dem die Bewegung schon der halben Stadt galt ... Benno nahm von Thiebold ' s sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen Vorwürfen Abstand und sagte : Ich will arbeiten , wenn der verdammte Lärm mich dazu kommen läßt ! Sie aber , de Jonge , gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt halb zwölf Uhr wecken ! Ich bin begierig , den alten Haudegen , den Rittmeister von Enckefuß , kennen zu lernen ! Ja Sie müssen schon deshalb dabei sein , um sogleich an Hedemann schreiben zu können ! Vielleicht erzählt uns auch des Assessors Vater , was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat ! Damit wurde denn Thiebold fast gewaltsam von Benno zur Thür hinausgedrückt , und er ging ; im Hochgefühl , seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu haben , wie er seiner bedurfte . Zwar knirschte er an seiner Kette , lag aber doch mit solcher Wonne an ihr , daß er jetzt jedem , der ihm etwa auf der Straße und bis zu den Holzhöfen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete , die » Ideen « ( freilich als die seinigen ) wiederholt haben würde , die er soeben von Benno gehört hatte . Ja er würde jetzt keinen Anstand genommen haben , anzudeuten , daß die Frau Hauptmännin von Buschbeck ein » nächtliches Opfer der Jesuiten « war . Für Benno , der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten setzen wollte und von dem Schreiber die wirren Gerüchte , die er theilweise schon kannte , wiederholt erhielt , war es ein seltsamer Eindruck , beim nochmaligen Hinunterblicken auf die Straße , wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem Piket Soldaten abgesperrt wurde , den Assessor von Enckefuß über die leergewordene Mitte des Platzes , allgemein sichtlich , dahinschreiten zu sehen mit jenem Manne , den er einige male in nächtlicher Weile von der Treppe des Hauses gegenüber hatte herniedersteigen sehen , Jodocus Hammaker ... Er kämpfte mit sich , nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in einem Grade , der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der Stadt war , als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten , vielgesuchten und so außerordentlich reichen , deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk ' s , Dominicus Nück , nicht das Mindeste einwenden ließ . 2. Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk ' schen Hause auf das allerheftigste an jene Thür , hinter welcher Treudchen Ley heute nur zwei Stunden hatte schlafen können . Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu müssen . Gut und gern hätte sie sich bei dem Befinden ihrer Herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden noch eine Stunde gönnen dürfen , um die durch ein Misverständniß verlorene Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu können . Freilich war sie mit einem Traum erwacht , nach dem sie nie mehr wieder anders hätte träumen mögen . Sie hatte geträumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als Lebende , wie sonst , sondern als Todte , Erstandene , als seliger Geist und wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrüßend ... Eben , wie sie der Thurmschlag der sechsten Stunde , wie sonst die Thurmuhr der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte , sprach doch gerade die Mutter mit ihr wie aus einer sie verklärenden Wolke heraus , streckte förmlich ihr die Arme dar und lachte fast , unter Thränen und vor Wonne , sie nun gleich mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu können ... Und sie selbst hatte das Wort : Mutter ! wie einen Jubelton gerade auf den Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen die geliebte , seltsamerweise nur im Oberkörper sichtbare Gestalt umfangen , den freundlichen , lebenswarmen Mund an ihre Lippen drücken , da gerade erwachte sie und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes gewesen . Glücklich durch diese immer mehr sich befestigende Ueberzeugung , glaubte Treudchen nun , daß die Mutter in irgendeiner Form leben könnte und wach sein und ganz dicht um sie und über sie und ihre Geschwister , die im Waisenhause der Stadt waren , schweben ... Die Pein des Fegfeuers mußte sie also glücklich und schnell überstanden haben , dank der gründlichen Versehung mit den letzten Heilsmitteln durch den geliebten Priester , der täglich und stündlich von ihr und ihrer hochverehrten Freundin und Beschützerin Lucinde Schwarz erwartet wurde . Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande - Danae muß blond gewesen sein , weil ihre Schönheit Jupitern auf den Gedanken brachte , sie gerade in ihrer eigenen Gestalt zu überraschen - in die erste nothwendigste Kleidung geworfen und ihr auch Jupiter-Piter ' s Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem Schrecken eingefallen war , fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der Treppe draußen , das sie hörte , und bei dem Klopfen an ihre Thür . Sie öffnete ... Es war das so liebe gute herzige Fräulein Lucinde ! Sie kam in ihrer täglich jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht , die ihr doch gerade stand als wollte und könnte sie alle Tage Aebtissin werden . Kind ! rief Lucinde , heute in einem ganz weltlichen Tone , den sie noch gar nicht an ihr vernommen hatte ; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der Frühmette ... Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten ; denn Lucinde war zwar erglüht vor Aufregung , aber nicht gerade wie über einen Unglücksfall ... Die ganze Stadt ist in Bewegung - fuhr jedoch Lucinde , sich erst etwas erholend , fort ; diese Nacht ist ja die Frau , Kind , bei der du dienen