andere dafür ausgehangen und Nelly mehrmals erklärt , er werde Teppiche und Vorhänge aus seiner Garnison besorgen statt des alten verschossenen Zeugs und auch eine neue Livrée für Heinrich . Zuletzt hatte er die Schwester umfaßt und gefragt , ob sie wohl glaube , daß es Blanka hier ein wenig gefallen könnte , und ob sie nicht auch finde , daß von diesem Zimmer die schönste Aussicht sei ? Und ohne ihre Antwort abzuwarten , hatte er hinzugefügt : „ Nein , Schwesterchen , was Du Dich wundern wirst , wenn Du sie siehst , was Du Dich wundern wirst ! “ Darauf war er hinausgegangen in den alten Park und wanderte nun mit hastigen Schritten durch die verwachsenen Gänge ; er sehnte die Stunde der Abreise herbei , um ihr bald sagen zu können , wie man sich zu Hause freue auf ihren Besuch – und endlich wurde es Abend , und er schritt nach kurzem Abschiede mit einem aus vollstem Herzen gesprochenen „ Auf frohes Wiedersehen ! “ in der duftenden Frühlingsnacht dem Dörfchen zu , um die Post zu benutzen . Am Parkgitter pflückte er noch einen vollen lila Fliederzweig , einen Gruß aus seiner Heimath für Blanka . Und endlich , endlich blies der Postillon und er fuhr hinaus in das stille Land mit tausend glückseligen Gedanken . Dort drüben aber in der Mühle , da öffnete sich leise ein Fenster und ein brauner Mädchenkopf bog sich heraus und sah mit feuchten sehnsüchtigen Augen zu der Landstraße hinüber . Sie wußte , daß er heute Abend wieder abreisen werde ; er hatte es ihr ja selbst gesagt , und sie hatte auf ihn gewartet und gewartet den ganzen Tag , aber er war nicht gekommen ; und horch ! da schallte das Posthorn herüber durch die stille Nacht . Wie traurig das klang ! Vom Walde tönte leise ein Echo zurück , und sacht , ganz sacht schloß sich das Fenster wieder . 6. Am andern Tage war schlechtes Wetter . Der Himmel hatte sich mit einförmigem trübem Grau bezogen , und ein leiser Regen fiel in die Apfelblüthenpracht und in den Flieder . Lieschen stand am Nachmittage oben in ihrem Stübchen und schaute mit trauriger Miene über den nassen Garten hinweg nach dem Schlosse , dessen Thürme wie in graue Schleier gehüllt erschienen . Das war so ein recht verkehrter Tag heute – alle Welt machte ein böses Gesicht ; der Vater hatte etwas Unangenehmes im Geschäft gehabt ; die Muhme war ärgerlich , weil Dörte die Stallthür nicht geschlossen , hinter welcher die Pute mit ihren sieben Kücken wohnte , die nun im Regen spazieren ging , was gegen alle Vorschriften verstieß : die kleinen Dinger würden nun alle crepiren , prophezeite sie , und säßen schon da und verdrehten die Augen ; die Dörte hatte tüchtig Schelte bekomme und ging ganz betrübt und mit rothgeweinten Augen im Hause umher ; und zu alledem war heute gar noch der junge Herr Selldorf eingetroffen , der bei dem Vater in ’ s Geschäft treten wollte , und hatte am Familientische mit gespeist . Sonst aßen die Herren vom Geschäft drüben in dem Hause , das sie bewohnten , denn Herr Erving ließ sich nicht gern im Kreise der Seinen stören allein heute machte er eine Ausnahme , weil er mit dem Vater des jungen Mannes eng befreundet war . So hatte denn nun der blondgelockte Herr mit der große blauen Cravatte der Liesel gegenüber gesessen und sie mitunter angeschaut , was doch ganz gewiß gar nicht nöthig war , und dabei hatte sich das Gespräch um den Herrn Vater , um den Stand des Geschäftes und das Befinden der Frau Mutter gedreht , und das war Alles so erschrecklich langweilig gewesen . Dazu kam noch , daß Lieschen vergessen hatte , ihre Taube zu füttern , zum ersten Male , so lange ihr dieses Amt oblag , und nun mußte sie sich auch noch über sich selbst ärgern – was mochte ihr nur sein ? Und dann fiel ihr der gestrige Tag ein , wo sie mit ihrer Arbeit unter der Linde vor der Hausthür gesessen , bis es dunckel wurde , und allemal wenn dort drüben zwischen den Bäumen eine Gestalt auftauchte , dann war sie erschrocken , und das Herz hatte ganz gewaltig gepocht , und dann war es stets ein ganz gleichgültiger Mensch gewesen , der des Weges kam , zuletzt gar das alte Weidner Mariechen , die immer betteln ging , und endlich – da war sie hinaufgegangen und hatte geweint . Sie schüttelte fast unwillig den Kopf , als sie es sich eingestehen mußte , und erröthete über und über , als sie nun auch daran dachte , daß sie gestern Abend noch einmal aufgestanden sei , nur weil ihre Gedanken sie gar nicht schlafen lassen wollten , um das Fester zu öffnen und dem Posthorn zu lauschen , das der Schwager vom Bocke des Wagens blies , in dem der Army – ja der Army , so bald wieder davon fuhr . – „ Daß es auch so häßliches Wetter ist ! “ sagte sie plötzlich halblaut , indem sie Geibel ’ s Gedichte vom Bücherbrette herunternahm , „ sonst käme doch am Ende die Nelly her . “ Sie setzte sich auf das kleine Sopha , stützte den Kopf in der Hand und blätterte in dem Buche , ohne gerade mehr als einen flüchtigen Blick für die anmuthige Lieder zu haben , die sie sonst so gern las . Dann hob sie rasch den Kopf und wandte ihn horchend nach der Thür , und richtig , da kam der wohlbekannte Tritt der Muhme über den Saal entlang , und gleich darauf blickte das gute Gesicht unter der schneeweißen Haube zur Thür herein . „ Nun sag nur um Gotteswillen Liesel , wo steckst Du denn ? “ fragte sie mühsam Athem holend , „ hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht , wie der pure Essig , und