silberne Schleier die reizvolle Gestalt . Eine Dreißigjährige , die einem jungfräulichen Mädchen glich , mit rosigen Wangen , mit schwellendem Mund und mit suchenden Schwarzaugen voll kindlicher Neugier . Sigismund küßte sein Ehgemahl vorsichtig auf die Wange und sagte scherzend : » So schnell bereit ? « Die Narrenkappe fortschiebend , beugte Herzog Ludwig sich nieder . » Vor der Schönheit kniet man leichter als vor der Würde . « Freundlich hob ihn Frau Barbara auf und fing munter zu schwatzen an . Der Ingolstädter plauderte mit ihr , ritterlich und bilderreich , während sein entstelltes Gesicht wie Asche war . Die Majestäten traten Hand in Hand aus dem Zelte . Brausender Jubel verschlang das Lied der Kinder , deren Schar mit den gelbgeblätterten Birkenzweigen in der Sonne wie ein goldenes Wäldchen war . Der König sah freundlich die vielen Kinder an und sagte : » Da wächst uns eine neue Welt . « In weitem Ringe standen die Hochwürdigen , die Edelfesten und Ehrbaren der freien Stadt , die Zünfte mit ihren Fahnen , hinter ihnen die berittenen Söldner , die Fußknechte und Schützen , und dann das graue Volk . Herzlich begrüßte der König den Fürstpropst Pienzenauer und den Kaspar Törring , die nicht sonderlich festlich aussahen . Trompeten schmetterten , eine schwer atmende Stille lagerte sich in der Sonne , und während von der Stadt das Geläut der Glocken scholl , fing der Bürgermeister in Ehrfurcht zu reden an . Der König lauschte wohlwollend . Minder aufmerksam war die Königin , die in lächelnder Neugier die schmucken Geschlechtersöhne musterte . Zum Willkomm verehrte die Stadt der Majestät einen großen goldenen Kupf , der bis zum Rande gefüllt war mit rheinischen Dukaten ; auch Frau Barbara , der Kanzler und der Narr bekamen Becher mit Geldgeschenken . Nun bewegte sich der Zug mit Sang und Klang der Stadt entgegen . Immer segnete der päpstliche Legat das Volk ; er ritt unter dem ersten Purpurhimmel . Auf einem ungrischen Goldfuchs , dessen seidene Schabracke den Boden berührte , ritt die deutsche Majestät unter dem zweiten , kleineren Traghimmel ; voraus schritten vier Edelknaben mit großen Gürteltaschen , aus denen sie neugeprägte Silberpfennige mit dem Bild des Königs in die Massen des jubelnden Volkes warfen . Hinter dem Herrscher , unter einem Pfauenfächer , ritt Königin Barbara auf einem Berberschimmel , der so zierlich war wie die schöne Frau in seinem Sattel . Dann kam die Schar der Fürsten und Herren , unter ihnen Herzog Ludwig mit entblößtem Haupt , zu jeder Seite seines abgehetzten Pferdes einer von den ruhig schreitenden Hunden ; mit den lang herabhängenden Zungen und den mager gewordenen Leibern sahen sie aus wie lebendige Wappentiere . Und außerhalb der von Waffen starrenden Spaliere drängte sich eine graue , jubelnde Menschenmenge und raufte sich auf dem Boden um die Silberpfennige , die unter dem Purpurhimmel der Majestät herausflatterten . Jetzt kam der Königszug zu dem Märchenbau der Steinernen Brücke . Ein wundervolles Bild : der mächtige , rauschende Strom und diese hochgeschwungenen , steinernen Bogen mit Toren und Türmchen , mit Fahnen , Kränzen und wirbelndem Bänderwerk ; und drüben die feste , schöne Stadt , umflossen von goldener Sonne , mit den langen Mauerzügen , mit den von Menschen wimmelnden Wehrgängen und Basteien , mit den eng zusammengehuschelten Firsten und Türmen , die von bunten Tüchern umflattert , von Scharen der aufgescheuchten Dohlen und Tauben umflogen waren . Ein Dröhnen und Hallen , als wäre der ganze Himmel eine schwingende Glocke . Und jetzt - als der König auf der Höhe der Brücke für die da drüben sichtbar wurde - jetzt übertönte den klangvollen Lärm ein dumpfer , schwerer , den Himmel und die Erde erfüllender Laut wie der Ton einer Riesenorgel , wie das grauenvolle Stöhnen eines leidenden Ungeheuers : das sehnsüchtige Gebrüll der vierzigtausend Zugewanderten , die eng gepfercht zwischen Wasser und Mauer standen , in gläubiger Hoffnung immer » Kaiser ! Kaiser ! Kaiser ! « schrien und die braunen , von grauen Lumpen umhangenen Hände hinauf streckten zum erwarteten Retter . Das Gesicht des Königs entfärbte sich in tiefer Erschütterung . Er stammelte einen Namen ; zwei von den Ordnern des Zuges liefen nach rückwärts und brachten den Fürstpropst Peter Pienzenauer . Herr Sigismund umklammerte den Arm des Propstes : » Siehst du das ? Da drunten ? Das arme Volk ! Und ich kann nicht helfen . Rom und die Fürsten machen mich zu einer Puppe , die an Drähten zuckt . Ich möchte das Gute und Rechte . Doch die Kleinen sträuben sich . Sie sind wie Mäuse , die sich in der Falle sicher vor der Katze glauben . « Zorn und Erregung zerdrückten ihm die Stimme . » Peter ! Reite heim nach Berchtesgaden ! Und rüttle in deinem Untersberg den alten , schlafenden Kaiser wach ! « Die Wirkung des Bildes , das er gesehen hatte , blieb in ihm , als er durch das Brückentor zu Regensburg einritt und umjubelt wurde von der Bürgerschaft . Er hörte nicht das Freudengeschrei und sah nicht die mit weißen Tüchern aus allen Fenstern winkenden Frauen . Zerstreut betrachtete er , was er sonst sehr gerne zu sehen liebte : den Flötenreigen der in durchsichtige Schleier gekleideten Hübschlerinnen und geschuhten Wachteln , die man zu Regensburg die armen Töchter nannte . Die schmucken Weibchen , die sehr heiter waren , sperrten mit einem Seil aus roter Seide und mit Rosengewinde die Straßen und luden den König in galanten Versen zu einem Fest in ihrer süßen Herberg . Immer nickte , dankte und lächelte er . Doch etwas Müdes und Steinernes war in der heiteren Schönheit seines Gesichtes . Immer schienen seine Augen nach einwärts zu schauen in die trauernde Herrscherseele . Als er in der gewölbten Halle des Stadthauses von den zu Regensburg eingetroffenen Fürsten empfangen wurde , eilte er , alle höfische Regel mißachtend , auf den kleinen Herzog Heinrich zu , nahm ihn beiseite und flüsterte ihm