Umgegend . Es knüpfte sich irgend eine alte Sage daran , die dem Quell eine heilbringende Kraft lieh , und trotz Neuzeit und Aufklärung und obgleich das alte Bergschloß längst ein modernes Regierungsgebäude geworden war , behauptete sich jene Kraft in dem Aberglauben des Volkes . Man schöpfte an gewissen Tagen des Jahres das Wasser ; man gebrauchte es als Mittel gegen Krankheit , als Arznei für allerlei Leiden , zum großen Mißvergnügen des Gouverneurs , der schon mehrere Male diesem Unfuge energisch entgegengetreten war . Er hatte sogar den Schloßgarten schließen lassen , der früher Jedermann zugänglich war , und verboten , irgend einem Fremden den Zutritt zu gestatten , aber dieses Verbot hatte die entgegengesetzte Wirkung . Das Volk hielt eigensinnig fest an seinem Aberglauben und klammerte sich nur um so zäher an den Gegenstand desselben . Die Schloßdienerschaft wurde bald mit Bitten , bald mit Geschenken bestochen , um heimlich zu dulden , was sie nicht offen durfte geschehen lassen , und das Wasser des Schloßbrunnens galt nach wie vor als so heilkräftig , wie nur irgend ein Weihwasser , wiewohl es doch offenbar unter dem Schutze der heidnischen Nixengottheiten stand . Gabriele hatte gleichfalls von diesen Dingen gehört , durch den Freiherrn selbst , der sich oft mit heftigen Unwillen darüber äußerte , und vielleicht war es die von der Mutter so gefürchtete fortwährende Opposition gegen den Vormund , welche die junge Dame bestimmte , gerade hier ihren Lieblingsplatz zu wählen . Auch heute hatte sie ihn aufgesucht , aber weder der Nixenbrunnen selbst , noch die weite Aussicht , welche sich drüben an der freien Seite des Gartens aufthat , vermochte sie zu fesseln . Gabriele war übler Laune , und sie hatte allen Grund dazu . Nach der schrankenlosen Freiheit , die sie in Z. genossen , konnte sie sich durchaus nicht mit den strengen Formen des Raven ’ schen Hauses befreunden , um so weniger , als diese Formen die gehofften öfteren Begegnungen mit Georg Winterfeld unmöglich machten . Das junge Paar war in R. fast vollständig getrennt und mußte sich , ein zufälliges Zusammentreffen vor Zeugen abgerechnet , mit einem flüchtigen Sehen aus der Ferne oder einem Gruße begnügen , den Georg verstohlen zu den Fenstern hinaufsandte . Er hatte freilich eine Annäherung versucht und den Damen einen kurzen Besuch gemacht , zu dem die frühere Bekanntschaft ihn berechtigte . Die Baronin hätte auch nichts dagegen gehabt , den liebenswürdigen jungen Mann auch hier öfter zu empfangen , aber Raven gab seiner Schwägerin einen sehr deutlichen Wink , daß er keinen näheren Verkehr zwischen den Damen seines Hauses und einem seiner jungen Beamten wünsche , der noch gar keinen Anspruch auf eine solche Auszeichnung habe . In Folge dessen wurde der Besuch zwar angenommen , aber es erfolgte keine Einladung , ihn zu wiederholen , und damit war der Versuch gescheitert . Es war freilich mehr Ungeduld als Schmerz , womit Gabriele den Zwang ertrug , der sie hier von allen Seiten umgab . Seit der Freiherr sie so vollständig zu der Kinderrolle verurtheilte , vermißte sie sehr die zarte und doch leidenschaftliche Huldigung Georg ’ s , die sie früher als selbstverständlich hingenommen hatte . Er fand ihre Bildung nicht „ lückenhaft und vernachlässigt “ ; er examinirte sie nicht und muthete ihr keine Unterrichtsstunden zu , wie der Vormund , der so gar nicht wußte , wie man junge Damen ihres Alters eigentlich zu behandeln habe . Für Georg war sie die Geliebte , das angebetete Ideal ; ihn beglückte schon ein Gruß , den sie ihm aus der Ferne zuwarf – trotzdem war sie auch auf ihn böse . Warum versuchte er nicht energischer , die Schranken zu durchbrechen , die sie von einander trennten ? warum hielt er sich in so ehrerbietiger Entfernung ? warum schrieb er ihr nicht wenigstens ? Das junge Mädchen war noch viel zu kindlich und unerfahren , um die zarte Rücksicht zu würdigen , mit der Georg Alles vermied , was nur den geringsten Schatten auf sie werfen konnte , mit der er Trennung und Entfernung ertrug , ehe er irgend etwas unternahm , was ihren Ruf gefährdete . „ Nun , Gabriele , suchst Du die Geheimnisse des Nixenbrunnens zu ergründen ? “ sagte plötzlich eine Stimme . Sie wandte sich rasch um . Freiherr von Raven stand vor ihr . Er mußte soeben erst aus dem Gebüsche hervorgetreten sein ; es geschah überhaupt nur höchst selten , daß er den Garten betrat . Ihm fehlte sowohl die Zeit , wie die Lust zu einsamen Spaziergängen . Auch heute mußte ihn irgend etwas Besonderes herführen , denn er schritt sofort auf die Fontaine zu und begann sie aufmerksam von allen Seiten zu besichtigen . „ Nun , Onkel Arno , mit den Geheimnissen mußt Du ja besser vertraut sein , als ich , “ gab Gabriele lachend zur Antwort . „ Ich bin noch fremd hier , und Du wohnst schon lange im Schlosse . “ „ Glaubst Du , daß ich Zeit habe , mich um Kindermärchen zu kümmern ? “ Der verächtliche Ton der Worte reizte die junge Dame unwillkürlich . „ Du hast wohl niemals die Kindermärchen geliebt ? “ fragte sie . „ Auch als Knabe nicht ? “ „ Auch als Knabe nicht ! Ich hatte schon damals Besseres zu denken . “ Gabriele sah zu ihm auf ; dieses stolze , strenge Antlitz mit dem Ausdrucke finsteren Ernstes sah freilich nicht aus , als hätte es je die Märchenpoesie der Kindheit gekannt oder geliebt . „ Trotzdem gilt mein Besuch heut dem Nixenbrunnen , “ fuhr er fort . „ Ich habe Befehl gegeben , ihn abzubrechen und den Quell zu verstopfen , will mich aber zuvor überzeugen , ob die Anlagen nicht etwa darunter leiden , und ob deswegen Vorkehrungen getroffen werden müssen . “ Gabriele fuhr erschrocken und empört auf . „ Der Brunnen soll vernichtet werden ? Weshalb denn ? “ „ Weil