, die dem Publicum sofort klar machten , daß es sich hier nicht um eine Wiederholung seines Lieblingsstückes handelte . Alles horchte auf mit Befremdung und Spannung , und jetzt fiel Beatrice ein . Das war nun freilich etwas Anderes , als die eben gehörte Bravour-Arie . Die Melodien , die jetzt emporquollen , hatten nichts gemein mit jenen Läufen und Trillern , aber sie brachen sich Bahn zu den Herzen der Zuhörer . In diesen Tönen , die bald aufwogten wie in stürmischem Jubel , bald zusammensanken wie in düsterer Klage , schien das ganze Glück und Weh eines Menschenlebens zu athmen , schien ein lang gefesseltes Sehnen sich endlich emporzuringen . Es war eine Sprache von ergreifender Gewalt und Schönheit , und wenn sie auch nicht überall ganz verstanden wurde , man fühlte doch , daß in ihr etwas Mächtiges , Ewiges klang ; selbst die gleichgültigste , oberflächlichste Menge bleibt nicht empfindungslos , wenn der Genius zu ihr spricht . Und hier hatte dieser Genius einen Ebenbürtigen gefunden , der ihm zu folgen und ihn zu ergänzen wußte . Es war nicht die Rede mehr von einem Wagnisse der Beiden ; denn Eines kam der Auffassung des Anderen entgegen . Das sorgfältigste Studium hätte kein so vollendetes Ineinandergreifen geben können , wie es hier der Moment und die Begeisterung schufen . Reinhold sah sich in jedem Tone verstanden , in jeder Wendung begriffen , und nie hatte Beatrice so hinreißend gesungen , nie war die Seele ihres Gesanges so hervorgetreten . Mit glühender Hingebung erfaßte sie ihre Aufgabe . Die Begabung der Sängerin und die [ 413 ] dramatische Gewalt der Künstlerin flossen in Eines zusammen . Es war eine Leistung , die selbst das Unbedeutendste geadelt hätte – hier wurde es zu einem zweifachen Triumphe . Das Lied war zu Ende . Einige Secunden lang dauerte die athemlose Stille noch fort , mit der man zugehört ; keine Hand regte sich , kein Beifallszeichen wurde laut ; dann aber brach ein Sturm aus , wie ihn selbst die gefeierte Primadonna nur selten vernommen hatte , und wie er bei einem Concertpublicum jedenfalls unerhört war . Beatrice schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben ; im nächsten schon war sie zu Reinhold getreten , hatte seine Hand ergriffen und ihn mit sich auf das Podium gezogen , ihn dem Publicum vorstellend . Diese eine Bewegung sagte genug ; man begriff sofort , daß man den Componisten vor sich habe . Auf ’ s Neue umtobte der Sturm des Beifalls die Beiden , und der junge Künstler empfing , noch halb betäubt von dem unerwarteten Erfolge , an der Hand Beatricens , den ersten Gruß und die erste Huldigung der Menge . – Reinhold kam erst wieder zur klaren Besinnung in dem Versammlungszimmer , wohin er Signora Biancona geleitet hatte . Noch blieben ihm einige Minuten des Alleinseins ; draußen im Saale spielte das Orchester die Schlußpièce unter vollster Unaufmerksamkeit des Publicums , das sich noch völlig unter dem Eindrucke des eben Gehörte befand . Beatrice zog den Arm zurück , der auf dem ihres Begleiters lag . „ Wir haben gesiegt , “ sagte sie leise . „ Waren Sie zufrieden mit meinem Gesange ? “ Mit einer leidenschaftlichen Bewegung ergriff Reinhold ihre beiden Hände . „ Ach , nicht diese Frage , Signora ! Lassen Sie mich Ihnen danken , nicht für den Triumph , der ja Ihnen mehr als mir galt , aber dafür , daß ich mein Lied von Ihren Lippen hören durfte . Ich schuf es in der Erinnerung an Sie , für Sie allein , Beatrice . Sie haben verstanden , was es Ihnen sagt , sonst hätten Sie es nicht so singen können . “ Signora Biancona mochte es nur zu gut verstanden haben , aber in dem Blicke , mit dem sie zu ihm niedersah , lag doch mehr noch , als blos der Triumph einer schönen Frau , die auf ’ s Neue die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht erprobt hat . „ Sagen Sie das der Frau oder der Künstlerin ? “ fragte sie halb scherzend . „ Die Bahn ist jetzt geöffnet , Signor ! Werden Sie sie betreten ? “ „ Ich werde , “ erklärte Reinhold sich entschlossen aufrichtend , „ was sich mir auch entgegenstellt ! Und wie sich meine Zukunft einst gestalten mag , für mich hat sie die Weihe empfangen , seit die Muse des Gesanges selbst mir die Pforten öffnete . “ Die letzten Worte hatten wieder jenen Ton schwärmerischer Huldigung , den Beatrice schon einmal von ihm vernommen ; sie neigte sich näher zu ihm , und ihre Stimme klang weich , fast bittend , als sie erwiderte : „ Nun , so fliehen Sie auch diese Muse nicht mehr so hartnäckig wie bisher . Dem Künstler wird es doch wohl erlaubt sein , der Künstlerin von Zeit zu Zeit zu nahen . Wenn ich Ihr nächstes Werk einstudire , Signor , werde ich mir da wieder allein das Verständniß suchen müssen oder werben Sie mir diesmal zur Seite stehen ? “ Reinhold gab keine Antwort , aber der Kuß , den er brennend heiß auf ihre Hand drückte , sprach kein Nein aus . Diesmal rief er ihr kein Lebewohl zu , diesmal riß ihn keine Erinnerung weg aus der gefährlichen Nähe . Was damals noch leise warnend in der Ferne aufgetaucht war , das hatte jetzt auch nicht mehr mit einem einzigen Gedanken Raum in der Seele des jungen Mannes . Wie hätte das matte farblose Bild seiner Gattin auch bestehen können neben einer Beatrice Biancona , die in dem ganzen dämonischen Reiz ihres Wesens vor ihm stand , neben dieser „ Muse des Gesanges “ , deren Hand ihn soeben zu seinem ersten Triumphe geleitet ! Er sah und hörte nur sie allein . Was jahrelang verborgen in seinem Innern gelegen , was seit jener ersten Begegnung mit ihr sich emporgekämpft und emporgerungen hatte , das entschied dieser