Ganzen bin und wieder zu ihm zurück muß ; was ist es weiter ? Die Auflösung einer persönlichen Existenz in das Allgemeine , der Umsatz eines Stoffes in den andern . Seit ich denken kann , habe ich dies große Naturgesetz beobachtet und mich gewöhnt , mein kleines Dasein nur als einen Teil der Wandelungen zu betrachten , die der Stoff beständig an sich selbst vollzieht ! Sind wir erst zu der Demut dieser Erkenntnis gelangt , dann werfen wir lächelnd unsere eitlen Ansprüche auf persönliche Unsterblichkeit von uns und betrachten den Tod als den schuldigen Tribut , den wir der Natur für unser Leben zahlen müssen . “ „ Wirklich ? Und Sie wähnen , daß dieser Trost einst Stand halten werde , wenn es einmal im Ernste gilt , in jene dunkle Tiefe unterzutauchen , die Ihnen dann kein Strahl der Hoffnung , des Glaubens erhellt ? “ „ Ja , ich bin davon überzeugt . “ „ Und wenn Sie nun dahin müßten vor der gesetzlichen Zeit ? “ „ So würde ich nicht über das Maß der Frist rechten , welche mir die Natur gestellt . “ „ Sie würden aber doch diese Frist nicht absichtlich verkürzen wollen ? “ Ernestine sah ihn betroffen an : „ Nein , gewiß nicht ! “ „ Fürchten Sie denn nicht , das zu tun , wenn Sie nach Amerika gehen ? “ „ Weshalb sollte ich das fürchten , wegen des Meeres etwa ? O nein — es hat Millionen auf seinen Wogen getragen , warum nicht auch mich ? Es wird barmherziger sein als die Menschen , es wird mich nicht verderben ! “ „ Also sind Sie noch immer entschlossen zu reisen nach Allem , was ich Ihnen von Ihrem Oheim gesagt ? “ „ Mit ihm oder ohne ihn ! Ich werde reisen ! “ sprach Ernestine . „ Nun denn , Gott ist mein Zeuge , daß ich Alles versuchte , was in meiner Macht stand ! Jetzt — zeihen Sie mich der Härte , ich kann nicht anders — es bleibt mir noch ein Mittel , ein furchtbares , aber Ihre stolze Unerschrockenheit gibt mir den Mut , es zu gebrauchen . Ernestine , wenn Sie auf Ihrem Entschlusse beharren , nach New York zu gehen , so fürchte ich , ist Ihnen die Zeit nahe , wo Sie die Stärke philosophischen Trostes erproben können . Sie sind vielleicht des Todes , bevor Sie hinkommen . “ War es möglich , daß Ernestine noch bleicher ward als zuvor , so geschah es auf diese Worte . „ Was gibt Ihnen Grund zu dieser Behauptung ? “ stammelte sie . „ Das will ich Ihnen sagen , denn es ist nun nicht mehr an der Zeit , Sie zu schonen . “ Er blickte nach der Uhr . „ Ich begreife nicht , wie es möglich ist , daß Sie mit Ihrem Geist und Wissen sich darüber täuschen konnten , daß Sie krank sind , nicht nur angegriffen und nervös , sondern wirklich krank ! “ Ernestine sah ihn erschrocken an . „ Ich habe die feste Überzeugung , daß Sie verloren sind , wenn Sie dieses Leben fortführen , und gar in einem Maßstabe fortführen , wie Sie es in Amerika tun werden und müssen . Was Ihnen Ihr Oheim auch vorgespiegelt hat , ich bin sicher , daß er Ihnen Ihr Vermögen dort , wo er Niemanden zu fürchten braucht , noch weniger ausliefern würde als hier — vorausgesetzt , ich ließe ihn , wie Sie es verlangten , in Freiheit . Sie würden schließlich auf den Broterwerb angewiesen sein — und ich verbürge mich Ihnen , daß Sie in Ihrem jetzigen Gesundheitszustand eine solche Lage höchstens ein Jahr aushielten . Sie endeten in der Blüte Ihres Alters in einem amerikanischen Hospital und würden nach der Nummer eingescharrt ! “ 106 Ernestine wandte sich ab . „ Sind Sie nun noch entschlossen zu reisen ? “ fragte Johannes nach einer Pause . Ernestine überlegte in ihrer bitteren Not . Sie fühlte nur * zur gut , wie Recht er hatte . Aber was sollte sie tun ? Er ahnte ja nicht , daß ihr Vermögen schon verloren war , daß sie hier wie dort ihr Brot erwerben mußte , daß sie sich hier wie dort nicht schonen könne , wollte sie nicht zur ehrlosen Bettlerin herabsinken . Sie mochte denken und sinnen , wie sie wollte , sie sah auch hier kein anderes Ende als im Krankenhause . Und dann doch noch lieber in einem fremden Lande verkommen als hier , wo sie Jeder kannte , wo Jeder über sie triumphierte , der ihr Alles vorausgesagt . Nein , sie mußte fliehen ! Wie der sterbende Vogel zur Winterszeit sich verkriecht mit seinem Todesweh , so wollte sie im fernsten Weltteil ihre Armut verbergen , ihre Erniedrigung und Scham vor dem stolzen Manne , mit dem sie sich so übermütig gemessen in der Zeit des Glücks . — Sie erhob endlich das Haupt und sagte mit übermenschlicher Anstrengung : „ Ich habe keine Wahl mehr — ich muß meinen Vertrag einhalten — ich muß nach Amerika . “ Johannes hatte ihrem Ausspruche in atemloser Spannung gelauscht . Jetzt verließ ihn seine aufs Äußerste angespannte Kraft . „ Ernestine , “ schrie er und faßte sie bei beiden Schultern , „ Ernestine , es handelt sich um Leben und Tod , hörst Du ’ s denn nicht ? Ich sage Dir , Du kannst nur genesen , wenn Du gänzlich auf Deine bisherige Tätigkeit verzichtest ! Und Du rennst absichtlich in Dein offenes Grab ? Ich habe Dich beobachtet mit dem Auge des Arztes und des Liebenden und ich schwöre Dir bei meiner wissenschaftlichen Ehre , ich fand immer neuen Grund , um Dich besorgt zu sein . Du hast das Aussehen einer Abzehrenden , “ er griff nach ihrer Hand , „ hast in diesem Augenblick den schwachen , aussetzenden Puls und