Der Minister wirft sich bei der Fürstin nieder , und frägt abgewandt : » Was ist geschehn , wie ist zu helfen ? « - Die Fürstin erkennt ihn gleich und sagt : » Sie hier , mein alter Freund , mir ist nicht zu helfen , war der Graf nicht vor der Türe , ich glaubte , seine Stimme zu hören . « - Der Minister antwortete ihr , daß der Graf eben hätte eintreten wollen , als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen worden . - Das Gesicht der Fürstin verzieht sich schmerzlich , sie seufzt : » Der Graf will mich nicht sehen , ich soll ihn nicht mehr sehen und die Gräfin stirbt ! Armer Vater , das ist mein Werk , aber nicht mein Wille . Ich kann nicht mehr aufstehen , der Mensch unten hält mich , gern möchte ich die Gräfin um Verzeihung anflehen . « - Der Minister versucht , den Schreiber fort zu schieben , aber vergebens , ihn hatte die zerstörende Neige des Giftes , die er begierig eingeschluckt , schnell erstarrt . Die Fürstin blickt hin und sagt » Ist er tot ? Wie konnte er so wenig Gift vertragen , und so große Schuld übernehmen - ihr letzten Zeugen meiner Leiden , ich bitt euch , sagt ' s aller Welt , ich habe ihn vergiftet , eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes ; ihm schwor ich auf dem Totenbette , des Hauses Ehre heilig zu bewahren , ich hab ' s getan . Der schnöde Sklave hatte trüglich meinen Leib zu seiner Lust mißbraucht . « - Zuckungen unterbrechen ihre Rede , sie stammelt mit Abscheu , wie sich alles ereignet , ihre Zuhörer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelähmt , nur der Kammerjunker eilt nach dem Schlosse , den Arzt zu rufen . Endlich unterbricht der Minister ihre Erzählung und bittet sie daran zu denken , wie bald sie werde stehen vor Gottes Angesicht , wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine , wo alle Menschen gleich ; dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem Schrecknisse wieder erschienen . - » Gottes Angesicht « , ruft sie mit letzter Kraft , » wird er nie sehen , er hat geschändet den Leib Gottes , dessen Ebenbild auch ich war ! « - Dieses waren ihre letzten Worte , fast ohne Reue , hart und wild ausgesprochen , wie zu einem hoffnungslosen Kampfe , in welchem sie doch die gute Sache auf ihrer Seite glaubte , so starrte sie dem Tode entgegen , der Arzt kam zu spät . Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen ; sie gehörten ihr wohl nicht mehr , sie sind der bloße Schrei der allgemeinen menschlichen Natur , die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Mühe trennt . Der Minister überließ sich nicht gern seinem Gefühle , er vermied es aus einem gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung ; jetzt , wo es ihn überraschte , konnte er es nicht ertragen ; die vordrängenden Tränen durchzuckten ihn schmerzlich , er wendete sich von der Sterbenden , die der Fremde in seinen Arm genommen , der sich ihr als ein ferner Anverwandter aus unglücklichem Stamme , als der Prinz von Palagonien angab ; ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte , er ist der unglücklichste und edelste Mensch , den die Erde getragen . Der Minister trat ins Schloß , wo alle in dumpfer Betäubung umherschlichen , horchten , keiner ihn fragte , zu wem er wolle , wo keiner seine Fragen beantwortete ; er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin , die er fragte , wo seine Töchter zu finden wären . Die Herzogin küßte ihm die Hand und sagte : » Mein teurer Vater , wie müssen wir uns wiedersehen ! Gehen Sie nicht weiter , im nächsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores , die ich vor wenigen Stunden gesund verlassen ; sie ringt mit fürchterlichen unerklärlichen Träumen , die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann . Ich habe mich einen Augenblick entfernt , denn meine ganze Seele ist zerrissen , und selbst dem himmlischen Troste ist mein erschüttertes Herz geschlossen . « - Bei diesen Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme . Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloß noch alle , da kam der geistliche Sohn Johannes , den eine Botschaft aus dem Schlosse hinberufen , und trat an seiner Mutter Bett . Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder . O dieser schönen letzten Klarheit ; sie war so ganz bei sich , als sollte sie noch eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben , die sie so bald verlassen sollte , die sie aber wohl noch als ein allgegenwärtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen mag . Die ersten Äußerungen ihres erwachten Bewußtseins waren Großmut und Aufopferung , sie sagte dem Grafen , daß sie nach ihrem Tode keine Frau wüßte , die ihm tröstlicher sein könnte , die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wäre , als die Fürstin ; Deutschland würde ihn freudig empfangen . Der Graf hielt diese Äußerung noch für bewußtlose Schwärmerei und bat alle umher , von dem Tode der unseligen Fürstin zu schweigen ; die Gräfin aber hatte dies vernommen und erfragte allmählich die traurige Begebenheit , sie betrauerte der Fürstin Leiden und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls . Das Geheimnis seiner Reise , der Planetenring , den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an den Finger steckte , durchdrang sie mit dem Vergnügen ihres ganzen Lebens , es war ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schön , wie in den ersten Stunden seiner Liebe . Nie fühlte sie sich ihm so nahe , ihre Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid , wie ihr Körper , sie fühlte sich durch ihre Buße ihrem Manne und der Welt versöhnt , sie scheute sich