Und was sollte sie tun ? Den nächsten Zug erwarten ? Drei Stunden ? Die Sorge um den Bruder hielt sie fest , die Sorge um den Vater trieb sie nach Hause . In der Amtsstube des Stationsvorstehers warf sie mit zitternder Hand einige Zeilen nieder und bat den Beamten , das Blatt ihrem Bruder zu übergeben , wenn er mit dem nächsten Zuge käme . Den Wagen ließ Kitty warten und fuhr mit einem gemieteten Einspänner nach Hubertus zurück . Der Beamte konnte sich seines Auftrages entledigen : Graf Tassilo traf um zwei Uhr nachmittags ein . Sein ernstes Gesicht wurde , als er Kittys Zeilen las , noch um einen Schatten blässer . Er reichte dem Beamten die Hand , und seine Stimme schwankte : » Ich danke Ihnen ! « Dann eilte er zum Wagen und mahnte den Kutscher : » Treiben Sie die Pferde ! « Und während er bei jagender Fahrt an das Unglück des Vaters dachte , an die Begegnung mit ihm , an den Kummer der Schwester und an ihre Zukunft , stand vor seinen Augen noch immer das Erlebnis , das ihn den Frühzug hatte versäumen lassen . Um vier Uhr morgens hatte er Kittys Depesche erhalten . Diese halbe , in ihrer hilflosen Fassung doch so deutlich redende Nachricht legte sich mit eisiger Hand um sein Herz . Und neben der erschütternden Sorge quälte ihn die Frage : ob der Vater um diese Mitteilung wußte , um diesen verzweifelten Hilfeschrei , mit dem die Schwester den Bruder rief ? Aber durfte er noch überlegen ? Er mußte reisen . Auch auf die Gefahr , daß er vor dem Parktor von Hubertus wieder einen wehrenden Arm finden und eine Beleidigung erfahren würde , wie damals an jenem schwarzen Morgen ! Der Vater in seinem Unglück und die Schwester in ihrem Kummer bedurften seiner . Er mußte reisen . Wann ging der erste Zug ? In einer Stunde . Noch genügende Zeit ! Und Anna ? Durfte er sie mit dieser Sorge belasten ? Mußte in ihr - deren schlummerloser Wunsch die Aussöhnung ihres Gatten mit dem Vater war - durch diese Reise nicht auch eine Hoffnung erweckt werden , die mit Enttäuschung enden konnte ? Nein , Anna durfte den Grund dieser Reise nicht erfahren , ehe nicht alles geklärt , nicht jeder Schatten zerstreut wäre . Ein Telegramm hätte ihn in dienstlicher Angelegenheit unerwartet abgerufen - so instruierte er den Diener und traf in Hast die Vorbereitungen für die Reise . Der Morgen graute , als er auf die stille Straße trat ; dünner Regen rieselte , und fahl brannten die Laternenflammen in der trüben Dämmerung . Schon wollte Tassilo in den Wagen steigen . Da hörte er das Klirren eines Schleppsäbels . Ein Offizier kam auf ihn zugegangen . » Graf Egge ? « » Baron Dörwall ? « » Ich wollte Sie soeben in Ihrer Morgenruhe stören . Eine mehr als peinliche Sache - « » Verzeihen Sie , Baron ! Eine Reise , die keinen Aufschub duldet - ich bitte Sie herzlich , zu entschuldigen - « » So muß ich Ihnen hier auf der Straße sagen , um was es sich handelt . Um Ehre und Leben Ihres Bruders . « Tassilo erbleichte . » Ich bitte - « Er ging zur Tür und ließ Baron Dörwall eintreten . Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf . In Tassilos Zimmer brannte noch die Lampe , und ihre rötliche Helle kämpfte mit dem grauen Frühlicht , das durch die Fenster quoll . Baron Dörwall warf den nassen Mantel ab , setzte sich und legte die Mütze über den Säbelkorb . » Da Ihre Minuten kostbar sind , und Umschweife den Vorfall nicht mildern , vermeide ich jedes überflüssige Wort . Ihr Bruder hat heute nacht gespielt , mit zäherem Pech als je . Er wollte eine günstige Chance erzwingen und steigerte die Einsätze in einer Weise , daß die Kameraden sich vom Spiel zurückzogen . Sein einziger Gegner blieb Marchese d ' Alanto , der die Bank hielt und jeden Einsatz annahm . Robert doublierte Karte um Karte , aber die Blätter sprachen mit einer Hartnäckigkeit gegen den armen Jungen , daß er sich schließlich in seiner Erregung zu einer mehr als unvorsichtigen Äußerung hinreißen ließ . Marchese d ' Alanto warf ihm die Karten ins Gesicht . Und jetzt - « Baron Dörwall verstummte ; er schien auf ein entgegenkommendes Wort zu hoffen . Tassilo schwieg . » Die Sache ist leider von einer Art , daß ihre Ordnung keinen Aufschub duldet . Vor jedem anderen Schritt muß diese Spielschuld aus der Welt geschafft werden . Der arme Junge ist in böser Klemme . Wir können ihm nicht helfen , die Summe geht über unsere Kräfte . Das Arrangement der Sache durch ein Geschäft würde Zeit verlangen . So bleiben nur zwei Wege : eine offene Depesche an seinen Vater - « » Unmöglich ! « Tassilos Stimme bebte . » Mein Vater ist leidend , und ich möchte ihm diese Erregung um jeden Preis erspart wissen ! « » Also der andere Weg : Ihre Hilfe ! « Tassilo erhob sich . » Mein Bruder weiß um Ihren Besuch ? « Dörwall wurde verlegen . » Dieser Weg war mein Vorschlag . Ihr Bruder wies ihn allerdings energisch zurück , aber - er hinderte mich nicht , zu gehen . « » Und die nötige Summe ? « Baron Dörwall zögerte . » Vierhundertzwanzigtausend . « Tassilo ging zum Schreibtisch und nahm das Scheckbuch aus einer Lade . Mit ruhiger Hand füllte er das Blatt aus und unterschrieb . Er verfügte mit diesem Federstrich fast über alles , was er besaß , über sein mütterliches Erbe und über die Hälfte dessen , was er im Laufe der vergangenen Jahre durch Arbeit erworben hatte . Als Tassilo die Feder niederlegte , sagte Dörwall : » Ich danke Ihnen , Graf , im Namen Ihres Bruders . « »