in die weite Welt . An einem Sonntagmorgen trat Lilli aus der Tür , die nach dem Walde führte . Sie war bis dahin nie allein droben aus dem Berg gewesen und hatte dies jedes Mal unangenehm empfunden ; denn das oft sehr gedankenlose Plaudern und laute Lachen ihrer jugendlichen Begleiterinnen störte häßlich die feierliche Stille , den geheimnißvollen Reiz des Waldes . Heute wollte sie droben sein , wenn die Kirchenglocken der Stadt anhoben ; sie hatte sich deshalb von dem sonst unerläßlichen Gang zur Kirche bei Tante Bärbchen frei gemacht . Während sie die Tür hinter sich schloß , fiel ihr Blick unwillkürlich auf das Turmfenster des Nachbarhauses , die Vorhänge waren in heftiger Bewegung . Offenbar war Jemand bei ihrem Aufblicken rasch vom offenen Fenster zurückgetreten ; höchstwahrscheinlich die arme Gefangene , deren Augen vielleicht neidisch dem jungen Mädchen folgten , wie es flinken , ungehemmten Fußes den Berg hinauflief . Lilli saß bald droben auf der Bank . Die prächtige Rotbuche stand wie ein vorgeschobener Posten ziemlich isolirt außerhalb des Waldes . Kurzer , trockener Graswuchs bedeckte den hier sehr steil abfallenden Berg ; aber diese kurze Strecke zu Lilli ’ s Füßen sah aus wie eine niedrige , von einem verblichenen Teppich bedeckte Stufe , so täuschend schloß sich das blühende Gelände drunten im Tal an seine äußerste Linie . Das Sonnenlicht , ob es auch glühende Tinten über den unbedeckten Himmel , die gewaltigen Bergrücken und das Ackerland voll wogender Halme hinwarf , hatte noch wenig Macht über die taufunkelnde Frische des Morgens . Drunten auf den Dächern der Stadt lagen noch Schatten und sonntägiges Schweigen ; aber auf dem Heerd brodelte wohl der braune , erquickende Morgentrank ; in einzelnen , leichten Wolken floh der Rauch aus den Schornsteinen , er zerstob sofort wie geblendet und erschrocken in der sonnenklaren Luft , oder flüchtete sich , von einem feinen Lufthauch getrieben in dünnen , durchsichtigen Streifen nach dem alten , finsteren Kirchturm ; allein auch da blitzte es eben hell auf über dem dunklen Schieferdach , ein Sonnenstrahl hatte den Turmknopf erreicht und schlüpfte zugleich in die Luken der Glockenstube , und , als solle sich das tausendjährige ägyptische Wunder der Tonerweckung hier erneuen , schwebte in diesem Augenblick der erste Glockenklang hinaus in die Lüfte . Tauben und Dohlen verließen , entsetzt aufkreischend , das Turmdach ; noch einen Moment kreisten sie ängstlich über der Stadt und rauschten dann nahe an Lilli ’ s Füßen vorüber weit , weit hinaus , wo sie als sonnenbeschienene Pünktchen auf das Feld niedersanken . Lilli hatte ihren Flug verfolgt , aber dann kehrte ihr Blick geblendet zurück und haftete auf ihrer nächsten Umgebung . Neben der Bank lag ein großer Felsblock , vor Zeiten mochte ihn das Schneewasser vom Berggipfel herabgerissen haben ; er hatte es in seiner isolirten , Wind und Wetter preisgegebenen Stellung für geeignet gehalten , sich in eine dicke , warme Moosdecke zu hüllen . Lange Brombeerranken kletterten über seinen Rücken , und an seiner Basis , da , wo die Sonne sich nicht breit machen durfte , zog sich ein Streifen frischgrüner Halme hin , zwischen denen sogar einige versprengte , zarte Waldblumen nickten . Die Moosdecke wimmelte von Käfern und anderem kleinen Getier , das blutwenig von der Sabbatfeier zu wissen schien und sich rührig unter dem Urwaldsdunkel der Brombeerblätter tummelte . Lilli bog sich nieder und beobachtete sinnend und ergötzt diese kleine Welt voll wichtiger Geschäfte und Sorgen . Sie überhörte dabei , daß es plötzlich hinter ihr rauschte und knisterte , als ob ein starker Arm das Gestrüpp Teile , zudem dämpfte der weiche Waldboden die sich nähernden raschen Schritte . „ Forschen Sie nicht nach Runenzügen ; die alten Germanen haben einen Zauber hineingelegt , er könnte verderblich auf Sie zurückwirken ! “ sagte plötzlich die Stimme des Blaubartes scherzend hinter ihr . Hätte sich in diesem Augenblick die Erde vor ihr aufgetan , um unterirdische Gestalten emporsteigen zu lassen , sie hätte in keine größere Aufregung versetzt werden können , als durch die unerwartete Nähe dieses Mannes ; aber trotz des heftigen Schreckens , der sie durchzuckte , blieb sie doch im ersten Moment unbeweglich . „ Ich gebe gern zu , “ fuhr er fort – die schwache Lehne der Bank erzitterte leicht unter seiner Hand – „ daß auch die Steine reden können ; muß man aber deshalb einer bittenden menschlichen Stimme sein Ohr verschließen ? “ Welches Ausdrucks war doch gerade diese bittende menschliche Stimme fähig ! Lilli hatte den Kopf noch nicht nach ihm umgewendet , und doch zweifelte sie nicht , daß , während seine Lippen zu scherzen versuchten , ein Blick voll Groll und Weichheit zugleich auf ihr ruhe . Aber jetzt galt es , diesen unerklärlichen Zauber für alle Zeiten abzuwehren . Die Warnung der Tante und ihre eigenen [ 467 ] kühnen Vorsätze standen mit einem Mal wie in riesengroßen Lettern vor ihr ; sie erhob sich und wollte , ohne zu antworten , mit einer Verbeugung an ihm vorüberschreiten ; ohne es zu wollen , sah sie dabei flüchtig zu ihm auf . Er stand , die Hand noch auf die Banklehne stützend , ernst und hoch aufgerichtet da ; er machte nicht die geringste Bewegung , das junge Mädchen zurückzuhalten ; allein in seiner ganzen Haltung lag plötzlich eine solche Hoheit , so viel Männerstolz , daß sie unwillkürlich ihre Schritte hemmte und den Blick senkte vor seinen sprühenden Augen , die weit eher strafend , als entrüstet auf sie niedersahen , während er mit beherrschter Stimme sagte : „ Ich habe nicht an unsere allgemeinen Umgangsformen appellirt , die , echt deutsch , pflichtschuldigst fremde Grimassen nachäffen , ich sage , nicht an sie habe ich appellirt , wohl aber an die Höflichkeit des Herzens , als ich abermals wagte , Sie anzureden . … Ich würde mich bescheiden und einen neuen Irrtum in meinem Leben beklagen , wüßte ich nicht zu viel von