, hohle Augen und abgezehrte Züge , die er kaum für die seinigen halten mochte ; ihn graute vor der Zukunft dieses wandelnden Gerippes . Auch die Großmut , deren Gegenstand er sich fühlte , drückte ihn . Er war eine Natur zum Geben , nicht zum Empfangen . An die Aushülfe seiner Schwester hatte er sich von Kind ab als an etwas Selbstverständliches gewöhnt ; er schenkte ihr , indem er von ihr nahm ; sie dankte ihm , nicht er ihr , wenn er sie für sich sorgen ließ . Und nun diese Hingebung dulden zu müssen von Lydia , die ihn verschmäht hatte , deren Wimper nicht zuckte , deren Hand nicht zitterte , wenn sie den Verband auf seine Wunden legte , eine barmherzige Schwester und - weiter nichts ! von dem Sohn der misera plebs , dem der reiche Mann sein einziges Lamm geraubt hatte und der als Entgelt seine Existenz auf das Spiel setzte und sein Gewissen belastete ! Wahrlich , es war eine grausame Rache , die sie genommen , indem sie dieses Dasein der Schmach gefristet hatten . So war denn keiner froh als Sidonie und mit ihr natürlich Rose , denn Lydia war nur ruhig , voll frommen Dankes für eine gelingende gute Tat . Rose aber , Rose war selig , denn Rose liebte , und wenn sie sich auch schwerlich darüber täuschte , daß ihr nicht die höchste Empfindung zum Lohne ward , wenn ihr holdes Getändel dem Genesenden auch nur ein flüchtiges Lächeln erweckte , schon dieses Lächeln war ein Gewinn , denn sie allein zauberte es auf die bleichen Lippen . Und gibt es denn nicht auch weibliche Naturen , denen ein erobertes Glück schwerer wiegt als eines , das ohne Kampf in unsere Arme läuft ? Sie war des Sieges über ihre Nebenbuhlerin in seinem Herzen gewiß . Liebte er Lydia noch , sie liebte ihn nicht mehr , und eine Geliebte , die nicht liebt , wird zum Schemen . Sie aber , Rose , sie liebte , und darum fühlte sie sich liebenswert . Sie war es ein paar Wochen lang für den Flatterling gewesen , und sie würde es wieder sein , unentwegt sein , wenn sie ganz die Seine geworden und treu zu dem Unglücklichen stand , nachdem der Glückliche ihr entflohen war . So rechnete die kleine Rose , und die kleine Rose war allezeit eine geschickte Rechnerin gewesen , wo es just nicht auf ideale Ziffern ankam . Die kluge Sidi aber sagte : » Mein Mäxchen hat seine Meisterin gefunden und ist , gottlob ! auf dem besten Wege , aus einem Freiheitshelden ein Pantoffelheld zu werden . Gut Heil dem armen Jungen zu der Chance ! Ihnen aber , Kamerad , seinem moralischen Gegenfüßler , zweimal gut Heil ! Muß man doch wahrlich ein Johanniskind sein , wenn sogar unsere Missetaten uns zum Segen gereichen sollen . Als Tugendheld wären Sie lebtags ein Sklave geblieben ; als Hehler und Helfershelfer eines Verschwörers kommen Sie zur Freiheit und zu Ihrem Ideal . Aber so werden Sie doch nicht rot , junger geistlicher Herr . Ich meine ja nur die lieben Sterne ! « So drängten alle und alles fort aus diesem Zwitterzustand , fort in reine Luft ; das aber um so mehr , da die Zeit sich näherte , in welcher der Wechsel der Ämter verabredet worden war und ein Aufschub kaum ermöglicht werden konnte , ohne neue Menschen in das Geheimnis zu ziehen . Wie eine Heilsbotschaft wurde es daher aufgenommen , als in der Weihnachtszeit Meister Kurze den Ausspruch tat , daß er nunmehr eine Translokation gestatten dürfe , wenn auch natur-und vernunftgemäß nicht in einem Atemzug , sondern mit einer Kunstpause in der Mitte , zu welcher aus diplomatischen wie ärztlichen Motiven Mutter Stinas Inselhaus sich empfehle . Man rüstete sich demnach zur Reise . Sidonie hatte nicht anders angenommen , als daß sie ihren Bruder begleiten werde , um sich im Leben nie wieder von ihm zu trennen : so zuversichtlich rechnete sie auf den Befreier Tod ; und kein Tag , keine Stunde verging , wo sie ihn nicht hinter des Greises Schlummerstuhle lauern sah , wo sie das Ohr nicht an des Greises Brust lehnte , nach dem letzten Atemzuge lauschend . Immer aber regte sich wieder das wunderbare Geheimnis , Leben genannt , und die Maschine taktierte weiter , lange nachdem der rastlose Arbeitsgeist , der sie achtzig Jahre regiert , sich abgenutzt hatte . Am Silvestermorgen ging Dezimus Frey zum letzten Male in die Stadt seiner Ephorie , und wenn es in diesen Aufzeichnungen gelungen ist , das Wesen seiner ersten Lebensstufen deutlich zu machen , bedarf es keiner Schilderung des Kampfes , den dieser mit allem Heimatlichen abschließende Gang ihm kostete . Der altbefreundete Superintendent war längst vertraulich in den Ämtertausch eingeweiht ; nun erbat sein junger Amtsbruder , zum Zweck einer Erholungsreise , sich eine geistliche Stellvertretung bis zur Ankunft des neuen Pfarrers und löste darauf einen Paß nach der Insel , ausgestellt auf seinen Namen , den seiner Pflegeschwester und seines kranken Bruders . Und das war Dezimus Freys letzte bewußte Lüge . Heimgekehrt empfing ihn Sidonie mit der Kunde , daß ihr Großvater eingeschlummert sei für immer . Lachende Erben beim Augenschluß eines Mammonsnarren sind keine Seltenheit ; diese Erben lachten nicht ; erlösender aber ist kein Augenschluß empfunden worden als der dieses alten betörten Kindes von seiner jungen Hüterin . Noch eine mahnende Besprechung mit seiner Schwester unter vier Augen , eine zweite mit dem Genesenden , aus beider Munde ein entschlossenes » Ich will ! « , dann fügte Dezimus Frey in Konstantin Blümels geistlichem Gemach Maxens und Rosens Hände ineinander und sprach des Priesters Segen über ihren Bund . Ein wunderliches Dreiblatt von Verschmähten und Verschmähenden , Lydia , Sidonie und Peter Kurze , war des Bundes Zeuge und unterzeichnete ein Dokument über den geistlichen Akt , das im Schloßarchiv niedergelegt wurde ,