angesichts der zerfallenen Erdenherrlichkeit noch Ehrfurcht für das moderne Geschlecht erzwingen will , denken wir nur daran , daß die armen Seelen unverhüllt und maskenlos in Gottes Hand zurückkehren mußten , in der sie anders wiegen als auf dem kleinen Erdenball , wo die Mitwelt götzendienerisch genug ist , weltlichen Besitz und ein Wappenschild in die Wagschale zu werfen ... Jetzt freilich breitete sich die Schneedecke alles einhüllend über die wenigen Hügelreihen des armseligen Dorfkirchhofs , in ihrer weißen Eintönigkeit nur selten unterbrochen durch ein vom Wind halb umgeblasenes schwarzes , schmuckloses Holzkreuz , den Ruheplatz einsamer Krähen – im Sommer aber , da kamen Waldesschatten und Waldesduft über die Mauer , die bergansteigend hart an die letzten Buchen stieß . Da floß und flutete Leben in dem fetten Grün des Haseldickichts , das in den vier Mauerecken wucherte , in den Adern der flinken Grasmücken und Rotkehlchen , die in dem Gebüsch ungestört nisteten , in den Brombeerranken , deren lange Arme vom Waldboden herüber lustig durch die Breschen der zerbröckelten Lehmwand krochen und eine ganze Last saftstrotzender , schwarzer Beeren auf die einsame , gemiedene Rasendecke legten ; und der Sonnenstrahl lief emsig hin und her und zog ein buntes Blumenhaupt nach dem anderen aus der Saat des Todes – da klang das majestätische Auferstehen überzeugender als in den Mausoleen , wo Verwesung und Moder die Herren sind ... Vielleicht dieser Gedanke , noch mehr aber wohl der glühende Haß gegen ihre Standesgenossen hatten Frau von Zweiflingen dieses einsame Grab wünschen lassen . Noch an demselben Tage , an dem das dunkle Erdreich sich über dem ausgeglühten Herzen der Blinden schloß , hatte Jutta am Arm des Hüttenmeisters das Waldhaus verlassen und war in die Neuenfelder Pfarre übergesiedelt ; dort sollte sie bleiben bis zu dem Augenblick , wo sie als junge Frau in die Hüttenmeisterwohnung einziehen konnte ... So furchtbar auch die Gegenwart auf dem jungen Manne lastete – daheim lag sein Bruder , den er Tag und Nacht allein pflegte , fast hoffnungslos am Nervenfieber , und die Frau , die ihm mütterlich zugetan gewesen war , lebte nicht mehr – bei dem Gang durch den Wald hatte dennoch ein Gefühl unaussprechlichen Glückes alles Leid , alle Sorgen verdrängt . Das blasse Mädchen an seiner Seite , der Abgott aller seiner Gedanken , hatte auf der weiten Gotteswelt nun niemand mehr als ihn , und wenn sie auch schweigend , mit tiefgesenkten Wimpern neben ihm her geschritten war , so still und in sich gekehrt , wie sie ihm nie erschienen , wenn auch die sonst so unruhige , flinke Hand bewegungslos , wie von Marmor , auf seinem Arm gelegen hatte , all dies scheinbar Fremde und Neue in ihrem Wesen hatte ja doch nur den einen Grund , der sie sogar mit einem neuen Nimbus umgab : das Leid um die tote Mutter ... Er wußte ja , daß sie an seinem Herzen den starren , tränenlosen Schmerz endlich ausweinen würde , daß ihre junge Seele allmählich jene Frische und übersprudelnde Lebendigkeit wieder erlangen müsse , die ihn , den ernsten , schweigsamen Mann , so unwiderstehlich bestrickten . Wie wollte er sie hegen und behüten ! ... Er glaubte an sein Glück so unerschütterlich wie an die Tatsache , daß die Sonne über ihm scheine . Hatte ihm Jutta nicht unzähligemal beteuert , daß sie ihn » unendlich liebe « und daß sie sich kindisch darauf freue , als seine kleine Frau im Hüttenhause schalten und walten zu dürfen ? ... Die Pfarrerin hatte der jungen Dame das einzige heiz- und bewohnbare Stübchen im oberen Stockwerk des uralten , sehr baufälligen Pfarrhauses eingeräumt . Einige Möbel und das Klavier waren aus dem Waldhause herübergeschafft worden ; denn bei » Pfarrers « gab es nicht ein einziges überflüssiges Stück Hausgerät – sie waren mittellos , wie nur je der bescheidene Seelsorger eines armen Thüringer Walddorfes , der als unbemittelter Kandidat ein noch ärmeres Mädchen geliebt und es nach Erlangung der ersten heißgewünschten Pfarrstelle frischweg geheiratet hat ... Die kostbaren Möbel aus dem düsteren Turmzimmer mußten sich somit eine abermalige Degradierung gefallen lassen , denn sie standen an weißgetünchten Kalkwänden ; allein diese eintönigen Wandflächen waren von einem zarten Gespinst langer Immergrünranken überzogen , und jeder Strahl der Wintersonne , der draußen durch die Schneewolken lugte , kam durch eines der Eckfenster herein und legte goldglänzende Streifen über den lustig grünenden Wandschmuck und die rissigen Dielen des Fußbodens . Freilich lag die köstliche Waldlandschaft vor den Fenstern jetzt unter Schnee und Eis ; allein die im Sommer den Blick sehr beschränkenden Laubmassen waren auch unter den Winterstürmen gesunken und ließen manches auftauchen , was sonst wie verschollen hinter grünen Wänden steckte . Dorf Neuenfeld und vor allem das Eckstübchen im Pfarrhause hatten deshalb zur Abendzeit ein selten gesehenes Schauspiel . Sobald die Sonne erloschen war , dämmerten drüben in dem ziemlich entfernt liegenden und seit Jahren nicht bewohnten Schloß Arnsberg die Lichter auf , und je dunkler die Nacht hereinbrach , desto höher erglühten die Fensterreihen . In den langen Korridoren brannten mächtige , an der Decke schwebende Kugellampen , die mit ihrem weißen Licht auch die entlegensten Winkel und Ecken durchfluteten – so war selbst zu Prinz Heinrichs Lebzeiten nicht beleuchtet worden . Ebenso durchströmte eine wohldurchwärmte Luft den mächtigen , alten Bau von der Mansarde bis zum weiten , hallenden Vestibül herab , und auf den Treppen und Vorplätzen , wohin der Fuß auch treten mochte , lagen weiche , warme Teppiche . Aus dem Treibhause hatte man die wohlbehütete Orangerie in das Schloß herübergeschafft , und die hohen Orangen- , Myrten- und Oleanderbäume , einst Prinz Heinrichs Stolz und der Gegenstand seiner fast zärtlichen Sorgfalt , standen jetzt wie diensttuende Lakaien an der Mündung der Treppen und in den Vorsälen , um einen leichten Traum von Sommergrün und Sonnenwärme zu erwecken – und das alles um eines Kindes , eines kleinen schwächlichen , verwöhnten Mädchens willen ! Baron Fleury hütete die kleine