die da unten « , – er zeigte auf den Boden unter seinen Füßen , den ehemaligen Kirchhof der Nonnen – » ob nicht eine jede mit tausend Freuden wieder aus dem einsamen Walde entwischt wäre , wenn sich nur ein Schlupfloch in den himmelhohen Mauern gefunden hätte ! Sehen Sie , das ist ja das Schöne bei der Sache , Sie kommen wieder in Ihre Gesellschaft , in Ihr richtiges Element ! Eine jede Blume will ja auch ihren besonderen Boden . Der ganze Hof zieht für den Sommer auf das Altensteiner Gut . Der Herzog will eine Milchmeierei eigens für seine junge Frau einrichten , sie soll ja an der Schwindsucht leiden , das arme Frauchen , und da soll nun die Luft im Kuhstall helfen . « Er kratzte sich hinter dem Ohr . Die junge Dame ging langsam und schweigend tiefer in den Garten hinein . Ihre erblaßten Lippen waren wie im Krampfe geschlossen . Heinemann sah sie scheu von der Seite an . In diesem sanften , schönen Gesicht , das er kannte , seit es zum erstenmal die blauen , wundertiefen Augen aufgeschlagen hatte spiegelte sich ein Kampf ab , für welchen ihm das Verständnis fehlte . Er sagte deshalb auch kein Wort mehr und machte sich am nächsten Gemüsebeet zu schaffen , und erst , als sie im Begriff stand , in das Haus zu gehen , kam er ihr nach und bat um Urlaub für den nächsten Tag , » von wegen des Wachshandels « . Sie nickte ihm mit einem matten Lächeln gewährend zu und ging die Treppe hinauf . Droben , in ihrem stillen Zimmer , sank sie auf einen Stuhl und schlug die Hände mutlos vor das Gesicht . War alles umsonst gewesen ? Durfte ihr wirklich die Versuchung nachschleichen , wohin sie auch flüchten mochte ? Nein , nein , ihre Lage war nicht mehr so schutz- und hilflos , wie noch vor wenigen Wochen ! Stand nicht ihr Bruder neben ihr ? Und durfte sie jetzt nicht auch sagen : » Mein Haus ist meine Burg – ich kann und will es vor jedem verschließen , der meine Schwelle nicht betreten soll ? « 6. Am anderen Morgen wanderte Hcinemann frühzeitig nach der Stadt . Neben ihm her trabte ein Dorfjunge mit einem Handwagen , den der alte Gärtner mit jungem Gemüse für seine Kunden beladen hatte , der Handelsgang nach der Stadt sollte möglichst ausgenutzt werden . Das Zinngeschirr freilich hatte zu Hause bleiben müssen und zum Ankauf neuer Vorhänge war die Erlaubnis auch entschieden verweigert worden . Nicht ohne Besorgnis sah Heinemann dann und wann nach dem Hause zurück , bis das Baumgedränge keinen Durchblick mehr gestattete . Was er ärgerlich vorausgesagt hatte , war eingetroffen – Fräulein Lindenmeyer hatte Migräne . Sie lag zu Bett und brauchte Hilfe und Pflege . Gern wäre er zu Hause geblieben , allein er hatte schon beim Morgengrauen das Gemüse abgeschnitten , und das mußte fortgeschafft werden . Nun war seine junge Herrin allein , denn der oben in der Glockenstube zählte nicht . Mit der Feder in der Hand war er ja nie in der wirklichen Welt . Da konnte alles um ihn her niederbrennen , wenn nur die Glockenstube stehen blieb und die Tinte nicht eintrocknete . Dieses Urteil entsprang jedoch keineswegs irgendwelcher Geringschätzung , im Gegenteil , Heinemann war voll Bewunderung , aber in seinen Augen war der gelehrte gnädige Herr einer , für den man in gewöhnlichen Dingen denken und sorgen mußte , wie für das liebe , unschuldige Ding , die kleine Elisabeth auch . Nun , er hatte das Seine getan , um seiner jungen Herrin die Tageslast zu erleichtern , er hatte die Ziegen gemolken , frische Eier aus den Hühnernestern genommen und Zuckererbsen zum Mittagessen gepflückt . Kleingespaltenes Holz lag neben dem Herde , das Treppenhaus war sauber gefegt , und in Fräulein Lindenmeyers Eckstube stand die homöopathische Hausapotheke mit schriftlichen Anweisungen von seiner Hand – er verstehe sich aufs Kurieren wie kein anderer , versicherte Fräulein Lindenmeyer immer . Wie er dann aber tagsüber nie die Tür im Gartenzaun einklinkte , geschweige denn verschloß , so hatte er es auch heute achtloserweise unterlassen . Der am Zaun liegende Kettenhund schlug ja pünktlich an , sobald sich die Tür von außen her in den Angeln rührte , und was hätte denn aus dem Garten entwischen sollen ? Das Hühnervolk hauste hinter einem absperrenden Holzgitter und die Hauskatze bewerkstelligte ohnehin ihre Waldbesuche durch die Fensteröffnungen der Kirchenruine . An das Kind , die kleine Elisabeth , hatte der alte Mann nicht gedacht . Sie war meist seine unzertrennliche Begleiterin im Garten , sie ging auf Tritt und Schritt mit ihm und plauderte unermüdlich , und während seine großen , schwieligen Hände rüstig arbeiteten , antwortete und erzählte er unverdrossen und rieb sich nur dann und wann an der Schürze die Erde von den Fingern , um dem Kinde den verschobenen Hut in die Stirn zu rücken oder der Puppe den aufgelösten Haarzopf mühselig wieder » zusammenzuwürgen « . Aber vor seinen Augen war das kleine Mädchen noch nie bis an die Tür gelaufen , und auch Klaudine wußte , daß es sich vor dem Kettenhund fürchtete . Deshalb war sie unbesorgt ihren Hausgeschäften nachgegangen , während das Kind im Garten spielte . So war es gegen Mittag geworden . Die Tageshitze stieg . Nur selten zog eine vereinzelte segelnde Wolke träge über die Sonnenscheibe hin und warf auf den Garten einen kurzen Schatten , wohltuend und verdunkelnd , als ob ein riesiger Vogel seine Schwingen mitleidig über alle die hängenden und schmachtenden Blumenköpfchen breite Klaudine trat an ein Fenster und rief nach dem Kinde ; aber sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme , so lautlos still war es draußen . Nur der Hund kroch mit rasselnder Kette aus seiner schwülen Hütte und sah mit gespitzten Ohren nach dem Fenster hinauf , wo gerufen wurde . Das Kind antwortete nicht , und