Domine , misericordiam tuam « ; und die Gemeinde respondirte andächtig : » Et salutare tuum da nobis ! « – » Ja , Gott Vater « , sprach ich leise nach , » dein Heil schenke uns ; und auch ihr , für die ich hier im Staube zu dir flehe ! « Und da itzt der Gesang anhub : » Benedicamus Domino « , wobei die rauhen Kehlen der Männer mit darein sangen , da schwamm gleich einem silbern Lichtlein ein Ton dazwischen , der leuchtete hinab in mein bekümmert Herz ; denn ich wußte , welche Stimme ich gehöret hatte . Also in fast freudigem Muthe erstieg ich die Stufen zu der Kanzel , und da ich die Augen aufhub , sahe ich gegenüber in dem Emporstuhl ein blasses Angesicht , das ich des Gitters ohnerachtet wohl erkennen mochte . Da hub ich meine Predigt an : » Und siehe , ein kananäisch Weib schrie ihm nach : › Ach , Herr , du Sohn Davids , erbarme dich meiner ; meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget ! ‹ , und er entgegnete ihr kein Wort . Da aber die Jünger sprachen : › Laß sie von dir , Herr ; denn sie schreiet uns nach ‹ , antwortete er und sprach : › Ich bin nicht gesandt , denn nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel ! ‹ « Und mein Herz schwoll mir , und das Wort kam auf meine Lippen ; was ich daheim für meine Predigt angemerket , war nur ein Staub , darüber meine Seele sich erhob , und meine Rede ging hervor einem Strome gleich aus heiligen Quellen . In der vollen Kirchen war kaum eines Odems Leben ; Männer und Greise sahen zu mir auf , und die Weiber in ihren Gestühlten saßen mit betendem Angesicht . Neben mir in dem Stundenglase verrann der Sand ; aber ich merkte es nicht und wußte nicht , wie ich an das Ende meiner Rede kam : » Herr , Herr ! Locke sie mit deiner lieblichen Stimme : denn ein Tisch steht bereitet , wo sie dich empfahen mögen und dein Heil und deine Gnade . Amen . « Und da ich nach dem Vaterunser einen Blick gegenüber nach dem Gitter warf , sahe ich in dem blassen Angesicht die großen dunkeln Augen starr auf mich gerichtet . » Mit deiner Stimme , Herr , o locke sie ! « So betete ich nochmals und schritt dann hinab in die Sacristey , um mit dem feierlichen Meßgewand mich zu bekleiden , so derzeit noch gebräuchlich war . Da ich dann vor den Altar trat , brannten auf selbigem schon die Kerzen in den großen Leuchtern , und aus den Gestühlten drängten sie sich heran , Mann und Weib , Alt und Jung ; doch indeß ich den Leib des Herrn austheilete und den Kelch an aller Lippen reichte , rief es unaufhörlich in meinem Herzen : › Herr , bringe auch sie , auch sie zu deinem Tische ! ‹ Aber über dem Gesang der Gemeinde schwebte noch immerfort der silberne Ton ihrer Stimme . Da plötzlich , als schon die Letzten sich dem Altar naheten , verstummte er , und ich vernahm einen leichten Schritt die Stufen des Emporstuhles herabkommen . – Aber noch waren andre , so auch des Heils begehrten ; ein Greis und eine Greisin , von ihren Enkeln unterstützet , kamen herangewankt und schauten mit blöden Augen zu mir auf ; und da ich ihnen den Kelch bot , vermochten ihre zitternden Lippen den Rand desselben kaum zu fassen . Sie wurden hinweggeführet ; und dann stund sie , Renate , vor mir ; blaß und mit gesenkten Augen , in schwarz Gewand gekleidet , ein schwarzes Käpplein auf den braunen Haaren . Nach fast zwei Jahren sahe ich sie hier zum ersten Male wieder ; ich zögerte , denn mein Herz wallete mir über ; und indem ich dann die Hostie aus der Patene nahm und zwischen ihre Lippen legte , betete ich : » Herr , mache meine Seele heilig ! « Dann erst sprach ich : » Nimm hin ! Dies ist mein Leib , der für euch gegeben wurde ! « Ich wandte mich zum Altare und nahm den Kelch . Da ich aber selbigen an ihre Lippen brachte , sahe ich , wie ihr schönes Antlitz sich verzog und wie sie schauderte ob dem Trunke , der darinnen war . Da sprach ich die Einsetzungsworte : » Das ist mein Blut , das für euch vergossen wurde ! « Und sie neigete ihr Antlitz in den fast geleerten Kelch ; ob ihre Lippen ihn berühret , vermochte ich nicht zu sehen . Da ich aber aus weß Ursach , vermag ich nicht zu sagen – auf die Seite blickte , gewahrete ich die Hostie in dem Schmutz des Fußbodens ; ihre Lippen hatten sie verschmähet , und die Spitze ihres Schuhes trat das Brot , so als den Leib des Herren sie empfangen hatte . Mein Gebein erzitterte , und fast wäre der Kelch aus meiner Hand gestürzet . » Renate ! « rief ich leise ; in Todesangst brach dieser Ruf aus meinem Munde : » Renate ! « Wohl sahe ich , daß ein Zittern über die schöne Gestalt des Mädchens hinlief ; dann aber , ohne aufzusehen , ihr weißes Sacktuch in die Hände pressend , wandte sie sich ab , und bei dem Schlußgesange der Gemeinde sahe ich sie langsam den langen Steig hinabschreiten . – – Wie ich mein Meßgewand abgeleget und in meiner Eltern Haus zurückgekommen , vermöchte ich kaum zu sagen ; wußte nur , als ich daheim an meinem Pulte stand , daß auch wohl ein junger Prediger , der ich war , nicht mit also ungestümen Schritten über den Kirchsteig hätte dahinstürmen sollen . An meines Vaters Krankenbette vermochte ich itzo nicht zu treten ; ich stützte den Kopf in