gehen – die Frau Secretairin leide es nicht , daß ihr Töchterchen mit hergelaufenen Kindern spiele … Oft , wenn ich aus der Schule nach Hause ging , begegnete ich einem Knaben , der ernst und stolz den Kopf in den Nacken warf und der doch so mild aussehen konnte mit seinen blauen Augen . Seine Locken waren so golden , wie die meiner Mutter , und deshalb mußte ich ihm immer nachsehen , so lange ich konnte . Ich betrachtete ihn mit ehrfurchtsvoller Scheu und meinte , in den schön gebundenen Büchern , die er unter dem Arme trug , müßten Wunderdinge stehen . Er war viel älter als ich und der Sohn vornehmer Eltern ; das kümmerte mich nicht – er sah ja aus wie meine Mutter , und deshalb mußte er gut und edel sein und ein Herz voll Mitleiden haben … Als mich aber einst eine Horde wilder Knaben mit Steinwürfen verfolgte und mich mit höhnendem Geschrei umringte , ging er vorüber . Er führte ein kleines Mädchen mit lichten Augen und farblosen Haaren sorgsam an der Hand ; sie war ihm verwandt und hieß Antonie , sie zeigte geringschätzend auf mich , das berührte mich nicht , aber von ihm dachte ich , er wird dich schützen und die bösen Kinder verjagen … o , wie wehe that es , als er von fern stehen blieb , Abscheu in den Zügen , und das kleine Mädchen an sich drückend , als könne mein Anblick ihr schaden … Wahrlich , er war schlechter noch , als meine Verfolger ; denn es hätte nur eines Wortes aus seinem Munde bedurft , um mich vor der Verwundung zu schützen , deren Narbe ich noch am Arme trage … Es war , als drehe sich in jenem Augenblick mein Herz um , und es ward voll Haß gegen den Knaben ! “ Magdalene war einen Schritt näher getreten . Sie hatte immer lauter und heftiger gesprochen , und ihre Augen , die sie jetzt fest auf den jungen Mann richtete , flammten , als käme erst in diesem Augenblick jenes Gefühl zum Durchbruch . Werner blickte auf . Er sah bleicher aus als vorher , nahm aber gelassen den Bleistift auf und schnitt ihn zurecht , indem er fragte : „ Und – hassen Sie ihn noch ? “ „ O , mehr als je ! “ stieß Magdalene leidenschaftlich heraus . „ Ich mag ihm nie mehr begegnen ! … Einen Gifttropfen , der zerstört , segnet man nicht ! “ Mit diesen Worten wandte sie sich um und eilte durch den Kreuzgang hinaus in die Stube , die sie hinter sich verriegelte . Hier stand sie eine Weile athemlos und mit starren Augen am offenen Fenster und wiederholte sich , was eigentlich geschehen war . Sie hatte sich hinreißen lassen , vor einem Manne , den sie selbst herzlos und hochmüthig nannte , die Wunden ihrer Seele zu enthüllen , sie , die bis dahin zu stolz gewesen war vor fremden Ohren je eine Klage laut werden zu lassen . Sie hatte ein Erlebniß erzählt , das , wenn auch in ihr Kindesleben fallend , doch von großem Einfluß auf ihr innerstes Sein gewesen war und das in jüngster Zeit wieder die heftigsten Kämpfe in ihr hervorgerufen hatte … Nie hatte selbst die Muhme erfahren , wie dem armen Kinde der ganze Sonnenglanz seiner Seele , die kindliche Schwärmerei für ein aus der Ferne abgöttisch verehrtes Wesen grausam entrissen wurde . Nie aber auch hatte Magdalene sich selbst eingestehen mögen , daß das heranwachsende Mädchen später jenen Vorfall in der Erinnerung zu verwischen suchte und gern das Ideal ihrer Kindheit mit dem stolzen , lockenumwallten Gesicht in ihren Träumen heraufbeschwor . Sie sträubte sich ja noch in diesem Augenblick leidenschaftlich gegen das Bewußtsein , daß kein Gedanke sie beseele , der nicht ihm gehöre , keine Regung in ihrer Brust auftauche , die nicht von ihm spreche , ja , daß sie mit jeder Faser ihres Lebens an ihn gekettet sei , der auf der eisigen Stirn ihr nur Hohn und Spott entgegenhielt … Und nun war Vieles über ihre Kippen geschlüpft , das aus dem tiefinnersten Geheimniß hervorging , und zwar vor ihm , der es nie und nimmer hätte wissen sollen … Mußte nicht die Treue , mit der sie jene Episode der Kinderzeit festgehalten , die leidenschaftliche Aufregung , in die sie bei ihrer Erzählung gerieth , ihm nothwendig zeigen , in welchem Maße ihre Seele von ihm erfüllt war ? … Es war ihren Blicken [ 610 ] nicht entgangen , trotz der strengen Beherrschung seiner Züge , daß Werner in der Schilderung des Knaben sich erkannt hatte – einen Moment war dies ruhige , kalte Gesicht bleich geworden , ohne Zweifel im Zorn darüber , daß ein Mädchen den Muth haben konnte , ihm , dem verwöhnten , vornehmen Mann , gegenüber ungescheut zu sagen , sie hasse ihn … Das war ein Triumph für sie gewesen , eine glänzende Sühne für die Qualen , die jene hochmüthigen Augen , jenes spöttische Lächeln ihrem Herzen so oft zugefügt hatten . Ja , sie hatte sich und ihren Mädchenstolz einen Augenblick vergessen ; aber sie hatte auch gesiegt … und doch weinte sie jetzt über diesen Sieg heiße Thränen ; ja , es war ihr , als klaffe unter ihm ein Grab , in das sie das liebste Eigenthum ihrer Seele muthwillig selbst gestoßen habe . Aus dem Gewirr von widersprechenden Gedanken , welches in ihrem Kopf auf und ab wogte , trat nur einer klar ausgeprägt vor ihre Seele , und sie griff nach ihm , als dem einzigen Rettungsanker – sie mußte nun unausbleiblich fort , weit fort . Es half zu nichts , wenn sie in eine andere , nahegelegene Stadt ging – sie durfte keine deutsche Luft mehr athmen , keinen deutschen Himmel mehr über sich sehen , das Meer mußte zwischen ihm und ihr liegen – sie wollte