streckte die Arme aus , als griffe er nach ihnen , denn sie wollten ihn vom Amte drängen , zu dem von allen nur er berufen war . Und die Gedanken ließen ihn nicht ; sie waren immer wieder da , und so wuchsen in seinem jungen Herzen neben der Ehrenhaftigkeit und Liebe auch die Ehrsucht und der Haß . Aber diese beiden verschloß er tief in seinem Innern ; selbst Elke ahnte nichts davon . – Als das neue Jahr gekommen war , gab es eine Hochzeit ; die Braut war eine Verwandte von Haiens , und Hauke und Elke waren beide dort geladene Gäste ; ja , bei dem Hochzeitessen traf es sich durch das Ausbleiben eines näheren Verwandten , daß sie ihre Plätze nebeneinander fanden . Nur ein Lächeln , das über beider Antlitz glitt , verriet ihre Freude darüber . Aber Elke saß heute teilnahmlos in dem Geräusche des Plauderns und Gläserklirrens . » Fehlt dir etwas ? « frug Hauke . – » Oh , eigentlich nichts ; es sind mir nur zu viele Menschen hier . « » Aber du siehst so traurig aus ! « Sie schüttelte den Kopf ; dann sprachen sie wieder nicht . Da stieg es über ihr Schweigen wie Eifersucht in ihm auf , und heimlich unter dem überhängenden Tischtuch ergriff er ihre Hand ; aber sie zuckte nicht , sie schloß sich wie vertrauensvoll um seine . Hatte ein Gefühl der Verlassenheit sie befallen , da ihre Augen täglich auf der hinfälligen Gestalt des Vaters haften mußten ? – Hauke dachte nicht daran , sich so zu fragen ; aber ihm stand der Atem still , als er jetzt seinen Goldring aus der Tasche zog . » Läßt du ihn sitzen ? « frug er zitternd , während er den Ring auf den Goldfinger der schmalen Hand schob . Gegenüber am Tische saß die Frau Pastorin ; sie legte plötzlich ihre Gabel hin und wandte sich zu ihrem Nachbar . » Mein Gott , das Mädchen ! « rief sie ; » sie wird ja totenblaß ! « Aber das Blut kehrte schon zurück in Elkes Antlitz . » Kannst du warten , Hauke ? « frug sie leise . Der kluge Friese besann sich doch noch ein paar Augenblicke . » Auf was ? « sagte er dann . – » Du weißt das wohl ; ich brauch dir ' s nicht zu sagen . « » Du hast recht « , sagte er ; » ja , Elke , ich kann warten wenn ' s nur ein menschlich Absehen hat ! « » O Gott , ich fürcht , ein nahes ! Sprich nicht so , Hauke , du sprichst von meines Vaters Tod ! « Sie legte die andere Hand auf ihre Brust . » Bis dahin « , sagte sie , » trag ich den Goldring hier ; du sollst nicht fürchten , daß du bei meiner Lebzeit ihn zurückbekommst ! « Da lächelten sie beide , und ihre Hände preßten sich ineinander , daß bei anderer Gelegenheit das Mädchen wohl laut aufgeschrien hätte . Die Frau Pastorin hatte indessen unablässig nach Elkes Augen hingesehen , die jetzt unter dem Spitzenstrich des goldbrokatenen Käppchens wie in dunklem Feuer brannten . Bei dem zunehmenden Getöse am Tische aber hatte sie nichts verstanden ; auch an ihren Nachbar wandte sie sich nicht wieder , denn keimende Ehen – und um eine solche schien es ihr sich denn doch hier zu handeln – , schon um des daneben keimenden Traupfennigs für ihren Mann , den Pastor , pflegte sie nicht zu stören . Elkes Vorahnung war in Erfüllung gegangen ; eines Morgens nach Ostern hatte man den Deichgrafen Tede Volkerts tot in seinem Bett gefunden ; man sah ' s an seinem Antlitz , ein ruhiges Ende war darauf geschrieben . Er hatte auch mehrfach in den letzten Monden Lebensüberdruß geäußert ; sein Leibgericht , der Ofenbraten , selbst seine Enten hatten ihm nicht mehr schmecken wollen . Und nun gab es eine große Leiche im Dorf . Droben auf der Geest auf dem Begräbnisplatz um die Kirche war zu Westen eine mit Schmiedegitter umhegte Grabstätte ; ein breiter blauer Grabstein stand jetzt aufgehoben gegen eine Traueresche , auf welchem das Bild des Todes mit stark gezahnten Kiefern ausgehauen war ; darunter in großen Buchstaben : Dat is de Dod , de allens fritt , Nimmt Kunst un Wetenschop di mit ; De kloke Mann is nu vergahn – Gott gäw ' em selig Uperstahn ! Es war die Begräbnisstätte des früheren Deichgrafen Volkert Tedsen ; nun war eine frische Grube gegraben , wohinein dessen Sohn , der jetzt verstorbene Deichgraf Tede Volkerts , begraben werden sollte . Und schon kam unten aus der Marsch der Leichenzug heran , eine Menge Wagen aus allen Kirchspielsdörfern ; auf dem vordersten stand der schwere Sarg , die beiden blanken Rappen des deichgräflichen Stalles zogen ihn schon den sandigen Anberg zur Geest hinauf ; Schweife und Mähnen der Pferde wehten in dem scharfen Frühjahrswind . Der Gottesacker um die Kirche war bis an die Wälle mit Menschen angefüllt , selbst auf dem gemauerten Tore huckten Buben mit kleinen Kindern in den Armen ; sie wollten alle das Begraben ansehn . Im Hause drunten in der Marsch hatte Elke in Pesel und Wohngelaß das Leichenmahl gerüstet ; alter Wein wurde bei den Gedecken hingestellt ; an den Platz des Oberdeichgrafen – denn auch er war heut nicht ausgeblieben – und an den des Pastors je eine Flasche Langkork . Als alles besorgt war , ging sie durch den Stall vor die Hoftür ; sie traf niemanden auf ihrem Wege ; die Knechte waren mit zwei Gespannen in der Leichenfuhr . Hier blieb sie stehen und sah , während ihre Trauerkleider im Frühlingswinde flatterten , wie drüben an dem Dorfe jetzt die letzten Wagen zur Kirche hinauffuhren . Nach einer Weile entstand dort ein Gewühl , dem eine Totenstille zu folgen schien