seine Brille näher an die Augen , wischte sich mit zwei Fingern über die Nasenflügel und begann zu lesen : » In Gottesnamen schreibe ich dieses nieder mit dem Gedanken und in der Meinung , daß es dereinst als mein letzter Wille gütlich geglaubt , wohl geacht und füglich in seinen Artikeln getreu befolget werde . Hab nicht gar wohl gelebt als eine verachte und mißgünstig betrachte Person ; hab aber dennoch anso gelebet , wie mir mein Herz befohlen ; doch darum um der feindlichen Christenlieb sei nicht geklagt . Ich mach mein Sach recht und hoff annoch auf einen gnädigen Richter . Wie es denn nun sein soll , so eröffne ich meiner von mir auferzogenen Tochter Maria Kathrein , daß sie ist eine leibliche Tochter des erlauchten Herren Georg von Höhenrain und der Katharina Elisabeth Paumgartner zu Stubenberg . Welche als ein junges und liebliches Maidlein die Küh gehütet und am Wald sich Kränz ins Haar geflochten hat , bis genannter edler Herr sie bei einer Hirschjagd erblickt und ein groß Verlangen nach ihr verspürt hat . Haben also in Lieb und Treuen genannte Jungfer Maria Kathrein gezeuget und mir dieselbe mit einem Zehrgeld von zwölf Gulden für das Jahr und einer Aussteuer von fünfhundert Gulden übergeben , da denn die Mutter des Kindleins noch als ein jung Blut hat von dieser Erden gehen müssen und liegt begraben bei der Kapellen des Schlosses auf Höhenrain . Und so hab ich das Mägdlein gehalten wie ein eigen Kind in Treuen und behütet bis auf diesen Tag . Hab als ein jung und einfältig Geschöpf mich versprochen einem handlichen Burschen , so als ein Holzfaller in Diensten des erlauchten und edlen Herren Georg von Höhenrain gestanden ist . Haben also Hochzeit miteinander gefeiert draußen im freien grünen Wald , wo der groß und mächtig Herrgott der Pfarrer und allerhand munter Getier und Vöglein getreue Zeugen gewesen sind , und hat er mich heimgeführet in sein Haus gleich einer ehelichen Hausfrau . Hab ihm alsbald einen lieblichen Knaben in die Wiegen gelegt , der aber leider als ein mannlicher Bursch hernach für seinen Herrn und Fürsten als ein tapferer Soldat das Leben gelassen , da ich wohl an die fünfzehn Jahr schon Wittib gewesen , alsdann denn auch mein lieber und getreuer Hort und Mann , noch bevor ich ihm ein sieben Jährlein angehöret , von einem rollenden Baumstammen erschlagen und auf der Stell ertödt worden . Hab also nicht Erben noch Sippschaft , so ein Anrecht auf itwelches Ding in meinem Haus , noch auf das Haus oder den Anger darum hätten ; und vermach ich also am heutigen Tag und auf diese Stund alles , was mein ist an Haus , Grund , Liegenschaft oder Gegenstand , sowie mein Sparpfennig von dreihundert Gulden guter Währung genannter Jungfer Maria Kathrein Paumgartner , welche ist in meinem Haus als ein rechtes und riegelsames Maidlein bis auf diese Stund , auch nit Anlaß gibt zu Schimpf und Schand . Weshalb ich genannter Maria Kathrein noch gebe den heiligen und kräftigen Segen : Der Herr segne sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes . Amen . In der blauen Truhen unter meiner Himmelbettstatt liegt zu finden das erst Gewändlein samt Schühlein und ein Beutel mit fünfhundert Gulden Besitztum genannter Jungfer Kathrein . Man begrab mich bei meinem Hause und lasse nicht Pfaff noch Leut dazu ; dieweilen ich die nicht gebraucht im Leben , sothan sie mir auch nichts helfen im Sterben und etwan auch nicht wohl reden nach meinem Verscheiden . Und so verleihe mir und genannter Jungfer Maria Kathrein unser lieber Herr ein gut Stund zum Leben und ein unschmerzlich Augenblicklein zum Absterben . Amen . So Gott will . Amen . Walburga Irscherin , Waldhäuslerin bei Sonnenreuth , geboren als des Wundarzten Rauff einzig Kind zu Au in Baiern . « Der Schreiber hatte zu Ende gelesen ; er nahm nun die Feder , einen Bogen sauberen Papiers und schrieb , indem er laut dazu sagte : » Dieses wahre und echte Schriftstück ist eigenhändig geschrieben und unterzeichnet am fünfundzwanzigsten Jänner des Jahres eintausendsiebenhundertsechsundneunzig zu Sonnenreuth , von der am dreißigsten Mai dahier verschiedenen Walburga Irscherin , gebürtig aus Au in Baiern . « Hier machte er eine Pause , dann schrieb und sagte er weiter : » Im Beisein der ehrenfesten Manner Korbinian Urber , Lindlschneider dahier , und Balthasar Meckinger , Staudenweber dahier , sowie der in Persona erschienenen Erbin , der Jungfrau Maria Katharina Paumgartner , gefunden , geprüft , unversehrt befunden , feierlich eröffnet und vorgelesen zu Sonnenreuth am zehnten Tag im Heumonat des Jahres eintausendachthundertundeins . « Er überlas das Ganze noch einmal halblaut und rief darauf : » Trete die Jungfer näher und unterzeichne Sie das Protokoll ! ... Wollen die Manner als Zeugen ihre Namen daruntersetzen zur Beglaubigung ! « Damit nahm er die Feder , tauchte sie in die Tinte und hielt sie mit feierlicher Gebärde dem Kathreinl hin . Das Mädchen hatte schon während des Ablesens leise zu weinen begonnen , und als sie nun ihren Namen kritzelnd unter das Protokoll setzte , tropften ihre Tränen auf das Papier . Nach ihr unterschrieben die beiden Bauern , oder vielmehr , sie setzten ein jeder drei große Kreuze nebst einem Buchstaben auf das Schriftstück , und zum Schluß machte der Aktenlippel noch einen schwunghaften Schnörkel darunter , übergab dem Kathreinl die Urkunde des Testaments , langte nach seinem Käpplein und sagte : » Komme die Jungfer im Laufe des Tages auf die Bürgermeisterei und hole Sie andorten ihre Kuh und Geißen ab und gebe Verfügungen wegen Ihres Besitzes und Erbes ! « Darnach wandte er sich an die Männer : » Wollen wir gehen ! « Nun nahmen auch die beiden ihre Hüte , und alle drei gingen , kurz grüßend , aus dem Haus und ließen uns allein . Unbeweglich saß das Kathreinl in seinem Stuhl ; ihre Augen waren noch naß , und sie