die Zukunft einen weniger interessiert und der Moment immer wichtiger wird . Solange mir noch Tenöre von Sommertheatern himmelblaue Billetts schreiben , sehe ich nicht ein , warum ich darauf verzichten soll . Dabei habe ich es ganz gern , wenn mir jemand Moral predigt , mich ärgert und ich ihn wieder ärgern kann . Mehr Verständnis hat der alte russische Priester - ich kollidierte neulich in einem etwas ungeschickten Moment mit ihm auf dem Korridor . Nachher saß er im Mondschein auf seinem Balkon ... als ich dann auf den meinen hinauskam und wir unseren gewohnten Gruß austauschten , war ich doch etwas verlegen und suchte nach einem erlösenden Wort ( wir haben uns inzwischen etwas besser verständigen gelernt ) , aber mir fiel nichts anderes ein als pater peccavi . Er lächelte milde , anscheinend erfreut und antwortete : Te absolvo ... und noch irgend etwas , was ich nicht verstand . Ach Gott , Maria , ich muß doch immer wieder darauf zurückkommen ... und wenn es auch langweilig wird zum die Wände hinauflaufen ... wie könnte das Leben schön sein ohne die Geldfrage . Und wie ist es möglich , daß Menschen mit Geld jemals wirklich unglücklich sind ? Schau , ein gewisser Grad von Komfort , einige nette Leute und etwas Durcheinander - eine dumme Liebesgeschichte ohne höhere Ansprüche - Mondschein und ein wohlwollender alter Priester - und ich wäre schon wieder imstande , für das Dasein zu schwärmen , wenn nicht immer die Geldgedanken wie eine schwarze Wand hinter allem ständen . Ob nun das Pflichtteil endlich einmal tatsächlich in meine Hände gelangt oder nicht , früher oder später wird doch einmal der Moment kommen , wo ich wieder rechnen oder darüber nachdenken muß und der Komplex mich von neuem umnachtet ... Ich tue ja mein Bestes , um das Jetzt als Ferienzeit aufzufassen , wie man als Kind die großen Sommerferien festlich beging . Sie schienen endlos , und doch wurde man die Gespenster nicht ganz los - Lehrer , Schulstunden und Strafarbeiten , und wußte ganz genau : davor war die Hölle , und dahinter lauerte auch wieder die Hölle - wie könnte man es nur anfangen , darum herumzukommen . Nein , das gibt ' s eben nicht , einmal wird man doch wieder in die Schule müssen und wieder nachsitzen , weil man die Rechenaufgaben nicht in den Kopf kriegen kann . Es kommt mir jetzt recht symbolisch vor , daß ich früher wegen jeder , aber auch jeder Rechenaufgabe nachsitzen mußte . War sie einmal richtig , so hatte ich entweder abgeschrieben , und dann gab es erst recht Strafe , oder es beruhte auf einem Zufall , an den niemand glauben wollte . Wie das den Charakter verdirbt ... man kann sich schließlich nur damit trösten , daß auch der Lehrer infolge seiner eigenen Infamie um seinen freien Nachmittag kommt . Und später ... was hatte ich von Haus aus für einen sympathischen Charakter , und wie sehr hat er unter den Geldkamalitäten gelitten . Es gibt gewiß keine Gemeinheit , die ich nicht mit Vergnügen beginge , wenn sie sich rentierte , aber es gibt zu wenig Gelegenheit ... die wirklich rentablen Gemeinheiten kommen immer nur in Romanen vor . Wenigstens die sich mir bisher boten , waren nicht der Mühe wert . Ich hätte beispielsweise einmal jemandem mit zwanzigtausend Mark durchbrennen können , und die drei Tage , wo ich sie in Obhut hatte , waren qualvoll genug . Aber wie weit wäre ich damit gekommen , über kurz oder lang hätte ich doch wieder umkehren müssen . Wären es hunderttausend gewesen , so hätte ich eher die moralische Kraft dazu gefunden . Ich will mich lieber nicht weiter in diesen Gegenstand vertiefen . Henry gab uns gestern ein kleines Souper , man war etwas zu lustig , und ich habe heute ein wenig Katzenjammer . Dann fallen einem alle möglichen trüben Dinge wieder ein . Lieber hör ' ich auf ... 13 Schlimme Nachrichten , Maria . Meine neulichen Abendbetrachtungen waren Vorahnung . Wie ich dieses zweite Gesicht verwünsche , aber ich habe es nun einmal . Also zuerst , was mich selbst betrifft . Ich weiß nicht , ob ich Dir erzählte , daß der Miterbe schon einmal verheiratet war . Daß er mit dieser ersten Frau denselben Kontrakt auf Erbteilung gemacht hat wie mit mir , wußte ich allerdings nicht . Sie hat sich dann schlecht bewährt , und er ließ sich von ihr scheiden . Jetzt aber , nach dem Tode des alten Herrn , ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht , will ihre Ansprüche geltend machen und droht durch ihren Anwalt die Erbschaft mit Beschlag belegen zu lassen . Im besten Falle gibt es also wieder eine Verzögerung , im minder günstigen - aber ich ziehe es vor , diesen Gedanken vorläufig noch zu verdrängen . Lukas ist jetzt ganz kleinlaut und meint , daß wirklich von seiten des Schicksals rätselhafte Dinge gegen mich vorliegen müssen . Er , der Miterbe , gedenkt nächstens zurückzukommen und will mich dann hier aufsuchen . Einstweilen hat er immer noch Formalitäten zu erfüllen . Wenn das alles wäre , aber auch um die Petroleumsache sind wir in schweren Sorgen . Balailoff gerät immer mehr unter den Einfluß des schwarzen Idioten ( der sich übrigens in letzter Zeit lauter weiße Anzüge angeschafft hat - wir waren schon unschlüssig , ob man ihn nicht umtaufen müsse ) und sprach schon davon , ihn auf eine Inspektionsreise nach Rußland zu schicken , da letzthin ungünstige Berichte von dort einliefen . Es hieß , das Gebiet sei doch nicht so ergiebig , wie man anfangs angenommen und so weiter . Henry behauptet auf Grund seiner gewiß vielfältigen Erfahrungen , das passiere bei jedem derartigen Unternehmen und man brauche einstweilen kein Gewicht darauf zu legen . Das Konsortium pflege einmal dieses und einmal jenes Gerücht auszusprengen , um Stimmung zu machen oder - was weiß ich - ich