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück war Herr Timm abgereist . Er hatte den Baron gebeten , ihn bis nach B. , dem nächsten Städtchen fahren zu lassen , von dort wolle er Extrapost nehmen . Der gastfreundliche Baron fragte : ob es denn so große Eile habe ? ob er sich nicht ein paar Tage von seiner angestrengten Arbeit ausruhen wolle ? Da Albert indessen gestern Abend einen bedeutenden Auftrag erhalten zu haben vorgab ( der Postbote hatte ihm in der That einen Brief gebracht ) , so ließ sich dagegen allerdings nichts einwenden , und der Baron befahl dem schweigsamen Kutscher , die schwerfälligen Braunen anzuspannen . Herr Timm sagte Allen flüchtig Lebewohl und fuhr von dannen . Es vermißte ihn Niemand - Niemand , mit Ausnahme der kleinen Genferin . Aber sie vergoß ihre heißen Thränen in der Stille ihres Stübchens und die Gesellschaft sah von ihrem Kummer nichts , als die rothgeweinten Augen , die sie durch heftigen Kopfschmerz erklären zu können hoffte , wenn sie Jemand darnach fragte . Es fragte sie aber Keiner . Hatten doch Alle genug mit sich selbst zu thun ! war doch Jeder vollauf mit dem , was ihm zunächst am Herzen lag , beschäftigt ! Der Tod der alten Frau war für Oswald ein neuer Schlag . Es war , als ob sein verdüstertes Gemüth nicht zur Ruhe kommen , als ob an seinem Himmel der letzte helle Streifen verschwinden , und gänzliche Nacht ihn umgeben sollte ! Er hatte Mutter Clausen nur selten gesehen , aber es war jedesmal unter so eigenthümlichen Verhältnissen gewesen ; er hatte jedesmal einen so tiefen , ja erschütternden Eindruck von diesen Begegnungen davongetragen , daß ihm jetzt war , als hätte er eine Ahne verloren , deren zärtliche Liebe er mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten hatte . Wie bestimmt hatte er sich vorgenommen , als er das letzte Mal mit Albert in ihrer Hütte gewesen war , die alte Frau nicht wieder aus den Augen zu verlieren ; nachzufragen , ob er ihr in irgend einer Weise dienen , irgendwie ihr einsames Alter erfreuen könne ? Sie hatte seiner in ihrer letzten Stunde gedacht ; er hatte in allen diesen Tagen keine Minute Zeit gehabt , an sie zu denken . Sie hatte nicht sterben mögen , ohne ihm ihren Segen zu geben : was hatte er im Leben Gutes gethan , diesen Segen zu verdienen ? - Was half es nun der Todten , daß er für ihr Begräbniß Sorge trug ? daß er mit Bruno hinter dem Leiterwagen herging , auf dem man ihren schmucklosen Sarg über die Haide nach Faschwitz fuhr , ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu senken ? daß er nach Grünwald schrieb und eine kleine Marmortafel bestellte , auf daß ihr Grab nicht wie einer Geächteten Grab sei ? Wie hätte ihm die Lebende für den geringsten Theil all der Mühe , die er sich jetzt um die Todte gab , so herzlich gedankt ! Und war es , weil er ihn so wenig verdient hatte , daß der Segen der Sterbenden nicht in Erfüllung ging ? Der Frieden , den sie für ihn herabflehte mit dem letzten Hauch ihres Mundes , wollte nicht einziehen in sein Herz . Wie ein Verzweifelter kämpfte er mit der rasenden Leidenschaft , die sich wie ein Orkan über ihn gestürzt hatte , aber jeder neue Tag mußte ihn nur immer mehr von seiner Ohnmacht überzeugen . Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in die Gesellschaft des schönen Mädchens ; trat sie ihm doch mit einem freundlichen Lächeln auf den stolzen Lippen entgegen , sobald der leuchtende Sommermorgen die kurze und für ihn so lange Nacht verdrängt hatte ; saß er ihr doch bei Tische gegenüber ; brachten die Unterrichtsstunden , gemeinsame Spaziergänge , hundert andere Gelegenheiten , die in einem so kleinen Kreise auf dem Lande beinahe unvermeidlich sind , ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berührung ! Und wohl mochte es einem leidenschaftlichen Herzen schwer fallen , von so viel Schönheit , Anmuth und Geist nicht gerührt zu werden . Empfanden doch Alle , die mit Helene in Berührung kamen , den wunderbaren Zauber ihrer Persönlichkeit ; schien es doch fast unmöglich , nicht mit Heftigkeit für oder gegen sie Partei zu nehmen ; gab es doch selbst in der Gesindestube unter den Leuten lebhafte Scenen , da der schweigsame Kutscher , auf die junge Baronesse anspielend , brummte : es sei nicht Alles Gold , was glänze , worauf die alte brave Köchin erwiederte : zu schlechten und mißgünstigen Menschen kämen die lieben Engel allerdings nicht , was denn eine unerquickliche Debatte über schlechte Menschen im Allgemeinen und Besondern herbeiführte , bei der es von beiden Seiten ziemlich scharf herging und verschiedene helle Streiflichter auf die Familienangelegenheiten der gnädigen Herrschaft geworfen wurden . Denn selbst in diesen Regionen war man so ziemlich darüber einig , daß der Baron Felix sich nicht blos zum Vergnügen so lange auf Schloß Grenwitz aufhielt ; ja Felix ' Kammerdiener behauptete : es gäbe gewisse Leute , die über gewisse Dinge eine ziemlich