Straßentoilette und augenscheinlich im Begriff , das Zimmer zu verlassen . Hoch hinter ihrem federgeschmückten Haupt wölbte der Springbrunnen des Wintergartens seine glitzernde Kuppel . Mit der behandschuhten Rechten hob die schöne Dame das schwere kastanienbraune Sammetkleid , dem das schräg hereinfallende Abendlicht schwachgoldige Reflexe entlockte , ein wenig über den Fuß , die unbedeckte Linke aber legte sich anmutig stützend an die Säule , weiß und zart wie die danebenhängende Clematisblüthe . Beim Eintreten des hochgewachsenen Mädchens öffnete sie zuerst ihre graublauen Augen weit vor Erstaunen , aber auch ebenso rasch kniff sie die Lider zu einem blinzelnd prüfenden Blick zusammen , wobei ein sarkastisches Lächeln um ihre Lippen huschte . „ Nun rathe , Flora , wen ich da bringe ! “ rief der Kommerzienrat . „ Da brauche ich mir nicht lange den Kopf zu zerbrechen – das ist Käthe , die sich allein auf den Weg gemacht hat , “ versetzte sie in ihrer eigenthümlich nachlässigen und doch so überaus bestimmten Art und Weise . „ Wer die alte Sommer gekannt hat , der weiß , daß das stämmige Mädchen da mit dem weiß und roten Apfelgesicht ihre Enkelin sein muß , Augen und Haar aber hat sie frappant wie Clotilde , Deine verstorbene Frau , Moritz . “ Mit einer geschmeidigen Bewegung löste sie sich gleichsam aus dem Blumenrahmen , trat auf die Schwester zu , und den Kopf in den Nacken zurückbiegend , bot sie ihr die Lippen zum Kuß . Ja , das war noch immer die unvergleichlich schöne Flora , aber das langjährige Herrschertum über die Herzen hatte die weibliche Grazie von ihrer Ausdrucksweise genommen . Ebenso nachlässig wie bei dem kühlen Begrüßungskuß nach sechsjähriger Trennung , war ihr Wesen dem mit eingetretenen Doktor gegenüber . „ Grüß Gott , Bruck ! “ sagte sie und reichte ihm die Rechte , aber nicht wie eine Braut , sondern wie ein Kollege dem anderen . Er erfaßte die Hand mit leichtem Druck und ließ es ruhig geschehen , daß sie sofort wieder zurückgezogen wurde . Diese äußere Zurückhaltung zwischen dem Brautpaar schien sich von selbst zu verstehen . Flora wandte unbefangen den Kopf nach dem Wintergarten zurück . „ Großmama , “ rief sie mit lächelndem Spott in ihren geistreichen Zügen , „ unser Goldfisch macht Dir und Deinen Bekannten die Freude , sich vier Wochen früher anstaunen zu lassen . “ Die Präsidentin war bereits bei Flora ’ s ersten Worten hinter einer Kamelliengruppe hervorgetreten . Ohne daß sie es vielleicht selbst wußte , hatte sie die Angekommene mit jener Spannung gemustert , welche die meisten Menschen einem sogenannten Glückskind gegenüber an den Tag legen . Flora ’ s boshaft übermüthiger Zuruf machte diesen Ausdruck sofort verschwinden . Die alte Dame zog unwillig die Brauen zusammen , und ein feines Rot der Verlegenheit flog über ihr bleiches Gesicht hin . „ Ich erinnere mich nicht , ein so auffälliges Interesse gerade für jene Eigenschaft Deiner Schwester gezeigt zu haben , “ sagte sie kühl und mit einem streng verweisenden Blick . „ Wenn ich mich über Käthe ’ s Kommen freue und sie freundlich willkommen heiße , so geschieht das , weil sie meines lieben verstorbenen Mangold Kind und Eure Schwester ist . “ Sie ging mit gehobenen Händen auf Käthe zu , als beabsichtige sie eine Umarmung ; allein diese verbeugte sich so tief und zeremoniell , als stehe sie zum ersten Mal in ihrem Leben vor der stolzen Schwiegermutter ihres Vaters . Ein scharfer Blick hätte in dieser einen Geberde leicht das scheue Zurückweichen vor jeglicher Berührung erkannt , die Präsidentin aber sah darin offenbar nur das Anzeichen eines tiefen Respectes . Sie zog die Hände zurück und hauchte einen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens . „ Bist Du wirklich allein gekommen ? “ fragte sie , ihre Augen suchten unruhig forschend die Thür , als müsse noch irgend eine nicht gerade willkommene Reisebegleitung eintreten . „ Ganz allein . Ich wollte auch einmal selbstständig meine Flügel probieren , und das hat meine Doktorin gern erlaubt . “ Sie strich noch einmal wie unbewußt mit den schlanken Fingern über die Stelle , welche die alte Dame mit ihren kalten Lippen berührt hatte . „ Ei , das glaube ich Dir gern ; das ist ja ganz im Sinne der alten Lukas , “ sagte die Präsidentin mit einem ganz leisen , ironischen Lächeln . „ Sie war ja auch stets sehr selbstständig … Dein guter Papa hatte sie ein ganz klein wenig verzogen , mein Kind . Sie that , was ihr gefiel ; selbstverständlich immer nur das Rechte – “ „ Und das Verständige ; aus dem Grunde mag ihr wohl auch der Papa seine jüngste wilde Hummel anvertraut haben , “ setzte Käthe mit jener heiteren Unbefangenheit hinzu , die ihr ganzes Wesen charakterisierte . Aber gerade dieser Freimut , diese Leichtigkeit und Sicherheit schienen unangenehm zu berühren . Die Präsidentin zog die Schultern leicht empor . „ Dein Papa hat sicher Dein Bestes gewollt , liebe Käthe , und meine Sache ist es nie gewesen , irgend eine seiner Maßregeln zu bemäkeln . Aber er war eine vornehme Natur und hielt streng auf das Dekorum – ob es ihn nun doch nicht einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte , wenn ihm sein heiteres Töchterchen plötzlich so sans gêne , so frank und frei in das Haus geflattert wäre ? “ „ Wer weiß ? “ versetzte Käthe . „ Der Papa würde doch wissen , weß Geistes Kind diese Tochter ist “ – ein mutwilliger Strahl blitzte aus ihren braunen Augen – „ Müllerblut , das schlägt sich tapfer und wohlgemut durch die Welt , Frau Präsidentin . “ Der Kommerzienrat räusperte sich und strich eifrig seinen schönen Lippenbart , während die Präsidentin so betreten aussah , als habe unvermutet ein allzukräftiger Luftzug ihr vornehmes Gesicht angeblasen , Flora aber brach in ein helles Gelächter aus . „ Kind Gottes , Du bist kostbar naiv ,