weder achtete , noch liebte . Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von Bekümmernissen und Kränkungen , die theils aus Mangel , theils aus dem Hochmuth der Freunde und Verwandten ihres Gatten , theils aus dessen eigenem Charakter entsprangen , den sie nicht achten konnte , obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben zwang . Armuth nöthigte sie , sich von dem Sohne zu trennen , den sie mit Leidenschaft liebte , und die vernachläßigte Erziehung ihrer Töchter zu beweinen , deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen ließ . Diese ganze drückende Last der Schmerzen war nun von ihr genommen , aber ihr Herz zitterte noch lange in den Nachwehen der Leiden , als sie schon täglich Gott mit Thränen für die glückliche Wendung ihres Schicksals dankte . Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der peinvollen Sorgen der Armuth entledigt , und sah sich und die Ihrigen mit allen Zeichen der Wohlhabenheit umgeben . Der Sohn , den die Abwesenheit seit den Kinderjahren ihr entfremdet hatte , war ihr von Neuem mit inniger Liebe zugewendet , die sich täglich mehrte , je mehr er das reine , liebevolle Gemüth der Mutter erkannte . Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zärtlichkeit hingegeben , und die verwilderten Töchter hatten das knabenhafte Toben längst mit den besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht . Der alte Obrist endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte oft , indem er ihre Hand drückte : Wenn ich sterbe , ist mein Kind darum noch nicht verwaist , denn ihr bleibt eine Mutter , wenn der Vater scheidet . Dieses ruhige , sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem bedroht . Sie hatte die Ankunft des Grafen gefürchtet , auf die sich alle übrigen Glieder der Familie freuten , denn es schien ihr kaum möglich , daß ein reicher , vornehmer Mann ohne die Anmaßung auftreten sollte , die ihr schon bei minder begüterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen Gatten so drückend geworden war . Sie war in dieser Meinung bestärkt worden , denn sie hatte sich herabgelassen , die Base des Arztes über die Persönlichkeit des Grafen auszufragen , weil sie sich gescheut hatte , diese Fragen an die Mitglieder der Familie zu richten , und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die stolze , vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben . Sie rüstete sich also mit Geduld und beschloß mit Sanftmuth die Anmaßungen des Wohlthäters ihrer Kinder zu ertragen . Um so angenehmer wurde sie also überrascht , als der Graf zwar mit aller Feinheit der Sitten , die durch das Leben in der großen Welt erworben wird , sich ihr näherte , aber sie vor Allen mit der Höflichkeit und Achtung behandelte , die aus dem Gefühl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet . Bald fand sich also der Graf nur von dankbaren , liebenden Freunden umringt , und er bemerkte mit Vergnügen auch den jungen Gustav , der die Ferien der Universität benutzt hatte , um seinen großmüthigen Freund und Beschützer , den Grafen Robert , zu besuchen . Auch mit diesem Jüngling war eine große Veränderung vorgegangen . Er hatte sich männlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen abgelegt , die durch das Drückende seiner früheren Verhältnisse entstanden war . Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anständiger Bescheidenheit ein ; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav , sondern nach seinem Familiennamen Herrn Thorfeld . Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schlosse eingefunden , und es wurde verabredet , daß die Taufe des Neugebornen am andern Tage Statt finden sollte . Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde verweilen wollte , so fühlte Niemand die Neigung , die wenigen Stunden des Beisammenseins durch geräuschvolle Gesellschaften zu verkümmern , und deßwegen sollte die Taufhandlung nicht durch laute , prunkende Feste verherrlicht werden , sondern die im Schlosse versammelten nächsten Verwandten schienen den jungen Eltern die würdigsten Taufzeugen . Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses . Der Obrist erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour le merite , und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfälliger . Der Prediger saß abgesondert , sich zur Rede , die er beabsichtigte , sammelnd . Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet , und die Taufhandlung sollte beginnen . Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel . Er wollte ihn in den Armen empfangen , aber die vor Alter und Rührung zitternden Glieder versagten ihm dem Dienst . Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Händen die Thränen zu trocknen , deren er sich schämte , weil er fühlte , daß die Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Antheil an ihnen hatte , als die Rührung der Liebe . Der Neugeborne wurde Walther genannt , nach seinem würdigen Großvater . Die Feierlichkeit war beendigt ; die mannigfaltigen in den Herzen aller Theilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach , und gaben einer ruhigen Heiterkeit Raum , die es gestattete , daß sich das Gespräch auch auf Geschäfte richtete . Der Prediger verließ nach der Mittagstafel das Schloß . Die Schwäche des Obristen erforderte Ruhe , deren die junge Mutter ebenfalls bedurfte , und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor , den dieser benutzen wollte , um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der Bewirthschaftung bekannt zu machen . Ihr Weg führte die beiden Verwandten auch zu dem Besitzthume des Arztes und seiner Base . Der Bau war schon weit fortgeschritten . Der Graf lobte den etwas veränderten Plan , den das Treibhaus nöthig gemacht hatte , das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in Verbindung stehen sollte . Er lächelte , als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte , der so viele Streitigkeiten veranlaßt hatte , und rieth dann seinem Vetter ernsthaft , den Bau des Hauses so sehr als