- es war ein wunderbarer Moment : alle die alten Freudenkräfte meines Innern rüttelten und regten sich , und es hob sich ein Drang , als ob ich noch einmal jauchzen könnte ; ich hätte wohl selbst den harten Kerkermeistern einen Augenblick danken mögen . Aber es kroch wieder zusammen , mein vergrollterer , stärkerer Genoß schalt mich und sagte , es sei unwürdig , dieser Gewalt gegenüber eine dankbare Regung zu zeigen ; wir saßen aber den ganzen Tag am Fensters , um uns zu sonnen , und es beschlich mich zuweilen wieder ein leises geheimnisvolles Behagen ; der Winter schien im Sturmeslaufe aus der Welt zu ziehen , und die Luft hatte wieder Befruchtung in sich . Auch ein unterhaltender Anblick war in der neuen Zelle ; auf dem großen Hofe genossen die Gefangenen dieses Viertels ihre Freistunde , nach jeder Stunde kam ein anderes Paar . Alle waren blaß , aber wie verschieden trugen sie ihr Unglück : der eine rannte stürmisch , unaufhaltsam , bis er am Laternenpfahl ausruhen mußte ; der zweite hatte Rock und Gesicht und Augen tief zugeknöpft , der Haß war in hundert Falten eingeschnürt , er ging ruhig und gemessen umher ; der dritte war zerbrochen , matt , elend ; der vierte gleichgültig und sorglos . Wenn solche Unterhaltung nur früher gekommen wäre , die Empfängnis blieb doch gar zu taub in mir ; jetzt gab ' s auch Schreibmaterial , aber ich hatte nichts mehr zu schreiben . So vergingen Wochen , und am Ende dacht ' ich : ' s war im kalten Loche , hinter der Blende drüben , nicht viel schlechter . Heut vor acht Tagen kam der große Tag , dieser einzige Gedanke seit sovielen Monden : ich ward frei , stand allein und ungehindert auf der Straße , kein Führer hinter mir - ach , und diese Freude aller Freuden kam zu spät , sie konnte mich nicht mehr recht bewältigen . Erst spät abends , als ich im Mondschein durch die Straßen schlenderte , meiner neuen Freiheit genießend , brach plötzlich ein heißer Tränenstrom aus meinen Augen , und von da an fühlte ich mich den Menschen wieder näher , ich dachte wieder in ihrer Weise , schlug mir die Bekümmernis um meinen im Kerker zurückgelassenen Kameraden aus dem Sinn , bemerkte , daß ich keinen Kreuzer Geld besäße , und in der großen , weiten Freiheit nicht wüßte , wohin mein Haupt zu legen sei . Ich kenne in dieser Stadt nichts als das Gefängnis und was damit zusammenhängt , ich wollte Konstantin um ein Nachtlager ansprechen , wir brauchen ja nicht miteinander zu reden , und morgen , nun morgen wird sich was anderes finden , oder auch nicht , das Leben mag sich einen Weg suchen oder aufhören , wie ' s will ! Du wirst schelten , es unwürdig nennen , daß ich mich nur um das Lager auf einem Brette an Konstantin wende , immerhin , ich hasse schlecht von Hause aus , und jetzt erst gar , schilt meinetwegen ! Um Konstantin zu finden , mußte ich wieder ans Gefängnishaus zurück , dort seine Wohnung zu erfragen - ' s hatte etwas Verhängnisvolles , daß ich mir dort Rat für die Freiheit holen sollte . Sie fragten mich , ob es mir so gut gefallen hätte , und ich wiederkommen , wieder bei ihnen schlafen wollte ? Wahrhaftig , es wäre mir ganz recht gewesen , hätten sie ein Lager zur Hand gehabt , ich hätte mich hingestreckt . Konstantin saß mit seiner Frau am Teetische . Er empfing mich kalt , und Julie eigentlich auch , aber das Weib , auch wenn es noch so blasiert und versteinert wäre , ist milder und sorglicher ; sie beklagte mein bleiches Aussehen und bat mich , den langen Bart abschneiden zu lassen ; über meine abgerissene Kleidung sagte sie nichts , sondern ihr Auge klagte nur darüber . Der schöne Tee , die reinliche , feine Zurüstung nahmen mich mehr als alles andere in Beschlag , es kam mir wieder eine leichte Wärme in Herz und Sinne . Als uns Julie verließ , sprach Konstantin : » Wundern Sie sich nicht über meine Kälte , ich habe keine andere Äußerung mehr , aber Ihr Eintritt in mein Haus bewegt mich eigentlich sehr , und wenn ich in mein erstarrtes Herz noch einen kleinen Zugang hätte , so würde ich dich willkommen heißen . Daß du dich zu mir wendest , der dein Elend geschaffen , ist eine Größe deines Herzens , die mein Verstand wohl anerkennt . Laß dich ' s nicht irren , wenn du etwas Ähnliches nicht wieder von mir hörst . « Ich blieb allein . Sieh , mein Herz ist groß , weil ich kein Nachtlager hatte und die letzte Zuflucht ergriff ! In einem Gartensalon habe ich die letzten Tage verlebt , und mehr und mehr bin ich zu mir gekommen und werde allmählich wieder Mensch . Konstantin und seine Frau sehe ich wenig , sie kommt nur zuweilen in den Garten , wo es zu knospen anfängt , und wir sprechen dann ein paar Worte miteinander . Sonst laufe ich viel umher , ins Freie hinaus , es ist mir , als wenn ich dadurch von Tag zu Tag wärmer würde . Die Zettel an Dich habe ich jetzt abgeschrieben , und ich schicke Dir den Pack nach Brüssel , wo Du sein sollst . Wer hätte gedacht , daß es doch noch an Dich kommen würde ! 5. Valerius an Hippolyt . Es wird mir täglich besser , vielleicht , weil der Frühling draußen immer wärmer und voller wird . Denke , es ist mir schon wieder ein Lied aus dem Herzen gewachsen , nun wird alles wieder gut werden , da ist es : Es ist ein Regen gefallen In erster Frühlingsnacht , Nun drängen und treiben und wallen Die Kräfte mit aller Macht , Die Keime in bunter Pracht