die kalten Hände einer Herzkranken . Die Willmers schilderte mir gestern Deine Leiden , unter denen ich Symptome fand , die mich wahrhaft beunruhigten . Noch hoffe ich , es sind nur die Wirkungen eines unnatürlichen , aufreibenden Lebens . Diese Wirkungen aber können bei Deinen erschöpften Kräften Ursachen werden , Ursachen eines langwierigen , tödlichen Übels , wenn Du Dir nicht Schonung und Pflege gönnst . Ich kann Dich nach Pflicht und Gewissen nicht reisen lassen , ohne Dir , so hart es ist , die Augen über Deinen körperlichen Zustand zu öffnen . Hättest Du es nicht so weit getrieben in Deinem Starrsinn , so konnte ich Dir die grausame Wahrheit ersparen . — Habe Erbarmen mit meiner Angst und gehe wenigstens nicht eher , als bis ich Dir Heim gesandt . Er ist ein erfahrener Arzt , er soll entscheiden , ob ich Recht gehabt . Das Eine nur , Ernestine , das Eine tu mir zu Liebe , wenn Du mich nicht in Verzweiflung zurücklassen willst . “ Er hielt sie noch immer fest , als wolle er sie mit Gewalt fesseln . Seine Brust arbeitete mächtig , seine Blicke waren von dem andrängenden Blute verdunkelt . Die ganze Fülle einer tiefen , echten Mannesleidenschaft kochte auf und schwoll über in diesem gebieterischen Drängen und Flehen . Ernestine stand bleich und still vor ihm . Sie bog sich ein wenig unter der Last seiner sie umklammernden Arme . Aber kein menschliches Auge konnte enträtseln , was in ihr vorging . Während sie so schweigend einander anschauten , war es , als ob ein Wagen davon führe . Johannes hörte es nicht in seiner Ausregung . Sie dachte , es könne der Oheim sein , aber es war ihr gleichgültig . Es war ihr überhaupt plötzlich Alles so gleichgültig ! „ Ernestine , hast Du keine Antwort für mich ? “ fragte Johannes . „ Ich werde — mich bedenken — bis morgen ! “ „ Ach , Gott sei gelobt ! “ stieß Johannes aus der Tiefe seines Herzens hervor . Er mußte sich an einem Stuhle halten , als seine Arme Ernestinen losließen , ihm schwindelte . Wieder verflossen ein paar Minuten in düsterem Schweigen . „ Ernestine , “ sagte er nach einer Weile , „ Du hast in dieser Stunde einen Unschuldigen für alle Sünden seines Geschlechtes gestraft . Laß es von nun an genug sein , ich denke , Du bist gerächt ! “ Ernestine schwieg . Johannes sprach weiter . „ Ich will Dir nicht länger zur Last sein ; darf ich mit Heim kommen ? “ „ Morgen sollen Sie meinen Entschluß erfahren . “ „ Eine Hand ! — Nein ? Nun , so lebe wohl ! “ Ernestine war allein . Sie stand noch lange völlig regungslos . Sie dachte nicht an Johannes , nicht an den Oheim , der sich seltsamer Weise nicht sehen ließ ; nur ein Wort tönte ihr immerfort im Ohre : „ Du hast den Puls einer Herzkranken ! “ Das war ein verhängnisvolles Wort , das hatte sich wie ein Skorpion in ihr festgebissen . Es war kein Zweifel , Johannes hielt sie für rettungslos . Sie hatte es ja aus jeder seiner Andeutungen entnommen . Er hatte es ihr nur nicht so gerade heraus sagen wollen . War denn aber auch Möllner im Stande , das Alles zu beurteilen ? Ja , er war als Physiolog auch Mediziner genug , um eine richtige Diagnose zu haben . Sie begriff nicht , wie sie überhaupt alle die bedenklichen Anzeichen ihres körperlichen Verfalls so lange übersehen konnte . Er hatte Recht in Allem , der Oheim war ihr Mörder ! Es schüttelte sie bei diesem Gedanken . Es trat so plötzlich an sie heran , das Gefühl des nahen Todes . Sie sann und sann und rief sich jedes kleine und größere Leiden ins Gedächtnis , rechnete und zog Schlüsse . Es war merkwürdig , wie Alles stimmte , wie Alles auf ein Herzübel zutraf ! — Johannes wollte Heim beraten . Er hätte das nicht getan , wenn er die Krankheit nicht für gefährlich hielt . Was sollte Heim noch , was konnte er ihr sagen , was sie nicht selbst wußte ? Hatte er sein Wissen aus anderen Quellen geschöpft als sie ? Besaß sie nicht eine pathologische Bibliothek , die Alles enthielt , was ein Mediziner bedarf , dieselbe , die sie für Walter bestimmt , aber ihm noch nicht hingeschickt hatte ? Sie mußte nachschlagen , mußte sich Klarheit verschaffen , heute noch . — Es war Nacht geworden , der Regen fing wieder an herabzurauschen ; trübe Schatten lagerten sich um sie her . Sie zog die Glocke , um Licht zu erhalten . Frau Willmers brachte eine Lampe mit grünem Schirm und entfernte sich wieder . Ernestine eilte zu den hohen , reichen Büchergestellen , legte eine kleine Leiter an und stieg mit der Lampe hinauf . Sie suchte hastig nach einem Handbuche der Pathologie ; sie riß einen Band nach dem andern hervor , ohne das rechte zu finden . Sie durchwühlte ungeduldig die bestäubten Folianten , die sie schon seit vielen Monaten nicht mehr berührt hatte . Endlich sah sie bei ihrem trüben Licht den gesuchten Titel . Aber sie mußte das Buch unter einem Berge unordentlich aufgehäufter Bände herausziehen . Sie tat es mit Ungestüm . Da rutschten die Bücher übereinander , ein schwerer harter Gegenstand fiel ihr auf den Kopf , daß sie fast betäubt ward , von da auf die Lampe und zerschmetterte ihr diese in der Hand , daß sein dröhnender Schlag auf den Boden vom Splittern des zertrümmerten Glases begleitet ward . Mit brechenden Knien stieg Ernestine , ihr Buch unter dem Arm , von der Leiter , um bei dem verglimmenden Schein des zerquetschten Dochtes zu sehen , was das war . Sie bückte sich , um es aufzuheben , ein Gesicht mit weit aufgerissenem Munde starrte ihr entgegen