wie gern hätte mancher Mund aus dem Hintergrund Befehle und Anweisungen herübergerufen . Die Väter verharrten gleichsam als der Train und die Fouragemeister , die eine Armee ja nicht entbehren kann , in den Nebenstuben und in den Thüren des Tanzsaals . Und nun schmetterten die Fanfaren zum Angriff , und die Schwarzen stürzten sich auf die Hellen , alles wirbelte durcheinander und die Schlacht konnte beginnen . Hei — das gab heiße Arbeit ! Wie die Schweißtropfen über die männlichen Gesichter rannen und vergebens mit weißen Tüchern getrocknet wurden ! Wie die Tarlatanfetzen von den dünnen Kleidern flogen , wie die frisierten Haare sich lösten und die Schultern warm und die Augen lebendig wurden ! Und wie die Mütter in ihren Unterhaltungen ganz verstummten und mit vorgestreckten Hälsen , mit Lorgnetten und Kneifern — eine sehr Kurzsichtige gebrauchte sogar ein Opernglas — in dem Gewoge die einzelnen Paare verfolgten . Und wie die Väter sich gemütlich zu Bier und Skat niederließen und zu langen politischen Auseinandersetzungen , die doch nichts Aufregendes hatten , weil man im Grunde als preußischer Beamter nur eine Meinung haben konnte und allerseits treu zu Kaiser und Reich stand . Ja , nun war die Ballfreude auf ihrem Höhepunkt angekommen ! Agathe erstaunte über die Einfachheit von Eugenies Anzug , den , trotz aller Bitten , keine Freundin vorher hatte sehen dürfen . Um dieses Kleidchens willen zweimal nach Berlin zu reisen und soviel Geld dafür auszugeben ! Kein Besatz — keine Rüschen — keine Blumen . Es saß ja wunderbar , das war nicht zu leugnen . Während die Schleppe bei den meisten jungen Damen ein prächtiges Gebäude bildete , das einer Wendung seiner Eigentümerin immer einen steiftüllnen Widerstand entgegensetzte und erst durch ein seitliches Fußschlenkern zur Raison gebracht werden mußte , schmiegte sie sich bei Eugenie der leisesten Wellenbiegung ihres Körpers an . Die Taille vollends erschien nur wie eine die stolze Büste eng umspannende blaßrosa Haut . Es war in diesem Winter die Mode , kleine ovale Kränze zu tragen . Eugenie hatte auch diesen Schmuck verschmäht . Ihr Haar war nicht einmal sehr kunstvoll geordnet , der feine blonde Kopf mit den scharfblickenden grauen Augen und den am Tage etwas hartroten Farben war in einen Puderschleier gehüllt , der ihm ein verwischtes , faniertes Aussehen gab . Aber von den köstlich geformten Schultern und Armen schien förmlich ein Glanz , ein sanftes weißes Licht auszustrahlen . Um den Hals war statt einer goldenen Kette ein Streifchen farblosen Illusionstülls gewickelt und neben dem Ohr zu einer kindischen Schleife geknüpft . Eine Laune . . . Agathe wußte , daß ihre Freundin an der Stelle unter dem Ohr eine häßliche Narbe besaß . “ Die versteht ' s . . . . Na , Kinder — alle Achtung ! Die versteht ' s ! ” sagte Onkel Gustav mit ehrfurchtsvollem Ausdruck . Er galt in der Stadt für den feinsten Kenner weiblicher Schönheit . Seine geschiedene Gemahlin sollte eine bezaubernde Frau — ein wahrer Dämon an Reiz gewesen sein , erzählte man sich . Als Agathe die Fülle eleganter Erscheinungen sah , verlor sie plötzlich jede Hoffnung auf Erfolg . Sie wurde unsicher , wußte nicht , wie sie stehen , wie sie die Hände halten , wohin sie blicken sollte . Ihre Mutter kam zu ihr heran und nahm ihr den schwanbesetzten Kragen ab , den sie in ihrer Verwirrung umbehalten hatte . Die Regierungsrätin flüsterte ihr zu , nicht so ein ernsthaftes Gesicht zu machen , sonst würde kein Herr sie zum Tanz auffordern . Gott ! Das wäre entsetzlich ! Agathe begann eine Angst zu fühlen , wie sie bisher in ihrem jungen Leben noch nicht gekannt hatte . Getrieben von dieser Angst , deren sie sich doch schämte , drückte sie sich hinter ihre Freundinnen und flüchtete in eine Ecke des Saales . Es wäre ja eine solche Schande gewesen , auf ihrem ersten Balle sitzen zu bleiben ! Sie bereute , Martins Anerbieten , den Eröffnungs-Walzer mit ihr zu tanzen , nicht angenommen zu haben . Heute Morgen kam ihr das wie ein armseliger Notbehelf vor — jetzt wäre sie glücklich über den Notbehelf gewesen . Sie sah Eugenie in der vordersten Reihe umringt von fünf bis sechs Herren , die ihre Tanzkarte von Hand zu Hand gehen ließen und eifrig darüber beratschlagten . Und zu ihr war immer noch niemand gekommen . . . Neben ihr stand ein häßliches ältliches Geschöpf , mit sanften ergebenen Augen , das tröstend zu ihr sagte : “ Es sind immer so viel mehr Damen als Herren da . ” Große Gruppen von jungen Männern sprachen unbefangen mit einander , es fiel ihnen gar nicht ein , daß man von ihnen erwartete , sie sollten tanzen . Ein kahlköpfiger Assessor , der für sehr gescheut und liebenswürdig galt , streifte langsam an den Damenreihen vorüber . Er sah durch seinen Klemmer jede Einzelne an , vom Stirnlöckchen bis herunter auf die weißen Atlasschuhe prüften seine Blicke . Er kam auch zu den Schüchternen im Hintergrunde . Agathe , deren Vater er kannte , wurde von ihm gegrüßt . Er blieb eine Sekunde vor ihr stehen . Sie hielt die Tanzkarte in den zitternden Fingern und machte eine unwillkürliche Bewegung , sie ihm zu reichen . “ Wollen gnädiges Fräulein nicht tanzen , daß Sie sich so zurückgezogen haben ? ” fragte er und schlenderte weiter . Agathe biß die Zähne in die Lippe . Etwas Abscheuliches quoll in ihr auf : ein Haß — eine Bitterkeit — ein Schmerz . . . . Sie hätte mögen zu ihrer Mutter stürzen und schreien : Warum hast Du mich hierhergebracht ? Warum hast Du mir das angethan — das — das . . . . dieser Schimpf , der nie wieder von ihr abgewaschen werden konnte . Der Tanz begann . Ein blondes Bürschchen steuerte durch die sich drehenden Paare auf die Ecke zu , wo Agathe mit dem ältlichen Geschöpf stehen geblieben