. Täglich las er drei Zeitungen , ein heimisches Blatt , ein Berliner und ein Hamburger Blatt . Täglich dieselben drei , und zwar von Anfang bis zu Ende , die politischen Nachrichten , das Feuilleton und sämtliche Inserate . Dadurch wurde er vertraut mit den Fortschritten der Kultur , den Veränderungen im Staatsleben und mit der Existenz der Aristokratie , der Bourgeoisie und des Proletariats . Es entging ihm nichts ; weder die Mordtat in einem pommerschen Dorf noch das auf dem Boulevard des Italiens verlorene Perlenhalsband ; weder der Untergang eines Dampfers in der Südsee noch die vornehme Trauung in Westminster ; weder die Glosse über neue Kleidermoden , noch die Niedermetzelung der von den Türken geknechteten Armenier ; weder der Tod eines großen Herrn noch die Notiz über einen aufgegriffenen Landstreicher . Doch ist anzumerken , daß seine eigentliche Teilnahme nur den unglücklichen Ereignissen galt . Denn er betrachtete die Welt bloß im Hinblick auf die Kriege , die Erdbeben , die Hagelschläge , die Orkane , die Überschwemmungen , die öffentlichen und häuslichen Unannehmlichkeiten der Menschen . Freudige Vorfälle , wie Geburten , Ordensauszeichnungen , heldenhafte Handlungen , die Kunde von einem Haupttreffer , einem erfolgreichen Werk , einer gelungenen Spekulation gingen ohne Eindruck an ihm vorüber , wenn sie ihn nicht gar verdrossen , hingegen haftete sein Geist mit Vergnügen an allem Üblen , Jämmerlichen , Traurigen und Beklagenswerten , das auf dem Erdball oder im Sternenraum passiert und zu seiner Kenntnis gelangt war . Sein Kopf war ein Magazin wüster und schrecklicher Begebenheiten ; von Krankheitsgeschichten , Entführungen , Diebstählen , Raubanfällen , Einbrüchen , Attentaten , Elementarkatastrophen , Seuchen , Lustmorden , Selbstmorden , Duellen , Bankrotten und Familienzwistigkeiten . Hatte er seine Erfahrung um einige besonders kuriose und unerhörte Geschehnisse vermehrt , so zog er sein Taschenbuch , merkte das Datum an und schrieb : in Amberg hat ein Priester während der Predigt den Blutsturz bekommen ; oder : in Kotschinchina hat ein Tiger vierzehn Kinder gefressen , ist in den Bungalo eines Ansiedlers gedrungen und hat der an der Seite des Gatten schlafenden Frau den Kopf abgebissen ; oder : in Kopenhagen hat eine ehemalige Schauspielerin , eine neunzigjährige Greisin , mitten auf dem Marktplatz den Monolog der Lady Macbeth rezitiert , indem sie auf einen Gemüsekorb stieg ; dies erregte solches Aussehen , daß in dem Gedränge des Volks mehrere Personen zerquetscht wurden . Dann ging er in froher Laune nach Hause und gab auf der Straße den Türstehern und Fensterguckern ihren Gruß leutselig zurück . Bei jeder Feuersbrunst , die in der Stadt ausbrach , war er zugegen , und seine in die Flammen gerichteten Augen hatten etwas Ergriffenes und Trunkenes . Er summte leise vor sich hin , schaute verstohlen in die besorgten Gesichter der Leute , machte sich bei den geretteten Habseligkeiten zu schaffen und drängte dem Löschmeister seine Ratschläge auf . War irgendein Mann von Bedeutung gestorben , so versäumte er nie , sich dem Leichenbegängnis anzuschließen . Er folgte dem Sarg bis ans Grab und verharrte bei der Rede des Pfarrers mit gesenktem Haupt . Aber um seinen Mund zuckte es sonderbar , als fühlte er sich verstanden und geschmeichelt . Und in der Tat , es schmeichelte ihm . Der Tod der andern , die Niederlagen der andern , die Not der andern , die begangenen Verrätereien , die Übergriffe der Großen , die Bedrückung der Geringen , die Vergewaltigung des Rechts und die Leiden , die täglich Tausende ertragen mußten , alles dies schmeichelte ihm , beschäftigte ihn und wiegte ihn in eine süße Empfindung von Sicherheit . Aber dann saß er zu Hause an seinem Klavier und spielte mit schwärmerischem Augenaufschlag ein Adagio von Beethoven oder ein Impromptu von Schubert . Wenn in einem Bachschen Oratorium die Chöre erschallten , wurde er vor Entzücken bleich , und er konnte Tränen vergießen beim Anhören eines kunstvoll gesungenen Liedes . Er liebte die Musik bis zur Abgötterei . Er war ein Kleinbürger mit entfesselten Instinkten . Er war ein Aufrührer von konservativer Haltung . Er war ein Nero ohne Diener , ohne Macht und ohne Land . Er war ein Musiker aus Verzweiflung und aus Eitelkeit . Er war ein Nero unserer Zeit . Der Nero unserer Zeit , in drei Stuben hausend ; einsamer Hagestolz und Bücherleser ; mit dem Krämer Meinungen über das Wetter tauschend ; mit dem Nachtwächter über magistratische Verordnungen räsonierend ; Wüterich in jeder Faser , heimlicher Henker ; dem Schicksal die unwahrscheinlichsten Verknüpfungen , die zerstörendsten Gewaltakte ablauernd ; beständig auf dem Pirschgang nach Unheil , Zank und Schändlichkeit ; frohlockend über alles Mißlingen und alle Bedrängnis nah und fern ; auf den innig ausgedachten Trümmern jedes Zusammenbruchs , der sich ereignete , befriedigt verweilend und neben solcher stillen Grausamkeit und Blutgier von einer quälenden Leidenschaft für die Musik erfüllt , dieses war Herr Carovius , so war sein Leben . 3 Neun Jahre lang hatte ihm seine Schwester Margaret die Wirtschaft geführt , von ihrem fünfzehnten bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr . Sie hatte sein Frühstück bereitet , sein Bett gemacht , seine Wäsche geflickt , seine Kleider gebürstet , und er hatte nicht viel mehr von ihr gewußt , als daß sie gelbe Haare , eine Haut voll Sommersprossen und eine furchtsame Kinderstimme besaß . Sein Erstaunen war grenzenlos , als eines Tages Andreas Döderlein , der den Sommer zuvor ins Haus gezogen war , um ihre Hand anhielt , denn sie war für ihn immer vierzehn Jahre alt geblieben . Er stellte Margaret zur Rede . Mit einem Mut , den aufzubringen sie lang gerungen hatte , erklärte sie , den Mann heiraten zu wollen . » Du bist eine schamlose Dirne , « sagte Herr Carovius , getraute sich aber nicht , Andreas Döderlein zurückzuweisen , und die Hochzeit fand statt . Eines Abends saß er bei dem jungen Paar . Andreas Döderlein war in guter Laune , ging zum Klavier und schlug das