, las gerade mit merklichem Behagen dem halb blinden Großonkel die in den letzten Tagen erschienenen kaiserlichen Edikte vor . Kwang Hsü sprach darin zum erstenmal öffentlich die Notwendigkeit von Reformen aus . Er sagte : » Schaut auf die Not der Zeit und die Schwäche des Reiches . Wie können wir je den Abgrund überschreiten , der die Schwachen von den Starken scheidet , wenn wir fortfahren wie bisher ? Unsere Armee ist undiszipliniert , die Finanzen sind zerrüttet , die Schüler unwissend , die Handwerker ungeübt . « Und gleichsam um sich im voraus vor Gegenwart und Vergangenheit zu rechtfertigen , hieß es weiter : » Auch die tugendreichen Herrscher des fernen Altertums hielten nicht immer mit starrem Eigensinn fest am Gewohnten , sondern waren bereit , sich dem Wechsel der Zeiten anzupassen - wie wir ja auch im Sommer Grasleinen und winters Pelze tragen . « Und nach diesen schönen allgemeinen Sätzen kam ein ganz bestimmter Vorschlag : der Kaiser Kwang Hsü empfahl nämlich , daß Mitglieder des kaiserlichen Clans , ja sogar Prinzen von Geblüt zum Studium nach Europa reisen möchten ! Lin te i war bei diesen Worten zuerst wie erstarrt . Alle Grundlagen bisheriger Weltordnung schienen ihm bei solchem umstürzlerischen Vorschlag zu wanken . Dann sagte er : » Bei aller Ehrfurcht vor Kwang Hsü , unserm Vater-Mutter , aber er sollte doch bedenken , daß schon Mencius lehrt : Wir haben wohl gehört , daß chinesische Weisheit benutzt worden ist , um Barbaren zu erleuchten , nie jedoch , daß China von den Barbaren Licht empfing . « » Wer mag den Sohn des Himmels wohl so beeinflussen ? Ist es der gelehrte Weng tung ho ? « frug ein Vetter . Da antwortete Sin schen , der Weitgereiste , der immer alles wußte : » Nein , der ist es nicht , aber einer , den er empfahl . Ein neuer Mann aus Kanton , Kang yu wei heißt er . « » Natürlich , « brummte Lin te i , » wieder einer aus dem südchinesischen Heuschreckenschwarm , der sich über uns ergießt . Ich habe gehört , daß es in Kanton so viel Menschen gibt , daß sie auf dem Lande keinen Platz mehr finden und darum in Böten auf dem Flusse leben müssen . Nun kommen sie zu uns und bringen gar noch alle ihre neuen Ideen mit . « » Kang yu wei soll schon großen Einfluß beim Kaiser gewonnen haben , « fuhr Sin schen wichtig fort , » er bringt ihm Uebersetzungen von den Büchern der Fremden und soll ihm empfohlen haben , einen ihrer Herrscher nachzuahmen , den sie Peter den Großen nennen . « » An der göttlichen Mutter Tzü Hsi hätte er doch wahrlich Vorbild genug , « unterbrach ihn Lin te i , aber Wang pao zuckte die Achseln und sagte bedeutsam : » Na , wenn nur die Hälfte von dem wahr ist , was man so gelegentlich über Tzü Hsi hört ! « » Hüte Deine Ohren und Deine Zunge , Vetter Wang pao , « erwiderte Sin schen , » denn Tzü Hsi erfährt schließlich alles . Das hab ' ich erst jetzt wieder gemerkt . Ihr wißt ja , ich mache manchmal Geschäfte mit dem Obereunuchen Li lien ying ... « » Das steigert Dein Ansehen sicher mehr , als es Deinen Beutel füllt , « unterbrach ihn Wang pao , und alle lachten , denn im ganzen Lande war der allmächtige Li lien ying gefürchtet wegen seiner Erpressungen und der Privatsteuer , die er von groß und gering erhob . Doch Sin schen erzählte unbeirrt weiter : » Da hab ' ich denn also ganz beiläufig erfahren , daß Li lien ying seine Leute sogar im Palast des Kaisers hat , und von allem , was sie ihm hinterbringen , erhält die göttliche Mutter sofort Nachricht . « » Ob sie da wohl immer die lautere Wahrheit erfährt ? « sagte ein anderer Vetter . » Li lien ying färbt alle Nachrichten nach seinem Belieben , und den Kaiser malt er ihr sicherlich schwarz . Man weiß doch , daß er seit Jahren Kwang Hsü wenig gewogen ist und ihm Schwierigkeiten bereitet , und ihn zu demütigen trachtet , wo er nur kann . Er soll ihn ja sogar mit Vorliebe am Eingangstor zu Tzü Hsis Palast warten lassen und von ihm Eintrittsgebühr erheben wie von den Bittstellern , die sich der gnadenreichen Gegenwart nähern wollen . « » Ja , dieser kleine Schuster hat es wahrlich weit gebracht ! « sagte Wang pao , und wieder lachten alle , denn es war der Spitzname , den Li lien ying trug , weil er in seinem Heimatsdorf als Knabe Lehrling bei einem Flickschuster gewesen war , ehe er das einträglichere Gewerbe ergriffen hatte , » seine Familie zu verlassen « . » Daß er den Kaiser jetzt weniger liebt denn je , ist übrigens begreiflich , « sagte Sin schen , » er muß natürlich befürchten , daß die Reformen seine Macht brechen werden und am Ende gar sein ehrenwerter Beruf bei Hof überhaupt abgeschafft werden könnte . « » Das wäre ein Segen ! « rief Wang pao . Und niemand widersprach ihm , nicht einmal Lin te i , der sich vielleicht entsinnen mochte , daß schon Konfuzius über die Verderbtheit der Palastwächter klagte und ihrem entnervenden Einfluß den Niedergang der Chou-Dynastie zuschrieb . Tschun wäre gern länger verweilt , denn die Vettern erzählten weiter von Li lien yings Geldgier und Anmaßung , und wie ihm beinah kaiserliche Ehren erwiesen würden , wenn er durchs Land reiste , um für die Gebieterin Tribut einzusammeln , von dem er dann stets ungeheure Summen in die eigene Schatzkammer abzuführen wußte . Doch es war nun Zeit , daß er aufbreche , und so beugte er denn ehrfurchtsvoll das Knie vor diesen vielwissenden älteren Verwandten . Die Uebersiedlung der Taitai in die Berge gestaltete sich zu einer Art