erblickten überall traurige Gesichter , Ackermann sprach nichts und Selmar konnte die Thränen nur mit Mühe unterdrücken . Zuweilen kam der Haushofmeister Wandstabler in ' s Zimmer , schüttelte den Kopf , stöhnte und sprach die traurigen Worte : Es kann ihn Niemand sprechen ! Niemand ! Aber der Herr Justizrath vielleicht ... Der Herr Justizrath ! Er ging dann an einen kleinen Wandschrank , öffnete ihn , klapperte mit Schlüsseln , die daselbst in aller Ordnung aufgehängt waren , benutzte aber auch regelmäßig diese wahrscheinlich zu seinem Amte nicht gehörende stete Revision der Schlüssel , um aus einigen Flaschen , die neben den Schlüsseln im Wandschranke standen , sich eine kleine Herzstärkung zu holen . Wenn seine jüngern Töchter nach der ältern Schwester fragten , sagte er , sie wäre oben und höre die Befehle der Ärzte . Dann sah man einen Bedienten mit Recepten eilen .. ein andermal kamen vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten sich nach dem Befinden Sr. Durchlaucht ... Es gewährte einen schmerzlichen Anblick . Ackermann hatte die Mädchen gefragt , wann der Prinz von seiner Reise zurückgekommen wäre ? Gestern Abend ; hatte es geheißen . Und Sie glauben , daß er in Hohenberg war ? hatte Ackermann gefragt und ein kurzes Ja ! war die Antwort der beiden etwas stolzen Damen gewesen , die sein Anliegen nicht kannten und ihn nur hier duldeten , weil ihnen der Name Schlurck , auf den er sich berief , nach Umständen ein Gespenst des Schreckens war . Daß bei allem Leide diese Frauen doch immer noch Zeit fanden , zu jedem Vorübergehenden hinauszublicken und nach dem Kettengeländer hin ihre langen Hälse auszustrecken , daß sie überdies geputzter waren , als ihrem Stande zukam , mißfiel Ackermann genug und die zarte Hand seines in eine schmerzliche Beklommenheit versunkenen Knaben ergreifend , sagte er zu den Mädchen : Wer weiß , wann der Justizrath kommt ! Erlauben Sie wol , daß wir so lange in den Park gehen , den wir am Palais bemerkt haben ? Es wird uns wohlthun , dort an der frischen Luft zu warten . Die Mädchen sahen sich an . Ist der Pavillon verschlossen ? flüsterte die Dore . Da hängt der Schlüssel ! sagte die Lore . Gehen Sie dann nur ! antwortete kalt die Ältere ; wenn der Herr Justizrath kommt , werden wir Sie rufen lassen . Selmar ' s Vater athmete frei auf , als er die beklemmende Atmosphäre dieses Zimmers hinter sich hatte . Es war groß und geräumig , auch kühl gewesen und doch lag etwas in dem Zimmer , was ihm die Luft verdickte ... Komm , mein Kind ! sagte er draußen und faßte Selmar ' s Arm , der sich an ihn hing , und wie ein zärtliches Paar schritten sie über die Einfahrt , den etwas düstern Hof , dem Garten zu , wo sie unter den hohen Bäumen aufathmeten und sich gegenseitig das Herz auszuschütten begannen . Wer hätte erwarten können , begann der Vater , daß dieser junge kräftige Mann von den Anstrengungen seiner Reise so konnte darniedergeworfen werden ! Es müssen doch die Reichen und Vornehmen für die Bequemlichkeiten , die ihnen das Leben gewährt , auch wieder viel büßen . Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben , sagte Selmar , daß er sein Eigenthum unter so betrübenden Verhältnissen antritt und fremde Menschen da schalten und walten sieht , wo sein Herz gewiß am liebsten verweilt , an der Grabesstätte seiner Mutter ? Wenn er dir ähnelte , Kind , sagte der Vater , gewiß nicht ! Du denkst an den Ocean schon gar nicht mehr zurück und unsere Farm , unsere Rinder , unsere Lämmer , unsere Wiesen und Pflanzungen mit der Trauerweide , die am See den kleinen Hügel beschattet , hast du ganz vergessen ! Ach ! sagte der Knabe schmeichelnd , verstell dich nicht , Vater ! Ich sehe dir ' s an , daß auch du nicht mehr daran denkst , nach Amerika zurückzukehren ! Der Geist der Mutter ist bei uns . Der lenkt und führt uns und hat uns auch nach Hohenberg begleitet in den Wald , an die Mühle und das rauschende Berggewässer ! Wenn ich auch zurückkehren möchte .. ich sag ' s nicht .. deinetwegen . Meinetwegen ? fragte der Vater mit sinnendem Ernst . Da irrst du ! Ja deinetwegen , fuhr der Knabe fort . Wie bist du gerührt von Allem , was du hier wiedersiehst ! Gesteh ' es nur , du trugst das Land deiner Jugend im Herzen , wie die heimwehkranke Mutter . Sie sprach nicht davon und du sprachst nicht davon ! Beide ertruget ihr die wechselseitig aufgelegte Pflicht , Beide entsagtet ihr Dem , was Euch lieb war , mit schwerem Herzen . Und nun du hier bist , kannst du dich nicht mehr losreißen von diesen Häusern und Plätzen , wo du schon einmal gelebt hast und glücklich warst .... Glücklich ? sagte der Vater ernst und wiederholte mit wehmüthiger Erinnerung : O ja , recht glücklich ! Und du wirst es wieder sein ! sagte Selmar . Ich sah es dir an , gleich seit wir in Hohenberg waren , das ich so lieb gewann , weil ich dich zum ersten male wieder nach langer Zeit weinen sah . O Vater , wenn du so trüben Ernst im Auge hegst , wenn es dir so dunkel in den Höhlen sich schattet und sie bleiben trocken und sie erquicken sich nicht mit dem Thau der Thränen , ach dann muß ich statt deiner weinen und möchte Gott bitten , er gäbe dir meine eignen nassen Augen .. Wo weint ' ich denn bei Hohenberg ? fragte der Vater , fast gleichgültig . Auf dem Kirchhofe , Vater , sagte Selmar . Wir hatten ja den häßlichen Leuten ihr Geld gezahlt , wir waren im Walde bei der alten Hexe gewesen , wollten nun fort und konnten nicht mehr