dir wohl nie einfallen lassen ? Im Grunde bin ich mit aller meiner eingebildeten Ueberlegenheit doch nur eine gutherzige Thörin , die ihr nur bei ihrer Großmuth zu fassen braucht , um alles was ihr wollt aus ihr zu machen . Das Unangenehmste dabei ist indessen die leidige Berühmtheit , die ich mir durch die bloße Gutartigkeit meiner Natur zuziehe ; eine Tugend , welche unsre edeln Korinthischen Matronen sich schlechterdings nicht zu erklären wüßten , wenn sie ihr nicht die einzige Unterlage gäben , die ihnen ( vermuthlich aus eigener Erfahrung ) bekannt ist . Wirklich hat das seltsame Abenteuer , das mir in diesen Tagen zustieß , ein solches Aufsehen in dieser volkreichen und geschäftevollen Stadt erregt , daß in allen Gesellschaften , auf allen Marktplätzen und unter allen Hallen von nichts anderm , als von der Wundercur , die ich an einem edeln Aspendier verrichtet haben soll , geplaudert wird ; aber wie , und mit welchen Beiwerken und Verzierungen , kannst du dir vorstellen . Daß eine Person , die sich einer beinahe zwölfjährigen Freundschaft mit dem weisen Aristipp zu rühmen hat , das alles nicht voraussehen konnte ! - Freilich ! - Aber was zu thun ? Die Thorheit , wofern es eine war , ist nun einmal begangen , und ich bin es so überdrüssig , überall wo ich mich blicken lasse , schon auf dreihundert Schritte weit , alle Zeigefinger und Spitznasen nach mir hingelüftet zu sehen , daß mich dieses Uebermaß von Celebrität ( unter uns gesagt ) ein paar Monate eher als gewöhnlich nach Aegina treiben wird . Doch es ist hohe Zeit , dir durch eine offenherzige Erzählung aus dem Wunder zu helfen , worin ich deine Einbildungskraft schon zu lange schweben lasse . Du erinnerst dich ohne Zweifel der Venus von Skopas , welcher ich in der ersten Blüthe meiner Jugend zum Urbild dienen mußte . Skopas hatte mit meiner Bewilligung das Modell dieser Bildsäule behalten , aber ( wie es zu gehen pflegt ) durch die Zusage , keine Nachbilder davon zu machen , nicht so streng gebunden zu seyn vermeint , daß er sich nicht erlaubt hätte , deren mehrere zu verfertigen und als Ideale seiner eigenen Erfindung zu verhandeln . Zufälligerweise kam eines dieser Bilder nach Aspendus , einer ansehnlichen Stadt in Pamphylien ( die du vielleicht auf deinen Wanderungen gesehen hast ) und gerieth dort in die Hände eines reichen Mannes , der es unter andern von ihm gesammelten Kunstwerken in einer Halle seines Hauses aufstellte . Chariton , der einzige Sohn dieses Mannes , ein Jüngling von siebzehn Jahren , und der letzte Sprößling eines alten um Aspendus wohl verdienten Hauses , hatte das seltsame Unglück , in eine heftige Leidenschaft für die marmorne Göttin zu fallen . Trotz aller Gewalt , womit der junge Mensch diese lächerliche Liebe zu bekämpfen strebte , nahm sie von Tag zu Tag zu ; und er verfiel nach und nach in eine Schwermuth , welche durch die Unmöglichkeit , seine Sehnsucht nach Gegenliebe jemals befriedigt zu sehen , zuletzt in gänzlichem Wahnsinn und unheilbarer Tollheit endigte . Der hartnäckige aber sehr natürliche Eigensinn des verschämten Jünglings , die Ursache seiner Krankheit schlechterdings niemand entdecken zu wollen , hatte ohne Zweifel nicht wenig beigetragen , daß es so weit mit ihm kam . Man ward nur desto aufmerksamer auf ihn , sein trauriges Geheimniß wurde ihm abgelauscht , und die gefährliche Bildsäule auf die Seite gebracht , in Hoffnung daß eine so widersinnige Leidenschaft , wenn sie durch das Anschauen und Betasten ihres Gegenstandes nicht länger genährt würde , nach und nach von selbst erlöschen müßte . Aber gerade dieses Mittel vollendete das Unglück , und die Raserei des armen Chariton stieg endlich auf den höchsten Grad . Jahrelang war die Kunst aller Arzneymänner in Pamfylien , Lycien und Karien an ihm zu Schanden geworden , als endlich ein zufällig nach Aspendus verirrter Arzt von Kos111 sich bewegen ließ , den letzten Versuch an ihm zu machen , und auf den Einfall gerieth , ob nicht vielleicht ein lebendes Urbild der fatalen Bildsäule vorhanden seyn möchte , zu welchem der unglückliche Jüngling durch die Gewalt einer geheimen Sympathie unwiderstehlich hingezogen würde . Denn man fand es unbegreiflich , daß ein bloßes Phantasiewerk des Künstlers eine so heftige Leidenschaft hätte bewirken können . Wiewohl nun die vermuthete Sympathie im Grunde nicht begreiflicher war , so ruhte doch der alte Charidemus ( so nennt sich der Vater des Unglücklichen ) nicht , bis er den Aufenthalt des Skopas entdeckt und ihm die Eröffnung abgedrungen hatte , daß die Venus , die so viel Unheil in dem Gehirne seines Sohnes anrichtete , ein getreues Nachbild der schönen Lais zu Korinth sey , deren Ruf von Sardes aus durch ganz Asien erschollen war . Sogleich ist des Vaters Entschluß gefaßt ; er miethet ein Schiff , läßt den Kranken und den Arzt an Bord bringen , und segelt mit dem ersten günstigen Winde der Pelopsinsel zu . Man hatte ihm schon in Rhodus , wo er unterwegs anlandete , nicht verhalten , daß er zu Korinth größere Schwierigkeiten finden würde als er sich einzubilden schien . Man schilderte ihm in der Schönen , auf deren Hülfe er so sichre Rechnung machte , eine eben so stolze als reiche Hetäre , deren Thür von der edelsten Jugend der ganzen Hellas vergeblich belagert werde ; es wäre , sagte man , eben so leicht , den Wind in einem Fischernetze zu fangen , als ihr die kleinste Gunsterweisung mit allem Golde des Paktols abzukaufen . Aber der Aspendier , dem es seinen einzigen Sohn galt , ließ sich nicht abschrecken ; kurz , er langte zu Ende des verwichnen Anthesterions112 glücklich im Kenchräischen Hafen an . Stelle dir vor , Aristipp , wie ich überrascht wurde , als auf einmal ein unbekannter Fremder von ziemlich ehrwürdigem Ansehen vor mir erschien , mir unter vielen Entschuldigungen entdeckte wer er sey , und um Erlaubniß bat