reizenden Geschöpfes dünkte , empfand ich doch nach Art junger Deutschgesellen den Wunsch , das bisher Versäumte nachzuholen und die letzten Stunden doch noch unter meinesgleichen , ein Freier unter Freien , zu verbringen . Agnes zögerte mit ihrem Entschlusse ; sie schauderte heimlich vor dem Alleinsein in ihrem Hause , wo sie keines rechten Trostes gewärtig war , und mochte sich auch sträuben , die Stelle zu verlassen , wo in jüngster Zeit noch der Geliebte geweilt und sie in neuer Hoffnung gelebt hatte . So führte ich sie einstweilen in den verschiedenen Gemächern , zwischen den malerischen Zechergruppen herum , überall wo es etwas Merkwürdiges zu sehen gab , wie der unermüdliche Einfall einzelner oder vieler es stets neu gebar . Auf unserer Wanderung hörten wir einen wohltönenden vierstimmigen Gesang und gingen ihm nach . Am Ende eines schwach erleuchteten Flures fanden wir einen erkerartigen Ausbau , der wegen seiner Fenster zu einer kleinen Orangerie diente ; denn er war mit etwa einem Dutzend Orangen- , Granat- und Myrtenbäumen besetzt , zwischen welche der Gottesmacher und seine Leute ein Tischchen gestellt und sich niedergelassen hatten . Über dem Eingange hing ein altes eisernes Schenkezeichen in Gestalt eines Pentagramms oder Drudenfußes , das von ihnen in irgendeinem Winkel aufgefunden und herbeigebracht worden . Da saßen sie nun , der rheinische Winzer , der Bergkönig und die zwei glasmalenden Meistersinger , und zeigten , daß sie im vierstimmigen Zusammensingen nicht minder geübt waren als im Saitenspiel . Als wir vor ihrer Herberge standen und zuhörten , nötigten sie uns sofort , bei ihnen Platz zu nehmen , indem sie zusammenrückten und Stühle herbeiholten . Zu meiner Verwunderung ließ Agnes sich das gern gefallen ; der Gesang schien ihr Herz anzulocken , zu beschäftigen und still zu machen . Um jene Zeit waren einige alte deutsche Volkslieder zuerst wieder hervorgezogen und von lebenden Komponisten sangbar gemacht worden . Ebenso wurde , was von Eichendorff , Uhland , Kerner , Heine , Wilhelm Müller im Tone jener Lieder vorhanden , von den Sangmeistern in mehr oder minder schwermütige Noten gesetzt und eben als das Neuste von der geschulten Männerjugend gesungen , eh es , teils zum zweiten Male , ins Volk überging . Noch nie hatte Agnes dergleichen gehört . Soeben war das Lied » Am Brunnen vor dem Tore , da steht ein Lindenbaum « zu Ende , und es kam » Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht « . Alte Scheidelieder , Todeskundschaften , Klagen um entschwundenes Glück , Lenzverheißungen , die Lieder vom Mühlrad und vom Tannenbaum , Uhlands » Nun , armes Herz , vergiß der Qual , nun muß sich alles , alles wenden « eins nach dem andern kam zum reinen und ausdrucksvollen Vortrag , wobei der Gottesmacher mit seinem hellen Tenor die Oberstimme führte , der Bergkönig den Baß sang und die Glasmaler andächtig dazwischen mitliefen , zuverlässig auf Ton und Takt haltend . Agnes lauschte unverwandt , und altes , was sie hörte , schien wie für sie gemacht und aus ihrer eigenen Brust zu kommen . Indem sie nach jedem Liede erleichternde Atemzüge tat , wurde sie zusehends ruhiger und freier . Ein sonniger Frohsinn ging um unsere kleine , halb verborgene Tafelrunde ; es war , wie wenn alle stillschweigend fühlten , daß ein bedrängtes Herz sich entlastete , obgleich eigentlich außer mir keiner etwas wußte . Jetzt trat noch der herumstreifende Erikson herzu , entdeckte unsere Niederlassung und eilte , als er die Art derselben erkannte , von dannen , um einige Flaschen französischen Schaumweines herbeizuschaffen , worauf er seinen vorsorglichen Rundgang im Dienste der Gebieterin des Hauses fortsetzte . Agnes und die meisten von uns hatten noch niemals Champagner gesehen , noch weniger getrunken , und schon die nach damaliger Mode noch ganz hohen Gläser , in welchen die Perlen unaufhörlich stiegen , erhöhten unsere Stimmung bis zur Feierlichkeit . Nun kam Rosalie selbst und brachte der Agnes einen Teller süßes Backwerk und Früchte und empfahl uns , mit der feinen Diana ja recht fröhlich und galant zu sein . Das waren wir denn auch in der besten und ziemlichsten Weise . Vor allen bezeigte sich der Gottesmacher aufmerksam und höflich gegen sie ; aber auch die andern wurden ebenso aufgeräumt , als sie in heiterer Ehrerbietung verharrten , stolz darauf , daß eine so poetisch schöne Erscheinung , wie sie ' s nannten , ihre kleine Kompanie zierte . Als alle auf ihr Wohl mit ihr anstießen , trank sie den schlanken Kelch bis auf den Grund leer , oder vielmehr floß ihr die perlende Süße wie ein Schlänglein in den Mund , ohne daß sie es wußte ; wenigstens behauptete der Gottesmacher nachher , er habe an ihrer weißen Kehle gesehen , wie es durchgeschlüpft sei . Nun fing sie an zu zwitschern und meinte , hier wäre es gut , es sei ihr zu Mut , wie wenn sie aus winterlichem Schlackerwetter in ein warmes Stübchen gekommen wäre ; aber sie wisse schon , was das sei , immer machten einige gute Menschen zusammen ein warmes Stübchen aus , auch , ohne Ofen , Dach und Fenster ! » Alle guten Leute sollen leben ! « rief sie und trank , als die Gläser zusammenklangen , das ihrige abermals auf einen Zug leer und setzte hinzu : » Ei , wie lieb ist dieser Wein ! Der ist auch ein guter Geist ! « Das gefiel uns ausnehmend wohl ; die vier Sänger huben ohne Verabredung alsogleich mit voller Kraft an : » Am Rhein , am Rhein , da wachsen unsre Reben « . Kaum war das ehrliche Trinklied verklungen , so sangen sie , auf eine ernst gehaltene Weise übergehend , obgleich nicht in schleppendem Tempo , das andere schöne Lied von Claudius : » Der Mensch lebt und bestehet Nur eine kleine Zeit , Und alle Welt vergehet Mit ihrer Herrlichkeit « usw. Als dann die Motette mit dem schwungvollen Halleluja Amen schloß