nicht heilen lassen wollte . Sie sollte immer heftiger brennen , damit der Groll des von Natur nicht Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder , den schuldigen und den gleichgültigen , immer tiefer glühe . Er nahm sich darum in acht , dem armen Herzen mitzuteilen , daß der Kardinal auch nicht heil und ungestraft geblieben , sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit , und damit gar sein Mitleid zu erregen . Der Blinde sollte ihm nützlicher werden , als ihm der Sehende je gewesen war . Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes überschritten . Nach den ersten , langen , im Dunkel verstöhnten Tagen und Nächten , sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen hatten , suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen . Er vergrub sich in die kühlsten Blätter , unter die duftigsten Zweige seines Gartens . Zu dieser Zeit fing Ariost an , den Freund zu besuchen , vor dessen unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte . Er wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich neben ihn auf den weichen Rasen . Er war dafür besorgt , daß die Schaffnerin Körbe voll saftiger Früchte und Schalen edeln Weines bringe , und ließ den Blinden genießen und schlürfen . Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an . Er lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück , und meinte , es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab ; Glück könne schmerzen , und Unglück – als Tragödie betrachtet – lasse sich genießen . Ja , er behaupte , auch der Sinnlichste besitze eine geheime stoische Ader , und über den Geschicken zu stehen , gewähre eine göttliche Genugtuung . Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann mit wohllautender Stimme , Strophe nach Strophe , die schlanken Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in Don Giulios Ohr tönen zu lassen , bis sich nach und nach das Dunkel heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne aufging . Im Anfange beachtete er wohl , solche Gesänge zu wählen , deren Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war . Trennungen , Aufopferungen , Erniedrigungen und ähnliches passives Heldentum ! Da rührte es oft den Dichter , wie tief Don Giulio den schmerzvollen Wahnsinn Rolands mitempfand , trotz der schalkhaften und grotesken Darstellung , mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den Schmerz wieder aufhob . Das ins Komische Übertriebene der Leidenschaft , die von Roland , wie ungeheure Ausrufungspunkte , in die Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden nicht . Endlich aber , da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah , die rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme verborgen , stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu Geschauten und Geschaffenen , einen Gesang vorzutragen , der nichts als Farbe , Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über flatterndem Haar die lauten Becken schlug . Da dies zum ersten Male geschah , legte der Este die feine Hand auf die des Dichters und das Manuskript zugleich : » Etwas anderes , Ludwig ! « sagte er , » das ist nichts für einen Blinden ! « Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude , obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand . Auch kam sie ihm nicht ganz unerwartet , denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte beigewohnt , der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte . Coramba , die frühere Hausgeliebte des Este , hatte sich nach der zugreifenden Art solcher Wesen , bei dem Verbinden der durchstochenen Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt und geführt , bis er sich selbst zu helfen wußte . Im Freien aber hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet , schon weil ihn die unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen : » Da kommt der arme Herr mit seiner Kreatur ! « oder : » Sie hütet ihn wie eine Mutter ! « , die sein geschärftes Ohr vernommen hatte , gründlich verdrossen . Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba , den Blinden in Gegenwart des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen . Der Este aber schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach : » Gehe , Coramba , gehe auf immer ! Du bist nichts für einen Blinden ! Gehe , und nimm meinen Dank mit . « Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag , nachdem sie sich , ohne daß er es ihr wehrte , die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte , ein wärmeres Klima aufzusuchen . Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte von ländlichen Familien , fleißige , genügsame Leute , deren bewundernde Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters nicht hatte zerstören können . Jetzt in seinem einsamen Unglück traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich näher . Er fing an , wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen begegnete , ihre Stimmen zu unterscheiden , sich von ihrer Lage zu unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen . Ihr einfaches , echtes Mitleid tat seiner kranken Seele wohl , und er sprach von ihnen zu Ariost wie von Brüdern und Schwestern . Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet , daß der Este sich in einer andern Lebensabteilung , unter einer andern Menschenklasse einzurichten begann , als die war , welcher er bisher angehört hatte , in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden , der Benachteiligten und Enterbten , in einem Lebenskreise , der offenbar unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte , als die Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten . Auch erriet Meister Ludwig , daß der Este diese seine Herabwürdigung und Entwertung nicht immer