und beobachtete mit Genauigkeit und Schärfe , was sich rings um ihn ereignete . In Zorn geriet er nur , wenn er irgendwo Zeuge von Tierquälereien wurde , und einst hatte er , zum Hallo der Gassenjugend , einen heftigen Streit mit einem Fuhrmann , der seinen mageren Gaul vor dem schwerbeladenen Wagen unter wütenden Peitschenschlägen vorwärtstrieb . Da lachten die Leute ergötzt und sagten : » Er ist halt närr ' sch , der Professor . « Agnes führte ihm den Haushalt und sorgte treu für alle seine Bedürfnisse . Wenn er vom Hause ging , brachte sie ihm Hut und Stock , und jeden Abend , bevor sie sich schlafen legte , küßte sie ihn auf die Stirn . Sie sprachen fast nie miteinander , doch auf stille Weise war ein Einverständnis zwischen ihnen entstanden . In Gottfried wuchs ihm ein wohlgeartetes Kind heran . Er hatte Daniels Körperformen und die Augen Lenores . Ja , es waren die Augen mit dem blauen Feuer , auch hatte er Lenores märchenhafte Unberührbarkeit und ihren Abscheu gegen alle Lüge und Verstellung . Daniel erblickte darin ein Naturspiel von ergreifendem Tiefsinn ; alle Gesetze des Bluts schienen wesenlos , und oft irrte sein Gefühl zwischen Dank und Staunen . Von Dorothea hörte er eines Tages , daß sie ihr Leben als Violonistin bei einer Damenkapelle friste . Er forschte weiter nach , die Spuren führten nach Berlin , dann verloren sie sich . Ein paar Jahre später wurde ihm mitgeteilt , sie sei die Mätresse eines böhmischen Gutsbesitzers und fahre im Automobil an der italienischen Riviera spazieren . Auch der Tod des Herrn Carovius wurde ihm berichtet . Seine letzte Stunde , hieß es , sei schwer gewesen , und er habe in einem fort gerufen : » Meine Flöte , gebt mir meine Flöte ! « 8 An einem Augusttag des Jahres 1909 feierten Daniels Schüler den fünfzigsten Geburtstag ihres Meisters . Sie brachten ihm allerlei Geschenke und veranstalteten ein Essen im Gasthaus zum Ochsen . Einer der Schüler , ein bildhübscher Jüngling , dessen Zukunft Daniel besonders am Herzen lag , überreichte ihm einen großen Strauß Feuerlilien , wie sie dort in den Wäldern wachsen . Er hatte sie selbst gepflückt und in eine kostbare Vase getan . Es gab frugale Speisen , und dazu wurde fränkischer Landwein getrunken . Während des Mahles stand Daniel auf , ergriff sein Glas , und mit fernsehendem Blick sagte er : » Ich trinke auf ein Wesen , das keiner von euch kennt , das hier in Eschenbach aufgewachsen und mir seit vielen Jahren geheimnisvoll entschwunden ist . Aber ich weiß , in dieser Stunde ist sie glücklich und geliebt . « Alle erhoben die Gläser . Sie sahen ihn an und waren von der Kraft und Klarheit seiner Züge bewegt . Danach begab er sich mit den Schülern in die Kirche . Er ließ beide Torflügel öffnen , so daß das Tageslicht hereinströmte und in der dunkel gewesenen Höhe eine milchige Helligkeit verbreitete . Er stieg zur Orgel hinauf und fing an zu spielen . Ein paar Männer und Frauen , die über den Platz hatten gehen wollen , traten in die Kirche und setzten sich still neben den Schülern auf die Bänke . Dann kamen Kinder ; schüchtern trippelten sie durch das Tor , blieben stehen und machten große Augen . Und immer mehr Leute kamen , denn die mächtigen Klänge fluteten bis in die Wohnungen . Alle schauten schweigend und ernst zur Orgel empor , deren erhabene Harmonien sie dem Alltag und seiner Niedrigkeit unerwartet entrückten . Die Töne schwollen an wie ein Gebet aus übervollem Herzen . Als der rauschende Hymnus zum Schluß gediehen war , drang aus den Reihen der Zuhörer ein leises Mädchenweinen . Es war Agnes , die weinte . Wurde das Leben in ihr völlig aufgeweckt ? Rief Liebe sie hinaus ins Unbekannte ? Wiederholte sich in ihr , was ihrer Mutter geschehen war ? Kinder wachsen auf und werden von ihrem Schicksal ergriffen . Gegen Abend machte Daniel mit seinen neun Schülern einen Spaziergang über die Wiesen . Sie gingen weit ; letzte Vogelstimmen erschallten , das Rot des Himmels verblaßte . Da fragte der schöne Jüngling , der an Daniels Seite schritt : » Und das Werk , Meister ? « Daniel lächelte bloß ; sein Blick schweifte über die Landschaft . Die Landschaft hat vielfaches Grün ; an den Weihern steht das Gras höher , so hoch oft , daß man von den Gänseherden nur die Schnäbel gewahrt , und wäre das Geschnatter nicht , man könnte die Schnäbel für wunderlich bewegte Blumen halten . Ende