sprechen ? Habe ich mir erlaubt , ein Wort über deine Wahl zu sagen ? Bin ich nicht Artur freundlich entgegengekommen ? Was hat er vor Linden voraus , worin steht er ihm nach ? Ich allein habe mir Rechenschaft zu geben über diesen Schritt , denn ich allein trage die Folgen . – Es ist unrecht , einen Menschen beeinflussen zu wollen in einer Sache , die so 77 individuell , so ganz in seinen eigensten Empfindungen steht . « » Aber , mein Gott , so ereifere dich doch nicht ! « beruhigte Frau Jenny ; » wir finden eben , er ist keine passende Partie , schon deshalb , weil er gänzlich ohne Vermögen ist . « Über Trudchens blasses Gesicht flog ein tiefer Schatten . » Ach , laß das Geld aus dem Spiele « , bat sie angstvoll , » störe mir nicht den schönsten Traum meines Lebens – sprich nicht davon , Jenny . « Aber Jenny fuhr fort : » Nein , davon schweige ich nicht , denn du lebst in Idealen und man muß dir ein wenig die Wirklichkeit vor die Augen halten , damit du später nicht allzusehr aus deinen Himmeln fällst . Bildest du dir vielleicht ein , daß Herr Franz Linden sich so überstürzt hätte , wenn du – na , wenn du nicht gerade Trudchen Baumhagen wärst ? Sicher nicht ! Ich halte es für meine Pflicht , dir zu sagen , daß sowohl Mama wie Artur und ich der Meinung sind , er habe in erster Reihe an das gedacht , was unser seliger Vater in guten Kapitalien für uns – « Sie verstummte plötzlich , Trudchen stand vor ihr , hochaufgerichtet und drohend . » Sei davon ruhig , Jenny « , stieß sie hervor , » ich glaube an ihn und spreche kein Wort der Verteidigung aus ! Du und die anderen , ihr mögt so denken , ich kann es euch nicht wehren , kann es euch 78 nicht einmal übelnehmen , ihr – « sie stockte , das bittere Urteil sollte nicht über die Lippen . » Habe die Güte und stelle Mama vor « , sagte sie dann ruhiger , » daß ich ihm mein Wort nicht breche . Ich werde dir so dankbar sein , Jenny – wenn jemand etwas über sie vermag , so bist du es , ihr Liebling . « Die junge Frau ging fast bestürzt hinaus , sie fand kein Wort dieser Zuversicht gegenüber . Sie hatten sich nie verstanden , die Schwestern . Jenny begriff auch jetzt noch nicht , wie man so lebensunklug und verblendet sein konnte , und dennoch war sie wie vor etwas Reinem , Erhabenem zusammengeschauert , als die klaren Mädchenaugen sie anblickten , die noch Ideale sehen konnten trotz der Prosa und dem Staub des Lebens . Sie setzte sich wieder in das Sofa . » Mamachen « , flüsterte sie nach einer Pause , während welcher sie nachdenklich ihren kleinen Pantoffel auf der Fußspitze hatte tanzen lassen , » Mamachen , ach Gott ! ich glaube , es hilft dir nichts – willst du ein bißchen Eau de Cologne ? – die Gertrud ist so fanatisch in ihn verliebt , weißt du , du wirst › Ja ! ‹ sagen müssen . Die Enttäuschung bleibt freilich nicht aus . « Trudchen war mitten im Zimmer stehengeblieben , sie sah der Schwester nach . Sie hatte Mitleid mit ihr . Es mußte doch schrecklich sein , wenn man nicht mehr an Liebe und Uneigennützigkeit glauben konnte . Und sie sah Franz Linden , seine ehrlichen Augen , so klar wie das reine Gewissen selbst . Kann 79 man so aussehen mit einem Nebengedanken , kann man so sprechen mit einer Lüge im Herzen ? – Sie hätte auflachen mögen vor seliger Gewißheit . Und wenn sie die Ärmste , die Bettelärmste wäre , er liebte sie doch ! Am Nachmittage fand große Konferenz statt . Um zwölf Uhr mittags war plötzlich Befehl vom Sofa erlassen worden , daß man den Salon stärker heize , das Meißner Kaffeeservice aus dem Schrank nehme und beim Konditor einige Schüsseln bestellen solle . Frau Ottilie wollte Familienrat halten . Der Duft von Sophiens berühmtem Kaffee zog bis in Trudchens einsames Zimmer . Sie hörte die Türen gehen und dann und wann die Stimme der Tante Stadträtin und Onkel Heinrichs behagliches Lachen . Der Tag nahte seinem Ende , und man schien drüben immer noch nicht zu einem Entschluß gekommen , und Trudchen saß ruhig im Erker und wartete . Er würde auch ruhig sein , das wußte sie . Er hatte ja ihr Wort . Endlich Schritte – das mußte der Onkel sein . » Na , Jungfer Gertrud ! « rief er in das dämmerige Zimmer , » er kam , er sah , er siegte ? – Schöne Streiche das ! – Deine Mutter ist höllisch fuchsig auf den kecken Eindringling . Er wird alle seine Liebenswürdigkeit nötig haben , um ihre schwiegermütterliche Gunst zu erringen . – Na , da komm herüber , du Trotzkopf , und bedanke dich bei mir , daß sie nachgegeben hat . « 80 » Ich wußte es , Onkel « , sagte sie freundlich , » du läßt mich nicht im Stich . « Er war ein alter , kleiner Herr mit einem gemütlichen runden Bäuchlein , das er sich so allmählich bei seinen splendiden Junggesellendiners angefüttert hatte ; immer vergnügt , besonders nach einem guten Glase Wein . Und da er wußte , welch angenehme Wirkung ein solches auf ihn ausübte , so versäumte er , zum Wohle der Menschheit , nie , dieses Mittel zu gebrauchen , das ihn liebenswürdig und lustig machte . Lachend nahm er jetzt das große , schlanke Mädchen an der Hand , als sei sie noch ein Kind , und führte sie nach der Tür . » Leben und leben lassen , Trudchen ! « rief er ; »