, daß er nicht vor dies Tribunal gehöre , mußte dann hundert Angriffe und Sarkasmen aushalten . Außer diesem Umstande verursachte noch ein anderer eine Ungleichheit zwischen beiden Freunden . Lys , der wie Erikson um sechs bis sieben Jahre älter war als Heinrich , liebte das Gluck bei den Weibern und sah , wo er es fand , ohne bisher ein Gefühl für Treue und bindende Dauer empfunden zu haben . Er war höflich und aufmerksam gegen sie , ohne für sie eine allzu große Achtung in sich zu beherbergen , während Heinrich zurückhaltend , scheu und fast grob gegen sie war und doch eine herzliche Achtung für jedes weibliche Wesen hegte , das sich nur einigermaßen zu halten wußte . So seltsam vertraut und sinnlich sein Umgang mit Judith gewesen , hatte ihn doch der Instinkt der Jugend und die ganze Lage der Dinge vor dem Äußersten bewahrt , und diese Rettung , auf die er sich nun mit der Koketterie der Zwanzigjährigen viel zugute tat , betrachtete er nun als ein zu erhaltendes Glück und als eine Erleichterung , dem reinern Andenken Annas leben zu können . Denn obgleich er nun auch bereits merkte , daß jenes jugendliche Gelübde ein Traum gewesen sei , so war er doch weit entfernt , irgendeine neue Liebe zu hoffen und nahe zu sehen , und seine Sehnsucht ging mit ihren Bildern und Träumen daher immer in die Vergangenheit zurück . Dies gab seiner Denkungsart etwas Zartes und Edles , welches er wirklich fühlte und ihn über sich selbst täuschte . Wenn daher Ferdinand die Weiber beurteilte wie ein Kenner eine Sache , wenn er in galanten , eleganten und ausgesuchten , ja frivolen Dingen , Gerätschaften , Gesprächen und Gebräuchen sich gefiel , wenn er wirklich auf ein Abenteuer ausging oder von einem solchen erzählte , so wurde Heinrich in seiner Gesinnung betroffen und verlegen . Ferdinand besaß ein mit einem Schlosse versehenes Album , in welches er alle seine Liebesabenteuer in verschiedenen Ländern gezeichnet hatte . Man erblickte die bald empfindsamen , bald leichtfertigen Schönen in den verschiedensten Lagen , bald schmollend , zornig , weinend , bald übermütig und zärtlich in Ferdinands Armen , diesen aber immer mit der größten Sorgfalt ähnlich gemacht bis auf die Kleidungsstücke , und nicht zu seinem Nachteile , während den zornigen und schmollenden Schönen durch allerlei Schabernack , entblößte Waden oder triviale Faltenlagen in den Gewändern weniger ein Reiz als ein Anflug von Lächerlichkeit und Erniedrigung gegeben war . Dies Buch konnte Heinrich nicht ausstehen ; sein Freund schien ihm darin sich selbst herabgewürdigt zu haben ; aber weit entfernt , mit ihm darüber zu disputieren oder den Sittenrichter zu spielen , lächelte er vielmehr dazu . Anders als in den religiösen Fragen , wo er die Existenz seines Bewußtseins auf dem Spiele glaubte , zwang er sich hier , die Art und Weise anderer gelten zu lassen und sie sogar anzuerkennen . Es war ein Zeichen seiner gänzlichen geistigen Unschuld ; denn bei mehr Erfahrung hätte das Verhältnis gerade umgekehrt sein müssen . Aber alles zusammengenommen bewirkte , daß Heinrich glaubte , sich seinen eigenen Weg in jeder Hinsicht freihalten zu müssen , und für Ferdinands künstlerisches Beispiel unzugänglich wurde , zumal in dessen fertiger und bewußter Tüchtigkeit etwas von der Keckheit und Erfahrungsreife , von dem Liebesglücke Ferdinands zu liegen schien . Sonst waren die drei , Lys , Erikson und Heinrich , die besten Freunde von der Welt , und jeder gab seinen Charakter in der unbefangensten Weise dem andern zum besten . Sie waren um so lieber und unzertrennlicher zusammen , als noch ein besonderes gemeinsames Band sie vereinigte . Jeder von ihnen stammte aus einer Heimat , wo germanisches Wesen noch in ausgeprägter und alter Feste lebte in Sitte , Sprachgebrauch und persönlichem Unabhängigkeitssinne ; alle drei waren von dem Sonderleben ihrer tüchtigen Heimat abgefallen und zu dem großen Kern des beweglichen deutschen Lebens gestoßen , und alle drei hatten dasselbe , erstaunt und erschreckt über dessen Art , in der Nähe gesehen . Schon die Sprache , welche der große Haufen in Deutschland führt , war ihnen unverständlich und beklemmend ; die tausend und aber tausend » Entschuldigen Sie gefälligst , Erlauben Sie gütigst , Wenn ich bitten darf , Bitt ' um Entschuldigung « , welche die Luft durchschwirrten und bei den nichtssagendsten Anlässen unaufhörlich verwendet wurden , hatten sie in ihrem Leben nie und in keiner anderen Sprache gehört , selbst das » Pardon Monsieur « der höflichen Franzosen schien ihnen zehnmal kürzer und stolzer , wie es auch nur in dem zehnten Falle gebraucht wird , wo der Deutsche jedesmal um Verzeihung bittet . Aber durch den dünnen Flor dieser Höflichkeit brachen nur zu oft die harten Ecken einer inneren Grobheit und Taktlosigkeit , welche ebenfalls ihren eigentümlichen Ausdruck hatten . Sie erinnerten sich , niemals , weder in ihrer Heimat noch in fremden Sprachen , die in Deutschland so geläufigen Gesellschaftsformeln gehört zu haben » Das verstehen Sie nicht , mein Herr ! Wie können Sie behaupten , da Sie nicht einmal zu wissen scheinen ! Das ist nicht wahr ! « oder so häufige leise Andeutungen im freundschaftlichen Gespräche , daß man das , was ein anderer soeben gesagt , für erlogen halte - welches wieder auf einen andern noch tiefern Übelstand schließen ließ . Auch die allgemeine deutsche Autoritätssucht , welche so wunderlich mit der unendlichen Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit kontrastierte , machte einen peinlichen Eindruck auf die Deutschen vom Grenzsaume des großen Volkes ; einer donnerte , die Vorteile seiner Stellung benutzend , den andern an , und wer niemand mehr um sich hatte , den er anfahren , dem er imponieren konnte , der prügelte seinen Hund . Recht eigentlich weh aber tat den Freunden die gegenseitige Verachtung , welche sich die Süd- und Norddeutschen bei jeder Gelegenheit angedeihen ließen und welche ihnen ebenso auf ganz grundlosen Vorurteilen zu beruhen als schädlich schien . Bei Völkerfamilien und Sprachgenossenschaften ,