er . » Kein Augenblick ist zu verlieren . Fort müssen wir . Wir sammeln in Eile unsere wenigen Glaubensgenossen , treiben unsere geistliche Herde , Mann , Weib und Kind , über das Gebirge nach Bünden , und decken bewaffnet den Rückzug . « Er öffnete eine Truhe und zog eilig Briefschaften daraus hervor , die einen zerreißend , die andern in den Taschen seines Wamses bergend . Blasius Alexander schüttelte den Kopf , als er von Flucht reden hörte , und lud mißvergnügt seine Muskete , die er mitzubringen nicht versäumt hatte , mit Pulver aus dem großen an seiner Hüfte hängenden Familienhorn . Dann stellte er die Waffe zwischen die Kniee und fuhr fort , langsam aber unausgesetzt , Becher um Becher zu leeren , ohne daß der feurige Wein den kalten ruhigen Blick seines Auges im mindesten belebt , oder sein farbloses Gesicht gerötet hätte . Der junge Zürcher sah diesem Tun bedenklich zu und konnte endlich die Bemerkung nicht unterdrücken , ob der edle Trank , in solcher Überfülle genossen , dem Herrn Blasius nicht zu Kopfe steigen und die im nahenden Augenblicke der Gefahr so nötige Geistesklarheit trüben könnte . Darauf warf ihm der Alte einen etwas verächtlichen Blick zu , antwortete aber gelassen und ungekränkt : » Ich vermag alles in dem Herrn , der mich stark macht . « » Das ist ein christlich Wort ! « rief der Kapuziner , ließ die Gläser klingen und reichte dem greisen Prädikanten über den Tisch die Hand . Unterdessen war der Mond aufgegangen und überrieselte draußen die Krone der Ulme und die schwere Blätterdecke der Feigenbäume mit hellem Lichte ; aber nur eine spärliche Helle drang durch die kleinen Fenster in das breite , tiefe Gemach und schattete ihre massiven Gitterkreuze auf dem steinernen Fußboden ab . Lucia stellte die italienische eiserne Öllampe auf den Tisch und entfachte , die Dochte in die Höhe ziehend , drei helle Flämmchen , die auf ihr über das Gerät gebeugtes liebliches Antlitz einen roten Widerschein warfen . Der unschuldige Mund lächelte , denn die junge Veltlinerin war freudig bereit , mit ihrem Manne , auf dessen starken Schutz sie unbedingt baute , aus der Heimat wegzuziehen . Waser , dessen Blick von der warm beleuchteten Erscheinung gefesselt war , betrachtete mit Rührung diesen Ausdruck kindlichen Vertrauens . Da stürzte plötzlich die Ampel klirrend auf den Boden und verglomm . Ein Schuß war durch das Fenster gefallen . Die Männer sprangen allesamt auf und zugleich sank das junge Weib ohne Laut zusammen . Eine tödliche Kugel hatte die sanfte Lucia in die Brust getroffen . Schaudernd sah Waser das schöne sterbende Haupt , auf welches das Mondlicht fiel und das Jenatsch , auf den Knieen liegend , im Arme hielt . Jürg weinte laut . Während der Pater bemüht war die Lampe wieder anzuzünden , hatte Blasius Alexander seine Büchse ergriffen und schritt ruhig in den mondhellen Garten hinaus . Er mußte den Mörder nicht lange suchen . Da kauerte zwischen den Stämmen der Bäume ein langer Mensch , dessen vorgebeugtes Gesicht dunkle darüberfallende Lockenhaare verbargen , den Rosenkranz in der Hand , stöhnend und betend . Neben ihm lag ein noch rauchendes schwerfälliges Pistol . Ohne weiteres legte Blasius sein Gewehr auf ihn an und streckte ihn mit einem Schusse durch die Schläfen nieder . Dann trat er neben den auf das Angesicht Hingesunkenen , drehte ihn um , betrachtete ihn und murmelte : » Dacht ich mir ' s doch – ihr Bruder , der tolle Agostino ! « – Eine Weile stand er horchend . Nun schlich er über die Gartenmauer spähend wieder dem Hause zu . Durch die Stille der Nacht drang ein ungewisser Lärm an sein Ohr . » Zwei Vögelchen haben gepfiffen « , sagte er vor sich hin , » bald fliegt uns der ganze Schwarm aufs Dach . « Jetzt mit einem Male scholl aus dem Dorfe ein gellendes Geschrei , und jetzt dröhnte es über ihm – die Kirchenglocke schlug an und läutete in hastigen Schwüngen Sturm . Alexanders Blick fiel auf den wieder ins Dunkel hinausleuchtenden Schein der verräterischen Lampe , er schlug die dicken Laden des Erdgeschosses zu und schritt ins Haus zurück , in der Absicht es mit den Freunden wie eine Festung bis auf den letzten Mann zu verteidigen ; denn schon knallten Schüsse von der Gasse her und Schläge fielen gegen die vordere Haustür . Fausch hatte sie eben verriegelt und stürzte die Bodentreppe hinauf , um durch die Dachluken auszuschauen . Der Prädikant aber lud seine Muskete wieder und stellte sich an das schmale vergitterte Küchenfenster , das nach der Gasse ging , wie hinter eine Schießscharte . » Die Schurken ! « rief er dem Zürcher zu , der eben hastig aus seiner Kammer trat , wo er sein Ränzchen geholt und seinen leichten Reisedegen umgeschnallt hatte , » wir wollen unser Leben teuer verkaufen ! « » Um Gottes willen , Herr Blasius « , warnte dieser , » gedenkt denn Ihr , ein Diener am Wort , auf die Leute zu schießen ? « » Wer nicht hören will , muß fühlen « , war des Bündners kaltblütige Antwort . Jetzt aber faßte Pancrazi den tapfern Alten mit beiden Armen um den Leib und riß ihn von dem Mauerloche zurück : » Willst du uns alle verderben mit deiner wahnwitzigen Gegenwehr ? – Macht , daß ihr von hinnen und in die Berge kommt ! « – » Misericordia ! « dröhnte Fauschens Stimme durch die Treppenöffnung herunter . » Sie kommen in hellen Haufen , sie stürmen das Haus des Poretto ! Wir sind verloren ! « » Macht , daß ihr fortkommt ! « schrie der Pater , während immer heftigere Beilhiebe gegen die Türe schmetterten . » Auch gut , Kapuziner « , sagte Blasius , der jetzt mit beiden Armen Reisigbündel und Stroh aus der Küche schleppte und mit geübten Handgriffen im Gange zwischen den beiden