meine Stiefel genagt , das hat seine Übelstände , aber ich schlürfte doch diese kleine Gefängnisfreiheit mit vollen Zügen , es war wieder Welt , wieder Leben , was mir nahetrat . Gegen Ende der Stunde war ich auch schon mit meinem Gegenfüßler in Rapport getreten , allmählich hatten wir den Zwischenraum , der uns trennte , immer kleiner gemacht , die Wächter waren des Regens halber ins Schilderhaus gekrochen , er flüsterte mir etwas zu , was ich freilich nicht verstand , aber er lachte , und das war großer Trost . Kann doch also auch hier gelacht werden ! Aus seinem ganzen Äußeren spricht eine Verhöhnung der Ketten , die hebt mich selber mit . Als der Regen plötzlich heftiger wurde , warf er mir schnell etwas an den Fuß , ich tat , als fiele mir die Pfeife an die Erde - so lügnerisch klug wird man in der Unterdrückung ohne weiteres , und hob es auf . Es war ein kleiner Stein , Beihilfe zum Feuerschlagen - bei der nächsten Begegnung sagte er deutlich » Hosenschnalle ! « Wahrscheinlich soll sie die Stelle des Stahls vertreten , ich habe aber leider keine , und zuckte mit den Achseln , er zuckte auch und lachte . Jetzt plag ' ich mich nun den ganzen Tag mit einer kleinen Schnalle meines Tragebandes , um Feuer zu schlagen , aber das Steinchen hat wenig Feuer , die Schnalle wenig Stahl , ich schlage mir die Finger blutig , aber es ist doch eine Arbeit nach einem nächsten Ziele , ich habe doch große Fortschritte gemacht im Kerkerleben , und weiß doch jetzt , daß ich für eine Stunde des Tages existiere , für die Freistunde . Ich habe heut gefragt , welcher Monat in der Welt ist , die Zeit ist lange von mir gewichen , und ein anderer Mensch kritzelt Dir diese Worte . Der plötzliche Eindruck frischer Luft nämlich war verheerend auf meinen Leib gestürzt , ich brach zusammen , als ich aus der zweiten Freistunde wieder in mein Gefängnis kam , die Besinnung entwich lange Zeit , der Wärter sagt , viele Wochen hab ' ich im hitzigen Fieber gelegen . So teuer ist sonst die Zeit für ein Jugendleben , wie es das meinige noch sein könnte , mir entweicht sie finster und unbeachtet . Ich finde da in meiner Tasche auf kleinem schmutzigem Blatte folgende Verse , die sich darauf beziehen , sie lauten also : Weiß wohl eure Richtertugend , Was ihr mir genommen habt ? Ach , es ist ja meine Jugend . Die ihr langsam hier begrabt . Ohne Jugend ist das Leben Wie ein Frühling ohne Grün , Alles kann man wiedergeben , Nur nicht Zeit und Jugendblühn . Und ein jeder Tag macht älter , Und ich leb ' doch keinen Tag , Und das Herz schlägt immer kälter - Was euch Gott vergeben mag . Ich sollte trauern , daß ich jetzt kaum noch die Bedeutung solcher Worte empfinde , unnütz trivial erscheint mir jetzt alles , nicht Klage , nicht Zorn ist mehr in mir , ich bin stumpf , ganz stumpf ! Was kümmert ' s mich , ob ich im Glanz oder Schmutz existiere , was kümmert ' s mich ! Es ist ein Gesellschafter zu mir in den Kerker gegeben worden , aber das Loch ist nun so eng , daß der eine sitzen muß , wenn der andere herumgeht . Wir sprachen nun in den ersten zwei Tagen mehreres ; mein Genosse , ein baumstarker Mensch , sitzt schon viel länger als ich und ist tief vergrollt , man könnte sich in der Abgeschiedenheit mit ihm fürchten vor seiner mitunter vorbrechenden Wildheit , wenn man sich noch mit Furcht und Hoffnung abgäbe . Gestern abend äußerte er , als wir schweigend auf unseren Betten lagen , etwas , wofür ich mich einen Augenblick interessiert habe , er sagte nämlich : » Wenn einer in diesen Kammern sein Licht unter das Bett stellte , und solchergestalt Feuer ausbräche , dann müßten wir alle in den schwer verschlossenen Zellen verbrennen wie wilde Tiere , und es müßte ein merkwürdiges Geheul geben . Zu etwa dreißig Türen , von denen jede doppelt und dreifach verschlossen ist , hat nur ein Mann die Schlüssel , von Rettung wäre also nicht sehr die Rede . Nun gibt es vier solcher Abteilungen , es könnte also ein tüchtiger Feuerschmaus von hundert Revolutionärs werden , und der Staat wäre einer großen Beunruhigung los . « - Mitunter sind wir auch grob lustig und lachen so laut , daß es die Wache verbietet . Ich glaube , der Mensch braucht solch einen Reiz , und wenn sich keiner bieten will , so wird er roh . Jetzt würde ich nicht mehr verwundert sein wie früher , wenn ich Verbrecher in Ketten lustig sah , die Natur hilft sich , und die Gemeinheit ist , auch eine Rettung . Wozu schreiben und Gedanken spinnen ? Ich will nun endlich die Brücke abbrechen , die noch von mir zur Welt hinübergeht ; mein kleiner Bleistift ist auch zu End ' geschrieben - leb wohl auf ewig ! 4. Valerius an Hippolyt . Heute vor acht Tagen ist der große Tag gekommen , den ich nicht mehr zu hoffen wagte . Vor einigen Wochen wurde uns ein ander Gefängnis gestattet - wenn in den kleinen Hof unserer Freistunde die Sonne hineinzüngelte , ach , da war mir ' s doch manchmal noch ein schmerzlicher Stich , daß ich wieder in das Dunkel unseres Gefängnisses zurück mußte , das nach der Mitternachtseite belegen war . Obwohl ich sonst stumpf und gleichgültig geworden , die Sonnenstrahlen , mein eigentlich Gottesleben , zündeten doch eine kleine Flocke in meiner ausgebrannten Seele . Jetzt führte man uns in ein kleines Stübchen , das auf den großen Hof sieht ; es waren nur Gitter vor dem Fenster , eine Blende war nicht da , die Morgensonne quoll warm herein