mehr , Kleine , ich meine es mit Dir ja gut — was das Mädchen für Augen hat ! — Du bist ein merkwürdiges Kind — aber erziehen möchte ich Dich nicht ; Du kannst Einem was zu raten aufgeben , und mit Gewalt oder Schlägen wärst Du am Ende nicht einmal zu zwingen ! “ Mit diesen Worten stellte er sie wieder zur Erde und hob seinen Rock auf , um ihn anzuziehen . Da fiel ihm ein schwerer harter Gegenstand in der Tasche des Paletots auf , er sah nach , was es sei , und zog ein Buch in prachtvollem Einband hervor . „ Ach “ , rief er heiter , „ das hab ’ ich ganz vergessen ! Kannst Du lesen ? “ Ernestine nickte , — sie war froh , daß sie nicht nein zu sagen brauchte — wie würde sie sich geschämt haben ! „ Nun , das ist Recht ! “ sagte der junge Mann und Ernestine war stolz auf dieses erste Lob , das sie heute bekam , sie nahm sich vor , nun doppelt fleißig zu werden , um gelegentlich einmal wieder solch ein „ das ist Recht ! “ zu hören . Johannes drückte ihr das Buch in die Hand : „ Schau , das soll Dein sein , damit Du doch an dem schlimmen Tage etwas Gutes mit nach Hause nimmst . Es sind hübsche Märchen , ich wollte sie meiner Schwester Angelika mitbringen und konnte sie ihr nicht geben , weil ich Dir gleich nachlaufen mußte . Nun freut mich ’ s , daß ich das Buch noch habe und es Dir schenken kann ! “ „ Ja — aber Angelika ? “ fragte Ernestine zögernd . „ Die bekommt morgen ein anderes , nimm ’ s nur — und lies das Märchen vom häßlichen jungen Entlein , das wird Dich trösten , wenn die Leute bös mit Dir sind . Da , nimm ’ s , besinne Dich nicht so lange . “ Das Kind griff nun nach dem Buche so behutsam und unsicher , als sei es ein wirkliches Märchenbuch , das heißt ein solches , das ihr in der Hand wieder zu Nichts zer ­ rinnen könne . Als sie es dann hatte und es nicht ver ­ schwand und sie endlich an das unerhörte Glück , solch ein Geschenk zu bekommen , glauben lernte , brachte sie nur ein kaum hörbares : „ Danke — vielmals ! “ heraus , aber der Blick , mit dem sie das Wort begleitete , rührte Johannes . „ Du erhältst wohl selten Geschenke ? “ fragte er . „ Niemals ! “ „ O — Du scheinst wirklich in keiner besonders zärt ­ lichen Umgebung zu leben . Bekommst Du denn von Deiner Mama nie etwas ? “ „ Ich habe keine Mutter , sie ist ja gestorben , weil ich kein Junge war ! “ „ Eine eigentümliche Todesart “ , bemerkte Johannes halb humoristisch , halb mitleidig . „ Ach , wenn ich eine Mutter hätte , da wäre gewiß Alles anders . “ Ein paar große Tränen rollten ihr über die Wangen . „ Höre Kindchen “ , sagte Johannes nach einer Pause weich , „ ich habe eine gute Mutter , ich will sie mit Dir teilen , ein halbes Mutterherz ist immer besser , als gar keines . Komm mit mir nach Hause , Du sollst mein Schwesterchen sein und wirst schon auftauen , wenn Du uns einmal näher kennst . “ Ernestine schüttelte lebhaft den Kopf . Der Gedanke , auf das Schloß zurückzukehren , erfaßte sie wieder mit allen Schrecken . „ Nein , nein , niemals ! “ rief sie ängstlich , „ Ihre Mutter würde mich doch nicht lieb haben , gewiß nicht ! Sie versprachen mir vorhin , daß Sie mich zu nichts zwingen wollen , — und wenn Sie denken , ich solle Ihnen nun folgen , weil Sie mir das Buch geschenkt haben , dann will ich ’ s lieber nicht , — da nehmen Sie ’ s wieder , ich mag ’ s nicht mehr ! “ Johannes wies mit unwilliger Handbewegung das dargebotene Buch von sich . „ Behalt ’ s “ — sagte er kalt , „ ich schenkte Dir ’ s ohne Bedingungen , — ich dachte nur , die Freundlichkeit , mit der ich Dir ’ s gab , hätte Dich weicher gemacht und fügsamer , aber ich täuschte mich , — Du bist auch durch Güte nicht zu bewegen . Schade um ein so früh verhärtetes Herz . “ — Ernestine stand regungslos mit niedergeschlagenen Augen , sie atmete kaum ; was jetzt in ihr vorging , war so neu , so ganz anderer Art , als Alles , was sie bisher empfand , daß es vergebens nach einer Kundgebung rang , ihr kindlicher Mund fand kein Wort dafür . Es war ein Schmerz , ein tieferer , und doch kein so bitterer als alle früheren , sie haßte den nicht , welcher ihn ihr zufügte , wie die Andern , — sie hätte seine Hand küssen und ihn fuß ­ fällig um Verzeihung bitten mögen , aber sie wagte es nicht . „ Nun ? “ fragte er nach einigem Schweigen , „ soll ich Dich nach Deinem Hause führen ? “ Ernestine schüttelte den Kopf . „ Auch das nicht ? Willst Du allein gehen ? “ fragte er ungeduldig weiter . Ernestine nickte . „ Nun , — ich habe versprochen . Dir den Willen zu tun , und was ich versprach , halte ich , obgleich es gegen mein Gewissen ist , Dich so allein durch die Nacht laufen zu lassen . Erlaube mir wenigstens , daß ich Dich über die Felder führe , — bist Du denn stumm geworden ? “ Ernestine richtete ihre großen traurigen Augen so bittend auf ihn , daß er aufs Neue aus der Fassung kam . „ Du kannst