Über die ärztliche Behandlung hinaus hatte nebenbei zwischen der schwächlichen Korbverleiherin und dem rüstigen Korbträger sich ein literarisches Verhältnis eingefädelt , das zunächst zwar nur den Zweck hatte , verdächtigende Spuren von dem Krankenzimmer im Werbenschen Pfarrhause abzulenken , beiden Praktikanten aber zu einem Quell erheiterndster Laune wurde . Schon in den nächsten Tagen bekam man in der einen Zeitung zu lesen : » Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist der bekannte Max von Hartenstein am 25. huj . in Lausanne gesehen worden . Wem es daher , schon aus Gründen der Vernunft , nicht einleuchten sollte , daß ein Mann , sagen wir ein Agitator , von seinem Kaliber an dem kindischen Putsch in X. keinen Teil gehabt haben kann , dem würde es doch schon aus räumlichen Gründen unbezweifelbar werden . « Einige Zeit später stand in dem Blatte einer anderen Farbe : » Einsender hat in einem lauschig stillen Winkel am herrlichen Lemansee die Bekanntschaft des berühmten Dichters Max von Hartenstein gemacht und das Glück gehabt , eines Blicks in seine jüngste Schöpfung Pandora gewürdigt zu werden , welches großartige Epos , in ottave rime abgefaßt , an Schwung und Farbenglut sich dreist mit den höchsten Leistungen der Byronschen Muse messen darf und eigentümliche Streiflichter auf eine Zeit fallen läßt , über welche Pandorens Büchse wieder einmal die Fülle ihres Unsegens ausgegossen hat . « Wenn diese und ähnliche Artikel im Werbenschen verbreitet wurden , dann lachte Sidonie wie in alten glücklichen Siditagen , und die übrigen Wächter im Krankenzimmer lächelten , denn sie wußten , wessen Phantasie die Dichtung entsprungen war und welche Hand sie unter die Druckerpresse befördert hatte . Peter Kurzen war bei derlei » Fickfackereien « so wohl zumute wie einem Schmerlchen im klarsten Bachwasser . Er verhöhnte seinen Freund Dezimus , der über den Rudimenten der diplomatischen Kunst wie ein Abc-Schütze stockerte und unter den Praktiken , zu denen sie den Diplomaten nötigt , sich krümmte » wie die Bauern , wenn sie in den Turm kriechen sollen « . Und doch war im Grunde Peter Kurze keine weniger ehrliche Haut als sein geistlicher Freund . Erzählt man denn aber nicht , daß einzelne Individuen einen Giftstoff , von welchem ein Partikelchen der großen Mehrzahl den Tod bringen würde , in zehnfältiger Dosis als Arznei , ja als Leckerbissen und sogar als Schönheitsmittel zu sich nehmen und bei dieser Diät gesund und kräftig ein Patriarchenalter erreichen ? Der junge Pfarrer von Werben war leider jedoch ein solcher Arsenikschlecker nicht . Leib und Seele siechten an den Konsequenzen seiner Samaritertat wie an vergiftetem täglichen Brot . Wenn er von der Kanzel herab das Grundgebot vom » Ja , ja , nein , nein « verkündet hatte oder das von der Obrigkeit , die Gewalt über einen jeden haben soll , und auf dem Heimwege erkundigte sich ein wißbegieriger Familienvater nach den näheren Umständen von seines Bruders verwunderlicher Blessurgeschichte - Peter Kurze hatte dieselbige in Kurs gesetzt - , oder eine teilnehmende Gemeindemutter fragte nach dem Befinden des armen , guten Friede , dem sie ein selbstbereitetes Pflaster gar zu gern eigenhändig mit einem die Heilung bedingenden heimlichen Spruch auf seine Wunden gelegt hätte , dann trat kalter Angstschweiß auf das Pfarrers Stirn , und der Bescheid würgte wie Wurmsamen in seiner Kehle . Wohlwollende Amtsbrüder warnten ihn ob seines bedenklichen Aussehens . Sie meinten , er habe sich nach seiner Verwundung nicht hinlänglich geschont , und rieten zu einer ernsthaften Erholungskur . Erwiderte er nun auf solchen Rat , daß er sich eine Luftveränderung vorgesetzt habe , indem er seinen Bruder nach dessen Genesung auf die Insel zurückgeleite , so sagte ihm der heimliche Störefried im Herzen , daß diese Antwort wiederum nichts als ein diplomatischer Kunstgriff sei . Und ach ! wie ernsthaft war sie doch gemeint ; wie aus tiefster Seele schmachtete er nach den reinigenden Elementen und ach ! wie sehnsüchtig nach den hohen , stillen Sternen , deren Priesteramt kein Samariterdienst entweiht ! Auch Lydia leistete ja verstohlen Samariterdienst , auch sie pflegte dem Namen nach den armen Hirtenfriede , der sich fern am Rhein in der Abwartung seines lieben Herrn , nunmehro Generals , so behaglich fühlte , wie im Leben noch nie . Aber Lydia war nicht falsch gestellt , indem sie es tat ; sie übte des Weibes natürliche Pflicht , nicht eine Ausnahmspflicht , welche der Alltagspflicht widersprach . Selber Lydias Beispiel konnte dem armen Pfarrherrn das Herz nicht erleichtern . Noch weniger jedoch als der Samariter schien der , welcher verwundet am Wege gelegen hatte , der Tat der Barmherzigkeit froh zu sein . Nachdem Max Fieberwahn und Lethargie so weit überwunden hatte , um seine Erinnerungen mit dem Bewußtsein der Gegenwart verknüpfen zu können , da las Dezimus oftmals in seinem düsteren Blick und den zusammengezogenen Brauen den Vorwurf : » Warum hast du mir nicht den Abschluß , der mir ziemte , gegönnt ? « Seine Pläne waren gescheitert , sein Rausch ernüchtert ; er war ein Geächteter , sein Name gebrandmarkt bei denen , die , aller Theorie zum Trotz , er allein für seinesgleichen hielt , über die sich zu erheben , über die eines Tages zu herrschen er geträumt hatte . Und dann : er war ein Siechling geworden ; er , dem niemals eine Ader weh getan , der das , was Schonung heißt , in keiner Weise gekannt hatte , ein hinfälliger Mann , - wie er ahnete , für kurze Lebensfrist . » Als standfester Philister können Sie es wie Papa Mehlborn zum Achtziger bringen , als roter Hartenstein , oder meinetwegen auch nur als blauer , gebe ich Ihnen keine zwei Jahr , « hatte Doktor Peter Kurze erklärt ; Max von Hartenstein aber war einer , dem viel leben mehr gilt als lange leben . Er hatte wie ein Künstler sich an dem Anblick seiner eigenen Schönheit geweidet , nun zeigte der erste Blick in den Spiegel , den Rose ihm vorhielt , eine verfallene Gestalt