, capitano ! « hörte ich eine Stimme mir gegenüber ; » Sie lesen ja heute über alle Maßen ; was haben Sie denn da ? « Als ich aufblickte , saß der alte Doktor Snittger vor mir und nickte mir lachend zu . » Ja freilich , Doktor « , sagte ich , » verrücktes Zeug , was der › Korrespondent ‹ uns heute auftischt ! « » Hab ' s noch nicht gelesen « , sagte der Alte ; » sind zuviel Lungenfieber in der Stadt jetzt . « » Auch vererbte ? « frug ich . » Wie meinen Sie ? « » Lesen Sie es selbst « , sagte ich und reichte ihm das Blatt , » hier steht ' s : alles ist vererblich jetzt , Gesundheit und Krankheit , Tugend und Laster ; und wenn einer der Sohn eines alten Diebes ist und stiehlt nun selber , so soll er dafür nur halb so lange ins Loch als andre ehrliche Spitzbuben , die es aber nicht von Vaters wegen sind ! « » Ja so « , sagte der alte Herr , nachdem er einen Blick in die Zeitung geworfen hatte ; » es sollte wohl so sein , aber so ist es bis jetzt noch nicht . « Ich sah ihn an : » Ist das Ihr Ernst , Herr Doktor ? « » Ei freilich , Kapitän ; den mitschuldigen Vorfahren müßte gerechterweise doch wenigstens ein Teil der Schuld zugerechnet werden , wenn auch die Strafe an ihnen nicht mehr vollziehbar oder schon vollzogen ist . Wissen Sie nicht , daß selten ein Trinker entsteht , ohne daß die Väter auch dazu gehörten ? Diese Neigung ist vor allem erblich . « Ich wollte reden , aber er fuhr fort : » Ja , ja , ich weiß wohl , die Erziehung der Jugend , wenn sie mit ausdauernder Sorgfalt die Reizung dieses entsetzlichen Keimes zu verhindern weiß , kann bei dem einzelnen das Unheil vielleicht niederhalten ; aber darin wird nur zu arg gesündigt . Die hübsche Anna in Ihrem Hause , das arme Mädchen , das jetzt mit einem Kinde liegt , sie hatte ja wohl nicht den Fehler ihres unglücklichen Vaters , wie das bei Frauen denn auch seltener ist ; aber doch – was meinen Sie , das ihr fehlte vor nun dreiviertel Jahr , in jener Nacht , da Sie mich aus dem besten Schlaf aufklopften ? – Ich will es Ihnen sagen , Kapitän – das schöne Mädchen war in jener Nacht sinnlos betrunken ! – Wer weiß , ob nicht ihr Unglück ... « Aber ich hörte schon nicht mehr , was der Doktor sprach , denn in mir redete es mit hundert Stimmen durcheinander ; aber eine darunter war die stärkste . › Deine Schuld , deine Schuld ! ‹ rief sie stets dazwischen . Und das war Rick Geyers ' Stimme , die ich gleich erkannte ; und bald sah ich ihn vor mir in seiner schönen Jugendflottheit , die Bänder an seinem blanken Hute flatterten im Winde ; bald aber mit dem gedunsenen Gesicht und den schweren Augen , die mich zornig ansahen . Dann wieder sah ich die Anna , das zehnjährige begehrliche Ding , wie sie voll Abscheu den heißen Trunk von sich sprudelte , zu dem ich so unbesonnen sie genötigt hatte ; dann wieder , wie sie später mein halbes Glas mir vor der Nase wegschluckte . › Deine Schuld , deine Schuld ! ‹ schrie die eine Stimme wieder . Ich sprang von meinem Stuhle auf . » Ja , ja ! « rief ich ; » aber ich will ... « Ich besann mich ; ich hatte das fast laut geschrien . Zum Glück war eben jetzt nur der verständige Doktor allein mit mir im Saale ; seine Hand lag auf meinem Arm . » Was wollen Sie , Kapitän ? « frug er ruhig . Ich setzte mich wieder . » Helfen will ich « , sagte ich , » soweit eines ehrlichen Menschen Kraft nur reichen kann ! « » Das tun Sie ! Ich habe ja den Vater auch gekannt – daß nur nicht zwei solcher Menschenkinder hier zugrunde gehen ! Und wenn Sie meiner dazu bedürfen , wir sind ja Nachbarn ! « Ich drückte ihm kräftig seine gute Hand : » Good bye , Doktor , ich werd es nicht vergessen . « Dann stand ich auf und ging . Den Kopf voll guter Werke , trabte ich über die Straße ; ich begann in Gedanken schon an meinem Testament zu arbeiten . Als ich zu Anna in die Stube trat , lag sie mit weitgestreckten Armen und sah starr auf die ineinandergeschlungenen Hände und das leise Bewegen ihrer Finger , als sei der Lebensknoten dort zu lösen ; wie es Menschen machen , die ihren Kurs nicht mehr zu steuern wissen . Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante . » Anna « , sagte ich , » du siehst so traurig aus ; was machst du denn da ? « Sie blickte langsam zu mir auf . » Jetzt ? « frug sie , und als ich nickte : » Jetzt denke ich nur . « » Woran denn denkst du ? « » An meinen Vater , Ohm . « » Nicht an dein Kind ? « » Mein Vater – das ist sanfter . – Ohm , bitte « , sagte sie dann , löste die Hände auseinander und wies nach der Schatulle am Fenster , in deren Klappe ein Schlüssel steckte ; » ich habe ja noch die Briefe , ich darf sie auch wohl noch behalten ; die oberste Schublade ! Wenn du so gut sein willst , so gib sie mir ! « Ich reichte ihr die Briefe ; und sie packte sie unter ihr Kissen und legte sich dann zur Seite und mit der Wange darauf . » Ohm « , sagte