oder der erste Schnee , der heute gefallen und nur an einzelnen Stellen haften geblieben war , knisterte unter ihren Füßen . Allmählich wich ihre Furcht . Das Mondlicht begleitete sie treulich . Es ergoß sich freundlich über die dürren Äste der Vogelbeerbäume zu beiden Seiten des Weges , zitterte in jedem feuchten Fleckchen , das der zerronnene Schnee zurückgelassen , und beleuchtete weithin die Chaussee , die das dunkle Ackerland wie ein heller Faden durchschnitt . So allein und verlassen dahinschreitend , versank Marie in tiefes Sinnen . Josephs Bild , das sie während der letzten Tage in die tiefsten Tiefen ihres Herzens zurückgedrängt hatte , da stand es vor ihr mit all der Macht , die ihr ganzes Sein beherrschte . Sie ließ es jetzt widerstandslos vor ihrem Auge auferstehen – war doch niemand zugegen , der sie beobachten konnte ... Sie war ihm so nahe gewesen und durfte ihn nicht sehen – sie floh vor ihm , während jede Fiber ihres Herzens nach ihm verlangte ... War sie auch der Aufgabe gewachsen , die sie sich selbst auferlegt ? ... Konnte sie in der Tat das schwere Werk der Entsagung durchführen ? Nach einem mühevollen Kampf , nach harten Schicksalsschlägen entsteht eine dumpfe Schwüle im Gemüt , die uns eine Zeitlang gänzlich unfähig macht , die Größe der Prüfungen , die über uns verhängt sind , zu ermessen . Das ist eine weise Einrichtung der Vorsehung ; ohne diesen wohltätigen Schleier müßte uns der grelle Blitz , der oft in unser tiefstes Leben eingreift , zermalmen . Schrecklich genug bleibt ja ohnehin immer der Moment , wo die verhüllenden Wolken zerreißen , wo unser Blick wieder freier wird und wir erschüttert sehen , was wir fortan ertragen und entbehren sollen . Dieser Augenblick war auch für Marie gekommen , und ihr Herz krümmte und wand sich unter den grausamen Maßregeln des Verstandes , die seine Stimme ersticken sollten . So wanderte sie dahin , ihren aufgeregten Gefühlen preisgegeben , mechanisch die Füße bewegend und die Außenwelt über den Widerstand in ihrem Inneren vergessend . Plötzlich berührten rasche Schritte ihr Ohr . Sie wandte sich um und erblickte ein ziemlich verrufenes Subjekt , einen Tischlergesellen aus A. , der mit seinem verwilderten Bart und seinen frechen Zügen ihr keinen geringen Schrecken einjagte . Er schien es indes eilig zu haben und schritt schnell an ihr vorüber , ohne sie weiter zu beachten . Trotzdem mußte sie einen Augenblick stehen bleiben , um ruhig zu werden und die Furcht niederzukämpfen . Diese Begegnung hatte wenigstens den Vorteil , daß Marie jetzt rascher vorwärtsschritt und weniger ihren trüben Gedanken nachhing . So hatte sie unangefochten bald den größten Teil des Weges zurückgelegt . Mit wahrer Beruhigung grüßte sie die Turmspitze von Ringelshausen , die im Mondlicht silbern glänzend bei einer Biegung der Chaussee sichtbar wurde . Aber kaum war sie noch einige Schritt vorwärtsgegangen , als ihr ein roher Gesang , von Juchheschreien und entsetzlichem Gelächter dann und wann unterbrochen , entgegenscholl . Unschlüssig blieb sie stehen . Das Geschrei kam immer näher , und deutlich konnte sie unterscheiden , daß es Ringelshäuser Burschen waren , die auf der Chaussee ihr Unwesen trieben . Mit Entsetzen erkannte sie auch Bastels dünne , krähende Stimme , der , wie es schien , der Hauptanführer war ... Dieser Rotte durfte sie nicht begegnen – da waren ihr Beleidigungen und Roheiten gewiß – aber wohin ? Zum Glück bog nicht weit von ihr ein Seitenweg von der Chaussee ab , aber – sie dachte mit Grauen daran – er führte an der verrufenen Pfaffenmühle vorbei . Dort war sie freilich vor jeder unwillkommenen Begegnung gesichert , denn diesen Weg betrat kein Ringelshäuser am Tage , geschweige denn in der Nacht ... Ein Schauder überlief sie ... sahen doch die uralten Weidenbäume da drunten schon ganz anders aus als alles hier oben ... Sie mußte den kleinen Fluß entlangschreiten , den düsteres Gebüsch auf beiden Seiten einengte und dessen Rauschen geisterhaft heraufklang . Trotz alledem blieb ihr keine Wahl . Das immer näher kommende Jauchzen schien ihr doch noch entsetzlicher , und so schritt sie mutig hinunter , nicht ohne Kampf mit Hecken und Dornen , die den nie betretenen Weg überwucherten und die alle Augenblicke ihr Kleid festhielten . Von Nachdenken war nun keine Rede mehr ... sie fing an zu laufen – das Grauen jagte sie . Gespensterfurcht kannte sie nicht , die hatte ihr Vater nie in ihr aufkommen lassen ; aber sie war in jener fieberhaften Aufregung , die den aufgeklärtesten Menschen befallen kann . Ihre Nerven zitterten , und sie fühlte jenes eigentümliche Prickeln in der Kopfhaut , das jedes einzelne Haar aufsträuben macht ... Atemlos blieb sie stehen , als die gefürchtete Mühle hinter dem halbverschneiten Buschwerk auftauchte . Einen grauenhaften Eindruck mußte dies verfallene Gemäuer allerdings hervorbringen ; selbst der warme , goldene Sonnenschein vermochte wohl nicht mehr , einen Schein von Leben in diese Wüstenei zu hauchen ; in der bleichen Mondbeleuchtung aber war es geradezu entsetzeneinflößend . Vom Dach waren meist die Schindeln abgelöst , so daß die dunkeln Bodenräume und das Gesparre sichtbar wurden , an welchem alte Fetzen von Kleidungsstücken leise sich bewegten . Die Fensterhöhlen , ohne eine Spur von Glasscheiben , starrten wie geblendete Augen aus den schiefen Wänden , von denen Wind und Regen jegliche Bekleidung weggewischt hatten . Das Mühlrad , längst seiner Dienste enthoben , stand bewegungslos , der Speichen beraubt und vom Gischt des hier sehr stark fallenden Wassers bespritzt , auf dem die Mondstrahlen ihr gaukelndes , gespenstiges Spiel trieben . Dies wüste Gehöft hatte seinen Namen vom letzten Besitzer , der » Pfaff « hieß und ein mürrischer , menschenfeindlicher Mann war . Sein zurückstoßendes Wesen und sein entsetzliches Fluchen – er war in seinen jungen Jahren Kriegsknecht gewesen – verscheuchten nach und nach alle Mahlgäste und Dienstboten aus seinem Hause , so daß zuletzt die Mühle stehen und er mutterseelenallein in dem wüsten Gemäuer